Rotterdam erhält drei Referenzwerte für Aluminium
Europa bekommt neue Referenzpreise für den physischen Aluminiummarkt. LME Insight startet im September drei Bewertungen für physische Aluminiumprämien in Europa. Der Preisberichtsdienst ist eine Marke von Commodity Pricing and Analysis, einer Schwestergesellschaft der London Metal Exchange innerhalb der HKEX Group, und arbeitet methodisch sowie redaktionell eigenständig.
Die LME listet bereits zwei finanziell abgerechnete europäische Aluminium-Prämienkontrakte, deren Abrechnung auf Bewertungen des Preisberichtsdienstes Fastmarkets basiert. LME Insight ergänzt dieses Preisgefüge nun um eigene Bewertungen, die Transaktionsdaten von Produzenten mit weiteren qualifizierten Marktinformationen verbinden sollen. Die Marktkonsultation dafür endete am 19. August.
LME Insight will in Rotterdam zwei Prämien für P1020A-Aluminium veröffentlichen. P1020A bezeichnet eine hochgradige Primäraluminiumqualität, die auch dem Aluminiumkontrakt der London Metal Exchange zugrunde liegt. Eine Bewertung erfasst verzollte Ware, die andere unverzolltes Metall. Hinzu kommt ein gesonderter Aufschlag für qualifiziertes, nachhaltiger erzeugtes Aluminium.
Physische Prämien werden zum zweiten Aluminiumpreis
Ausgangspunkt bleibt der offizielle Kassapreis der London Metal Exchange. Die neuen Bewertungen sollen zeigen, welchen zusätzlichen Preis Käufer für physisch verfügbares Metall in Europa zahlen. Transport, Zölle und regionale Verfügbarkeit können den Endpreis erheblich vom reinen LME-Kurs entfernen.
Wie weit sich die Prämie vom Börsenpreis lösen kann, zeigt derzeit der US-Markt. Reuters-Kolumnist Andy Home verweist auf eine US-Midwest-Prämie von 2.467 USD je Tonne. Das waren rund 850 USD mehr als das rechnerische Niveau des 50-Prozent-Importzolls. Der Aufschlag spiegelt mehr als die reine Zollbelastung, indem er zeigt, wie knapp physisch verfügbares Metall in bestimmten Regionen werden kann.
Die USA zeigen, wie teuer knappe Verfügbarkeit wird
Die Nettoimportabhängigkeit der Vereinigten Staaten bei Aluminium lag 2025 laut der Rohstoffbehörde US Geological Survey bei 60 %. Für 2025 listete die Behörde sechs Primärhütten in fünf Bundesstaaten, darunter zwei längerfristig stillgelegte Anlagen. Die nominale Schmelzkapazität lag bei 1,31 Mio. Tonnen jährlich.
Zusätzlichen Druck erzeugt der Ausfall beim Aluminiumproduzenten Emirates Global Aluminium (EGA). Das Werk Al Taweelah wurde am 28. März nach einem iranischen Angriff auf die Khalifa Economic Zone Abu Dhabi notabgeschaltet. Dabei entstand erheblicher Schaden. Seitdem sind die US-Importe aus den Vereinigten Arabischen Emiraten laut Reuters deutlich gefallen.
Am 26. August waren erst 315 von 1.262 Elektrolysezellen wieder angefahren. EGA erwartet die Rückkehr zur Produktion auf dem Niveau vor dem Zwischenfall erst im ersten Quartal 2027. Damit bleibt ein wichtiger Lieferant noch über Monate unter seinem früheren Produktionsniveau.
Besonders heikel ist die Lage bei hochreinem Aluminium (High Purity Aluminium, HPA). Dieses Material wird in speziellen Legierungen für wichtige amerikanische Rüstungssysteme benötigt. Nach einer Analyse der Behörde für militärische Versorgung gibt es in den USA nur einen einzigen HPA-Produzenten.
