Mercuria warnt vor einer schweren Versorgungslücke am Aluminiummarkt
Der globale Aluminiummarkt steckt nach Einschätzung des Rohstoffhändlers Mercuria Energy Group bereits in einem ungewöhnlich schweren Versorgungsschock. Grund sind Störungen durch den Krieg im Nahen Osten. Mercuria rechnet bis Jahresende mit einem Defizit von mindestens 2 Mio. Tonnen. Das würde einen Markt treffen, der ohnehin kaum noch Lagerpuffer hat.
Nick Snowdon, Leiter der Metall- und Bergbauanalyse bei Mercuria, spricht laut Reuters von einem "Schwarzen Schwan" – also einem Ereignis, das der Markt in dieser Größenordnung nicht auf dem Zettel hatte. Besonders heikel: Aluminium wird breit eingesetzt, vom Transport über den Bau bis hin zu Verpackungen.
Nahost-Konflikt gefährdet zentrale Aluminium-Versorgung
Der Nahen Osten verfügt über rund 7 Mio. Tonnen jährliche Hüttenkapazität, das entspricht etwa 9 % des für dieses Jahr geschätzten Weltangebots. Fällt ein Teil dieser Produktion aus oder wird der Nachschub an Vorprodukten gestört, wirkt sich das weit über die Region hinaus aus.
Im Fokus bei solchen Produkten steht Aluminiumoxid als wichtigstes Vorprodukt für die Aluminiumherstellung. Mercuria geht zwar davon aus, dass sich die Lieferströme durch die Straße von Hormus kurzfristig etwas verbessern und einzelne Schmelzen ihre Produktion noch in diesem Quartal wieder hochfahren können. Doch selbst dieses optimistische Szenario entschärft die Lage kaum: Auf dieser Grundlage erwartet Mercuria bereits eine erhebliche Versorgungslücke. Sollte die Erholung ausbleiben und der Zufluss in die Golfstaaten eingeschränkt bleiben, könnte das Defizit laut Snowdon noch deutlich größer ausfallen
Die Lager reichen für einen längeren Ausfall kaum aus
Laut Mercuria steht dem erwarteten Fehlbetrag von rund 2 Mio. Tonnen nur ein offizieller Lagerbestand von etwa 1,5 Mio. Tonnen gegenüber. Selbst unter Einbeziehung verdeckter Bestände summieren sich die globalen Vorräte laut Reuters nur auf etwas mehr als 3 Mio. Tonnen.
Damit wird klar, warum die Marktreaktion so heftig ausfällt. Aluminium an der London Metal Exchange stieg am 16. April auf 3.672 USD je Tonne und erreichte damit ein Vierjahreshoch. Der Preisanstieg spiegelt also nicht nur Nervosität wider, sondern vor allem die Sorge, dass reale Lieferlücken nur mit Mühe abgefedert werden können.
Auch die Aufschläge für physisch verfügbares Metall ziehen stark an. In den USA kletterte die Prämie auf den Rekordwert von 1,14 USD je Pfund beziehungsweise 2.521,50 USD je Tonne. In Europa stieg sie Anfang April auf 599 USD je Tonne und damit auf den höchsten Stand seit fast vier Jahren.
Europa und die USA sind besonders verwundbar
Für westliche Abnehmer ist der Schock besonders unangenehm, weil Ersatz kurzfristig kaum zu beschaffen ist. China als weltweit größter Produzent kann den Ausfall nicht einfach ausgleichen, da dort eine jährliche Produktionsobergrenze von 45 Mio. Tonnen gilt. In den USA und in Europa gibt es zugleich nur wenige brachliegende Kapazitäten, die rasch wieder hochgefahren werden könnten.
Hinzu kommt die enge Importabhängigkeit. Nach Daten von Trade Data Monitor entfielen im vergangenen Jahr fast 22 % der 3,4 Mio. Tonnen Primär und Legierungsaluminium, die in die USA eingeführt wurden, auf den Nahen Osten. Europa bezog demnach rund 1,2 Mio. Tonnen beziehungsweise 18,5 % seiner entsprechenden Importe aus der Region.
Der Markt spiegelt die Erwartung wider. Er reagiert nicht nur auf einen Preissprung, sondern auf die Aussicht, dass eine wichtige eine Lieferverbindung für die westliche Industrie unterbrochen wurde. Solange der Konflikt und die Logistik durch die Region unsicher bleiben, dürfte Aluminium ein Markt mit hohem Preisdruck und knappen Reserven bleiben.

