Russisches Aluminium dominiert schrumpfenden LME-Puffer
Die Aluminiumvorräte der London Metal Exchange sind auf den niedrigsten Stand seit 1990 gefallen. Im laufenden Jahr haben sich die registrierten Bestände auf rund 250.000 Tonnen halbiert. Produktionsausfälle am Golf verknappen das Angebot, während Preis und Terminstruktur bislang erstaunlich gelassen reagieren.
Nach den US-israelischen Angriffen auf den Iran vom 28. Februar fehlen am Golf rechnerisch rund zwei Millionen Tonnen Primäraluminium pro Jahr. Käufer greifen deshalb stärker auf die LME-Lager zurück, die im Metallhandel als Versorgungspuffer dienen. Besonders sichtbar ist der Ausfall beim Aluminiumproduzenten Emirates Global Aluminium (EGA).
Al Taweelah prägt den Produktionsausfall am Golf
Im ersten Halbjahr 2026 sank EGAs Gussmetallproduktion um 29 % auf rund eine Million Tonnen. Hauptgrund war die geringere Produktion in Al Taweelah, einem großen Aluminiumkomplex im Emirat Abu Dhabi.
Am 28. März beschädigten iranische Angriffe den Standort schwer und zwangen Al Taweelah zum vollständigen Stillstand. Bis Montag, 10. August, waren 18 % der Elektrolysezellen wieder in Betrieb. EGA erwartet die Rückkehr der Primärproduktion auf das Vorkrisenniveau im ersten Quartal 2027.
Der Konflikt traf zugleich die Exportlogistik. EGA nutzt alternative Exportwege über Häfen außerhalb der Straße von Hormus. Ein Branchenbericht nannte bereits im März einen Hafen in Oman als mögliche Ausweichroute, EGA bestätigte diese Angabe nicht. Solche Umleitungen verlängern die Transportkette und können wegen begrenzter Hafen- und Landkapazitäten mehr Zeit und Geld kosten. Nach Unternehmensangaben bleibt das frühere Versandniveau vorerst an eine Wiederöffnung der Meerenge gebunden.
Entlastung kommt aus Asien. Chinas Ausfuhren von Rohaluminium und Aluminiumprodukten erreichten von Januar bis Juli rund 4 Mio. Tonnen, 16,7 % mehr als ein Jahr zuvor. Indonesiens Exporte von Primäraluminium lagen von Januar bis Mai 2026 um 58 % über dem Vorjahreszeitraum. Die zusätzlichen Mengen helfen, die Ausfälle am Golf abzufedern.
Russisches Metall dominiert den verbliebenen LME-Puffer
Mehr globales Aluminium löst das Problem der Börsenlager dennoch nur teilweise. Indische Marken sind dort fast verschwunden. Ihre registrierten Bestände sanken binnen zwölf Monaten von 236.000 auf 12.450 Tonnen. Russisches Metall stellt damit fast den gesamten verbliebenen Vorrat.
Auch der Bestand ohne LME-Lagerschein ist stark geschrumpft. Die nicht registrierten Bestände lagen zuletzt bei rund 86.000 Tonnen, davon etwa 26.000 Tonnen in Port Klang in Malaysia.
Der Abfluss lässt sich auch an den physischen Aufschlägen ablesen. Für Lieferungen nach Asien wurden im zweiten Quartal 350 bis 353 USD je Tonne über dem LME-Kassapreis vereinbart. Das war der höchste Aufschlag seit elf Jahren.
Ende Juli entfielen 95 % der verfügbaren 245.250 Tonnen im LME-System auf russische Marken. Für Käufer ist diese Zusammensetzung problematisch, weil ein großer Teil des Metalls kaum abfließt. Russisches Aluminium aus Produktion ab 13. April 2024 darf nicht neu in LME-Lagern registriert werden. Die Europäische Union beschloss 2025 zudem ein Importverbot für russisches Primäraluminium mit einer zwölfmonatigen Übergangsquote.
Der verbliebene russische Bestand lagert vor allem in Gwangyang in Südkorea, Port Klang in Malaysia und Kaohsiung in Taiwan. Abgesehen von kleineren Abflüssen in Gwangyang wurde dieses Metall seit Monaten kaum bewegt. Viele Käufer in Asien meiden es ebenfalls. Der nominelle Bestand überzeichnet damit die Menge, die dem physischen Markt tatsächlich leicht zufließt.
Ein großer Halter verschärft den Engpass am Terminmarkt
Zur knappen Auswahl kommt eine ungewöhnliche Eigentümerstruktur. Nach LME-Daten hält ein einzelner Akteur 80 bis 90 % der registrierten Bestände. Werden Kassapositionen einbezogen, liegt sein Anteil bei mehr als 90 %. Die Börse stuft solche Konzentrationen als dominant ein.
Wer einen sehr großen Teil des verfügbaren Metalls kontrolliert, muss anderen Marktteilnehmern unter festgelegten Bedingungen Aluminium leihen. Ab einem Anteil von 50 % begrenzt die LME den zulässigen Aufschlag für solche Leihgeschäfte. Bei 80 % wird die Grenze enger. Oberhalb von 90 % muss Metall zum maßgeblichen Börsenpreis ohne zusätzlichen Aufschlag angeboten werden.
Für Positionen im nächstfälligen Monatskontrakt gelten seit 17. März 2026 dauerhaft ähnliche gestaffelte Regeln. Eine solche Position darf außerdem 150 % des gesamten verfügbaren LME-Bestands nicht überschreiten. Die Regeln sollen verhindern, dass ein einzelner großer Halter bei knappen Lagern den Preis übermäßig beeinflussen kann.
Das kann erklären, warum der Terminmarkt trotz der Knappheit gelassen wirkt. Der LME-Kassapreis lag nur rund 8 USD je Tonne über dem Dreimonatstermin. Dieser geringe Aufschlag signalisiert bislang wenig unmittelbaren Lieferstress, obwohl kaum noch nicht-russisches Metall im System verfügbar ist.
Der nächste Test folgt mit dem August-Termin am kommenden Montag, 17. August. Vier größere Verkaufspositionen liegen auf diesem wichtigen Fälligkeitstag. Eine davon entspricht 20 bis 29 Prozent aller noch offenen Kontrakte, umgerechnet rund 155.000 bis 225.000 Tonnen. Der Verkäufer kann die Position durch physische Lieferung decken. In der angespannten Versorgungslage könnte gerade das schwierig werden.
Der Markt setzt zugleich auf weitere Produktionsfortschritte am Golf und auf genügend neues Metall aus Asien. Bis dahin bleibt der LME-Puffer ungewöhnlich schmal und schwer nutzbar. Die August-Fälligkeit liefert einen wichtigen Belastungstest für die verschärften Leihregeln.