Ein Planspiel des US-Verteidigungsministeriums hatte diese Verwundbarkeit bereits untersucht. Demnach helfen neue Hütten, Wiederanläufe und mehr Recycling langfristig, den kurzfristigen Bedarf lösen sie jedoch nicht. Regionale Verfügbarkeit wird deshalb zu einem eigenständigen Preisfaktor.
Neue US-Kapazität kommt erst mit Verzögerung
Ein Beispiel ist das geplante Hüttenprojekt in Inola im US-Bundesstaat Oklahoma. Der Aluminiumproduzent Century Aluminum US1564311082 899867 entwickelt es gemeinsam mit Emirates Global Aluminium. Das Vorhaben verfügt über einen Förderrahmen des US-Energieministeriums von bis zu 500 Mio. USD.
Century beziffert die geplante Jahreskapazität inzwischen auf 750.000 Tonnen. Damit würde die Anlage die heutige US-Produktion von Primäraluminium mehr als verdoppeln. Der Bau soll bis Jahresende beginnen, die erste Produktion bis zum Ende des Jahrzehnts. Allerdings beantragte der Generalstaatsanwalt von Oklahoma am 11. August eine einstweilige Verfügung gegen den Projektstart, unter anderem wegen befürchteter Umwelt-, Gesundheits- und Stromnetzrisiken. Der Antrag soll den Baubeginn bis zur Entscheidung über die Klage stoppen.
Washington versucht zugleich, Investitionen über den Zollmechanismus zu erleichtern. Eine Proklamation vom 20. Juli richtet dafür ein Anreizprogramm für den Bau, Ausbau oder die Modernisierung von US-Aluminiumhütten ein. Bei genehmigten Plänen können Unternehmen jährlich Primäraluminium bis zur erwarteten Jahresproduktion der fertiggestellten Anlage zum halben sonst geltenden Section-232-Zollsatz importieren.
Für Modernisierungen ist die Vergünstigung auf den Wert der Investition begrenzt. Section 232 des Trade Expansion Act schafft dafür den nationalen Sicherheitsrahmen. Stellt das US-Handelsministerium nach einer Untersuchung fest, dass Einfuhren die nationale Sicherheit zu beeinträchtigen drohen, kann der Präsident die Einfuhren beschränken oder anderweitig anpassen.
Bestehende Anlagen liefern schneller zusätzliche Mengen, allerdings in begrenztem Umfang. Century hat am Standort Mount Holly in South Carolina 50.000 Tonnen Jahreskapazität reaktiviert. Auch beim Recycling entstehen zusätzliche Kapazitäten, doch die strukturelle Lücke bleibt groß.
CBAM schärft Europas Blick auf regionale Aufschläge
LME Insight setzt bei dieser Preisbildung an. Die beiden Rotterdam-Prämien sollen wöchentlich veröffentlicht werden und Transaktionen ab 100 Tonnen abbilden. Die verzollte Bewertung berücksichtigt den europäischen CO₂-Grenzausgleich CBAM, bei unverzollter Ware ist er nicht enthalten.
Der endgültige CBAM-Regelbetrieb gilt seit dem 1. Januar 2026 und erfasst auch Aluminium. Er soll die eingebetteten Emissionen bestimmter Importe mit einem CO2-Preis belegen. Die Trennung zwischen verzollter und unverzollter Ware gewinnt dadurch zusätzliche wirtschaftliche Bedeutung.
Der zusätzliche Nachhaltigkeitsaufschlag wird monatlich erhoben. Dafür gilt unter anderem eine Emissionsgrenze von höchstens acht Tonnen CO₂-Äquivalent je Tonne Aluminium. Zudem verlangt die Methodik eine Zertifizierung nach dem Leistungsstandard der Aluminium Stewardship Initiative, einer Branchenorganisation für Nachhaltigkeitsstandards.
Je knapper verfügbares Metall wird, desto stärker entscheidet der Standort über den tatsächlich gezahlten Preis. Zölle, Logistik, Herkunft und CO₂-Kosten treten neben den Börsenkurs. Für Aluminiumkäufer wird so genauer messbar, was Verfügbarkeit in ihrer jeweiligen Region tatsächlich kostet.

