Yttrium wird zum Risiko für Japans Fabriken
Japans Industrie könnte noch vor Jahresende das für zahlreiche Anwendungen erforderliche Yttrium ausgehen. Chinesische Lieferungen sind drastisch zurückgegangen, während die Vorräte bei industriellen Abnehmern schwinden. Tokio sucht deshalb Unterstützung in Washington, um Produktionsprobleme in wichtigen Branchen abzuwenden.
Das Ausmaß des Einbruchs lässt sich an den jüngsten Zahlen der chinesischen Zollverwaltung ablesen. Im September 2026 exportierte China lediglich vier Tonnen Yttriumoxid nach Japan. Im Vorjahr waren es noch 51 Tonnen. Von Januar bis September summierten sich die Lieferungen auf nur 18 Tonnen, nach 888 Tonnen im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Das entspricht einem Rückgang um rund 98 %.
Ein Vertreter des japanischen Industrieministeriums bestätigte am vergangenen Mittwoch, dass die Ausfuhren des Rohstoffs auch weltweit stark ins Stocken geraten seien. Neben den knappen Mengen erschwerten verzögerte Lieferungen die Versorgung.
Chinas Exportlizenzen verschärfen die Abhängigkeit
Bei der Förderung und Verarbeitung Seltener Erden nimmt China eine dominante Stellung ein. Seit dem April vergangenen Jahres gelten für sieben dieser Elemente, darunter Yttrium, chinesische Exportkontrollen. Unternehmen benötigen für die Ausfuhr eine Genehmigung des Handelsministeriums. Die Vorschriften umfassen auch Yttriumoxid, Legierungen und weitere chemische Verbindungen. Lieferungen lassen sich auf diese Weise gezielt beschränken, ohne dass ein vollständiges Exportverbot erforderlich ist.
Für Abnehmer außerhalb Chinas ist vor allem die Konzentration der Verarbeitungskapazitäten problematisch. Seltene Erden müssen aus mineralischen Gemischen getrennt und anschließend für die jeweilige industrielle Verwendung aufbereitet werden. Dafür sind spezialisierte Verfahren und hohe Investitionen erforderlich. Selbst die Erschließung zusätzlicher Rohstoffvorkommen kann den bestehenden Engpass deshalb kurzfristig nicht beseitigen.
Wie ausgeprägt diese Abhängigkeit ist, belegen Zahlen der der amerikanischen Rohstoffbehörde US Geological Survey (USGS). Rechnerisch waren die USA 2025 bei Yttrium vollständig auf Importe angewiesen. Dem im Februar 2026 veröffentlichten Bericht zufolge verfügte das Land über keine vollkommerziellen Anlagen zur Trennung oder Raffination von Yttrium.
Die Knappheit schlägt sich inzwischen massiv in den Preisen nieder. Nach Erhebungen des Rohstoff-Preisdienstes Argus kostet Yttriumoxid außerhalb Chinas rund 1.150 USD je Kilogramm. Auf dem chinesischen Binnenmarkt liegt der Preis dagegen bei etwa neun USD. Binnen zwei Jahren hat sich der Auslandswert damit um den Faktor 179 erhöht. Dieses enorme Preisgefälle spiegelt die stark unterschiedlichen Versorgungsbedingungen innerhalb und außerhalb Chinas wider.
Knappheit gefährdet mehrere Industriezweige
Yttrium gehört zu den Seltenen Erden und wird unter anderem dort eingesetzt, wo Materialien hohen Temperaturen und starken Belastungen standhalten müssen. So enthalten spezielle Schutzschichten auf Triebwerkskomponenten den Rohstoff. In der Halbleiterfertigung kommt er beispielsweise bei Beschichtungen von Prozesskammern zum Einsatz, in denen mithilfe von Plasma winzige Strukturen in Materialien geätzt werden.
Entsprechend weit reichen die möglichen Folgen einer anhaltenden Knappheit. Amerikanische Rüstungsunternehmen beziehen etwa Komponenten japanischer Zulieferer, bei deren Herstellung Yttrium verwendet wird. Auch die Automobilindustrie und Hersteller von Fertigungsanlagen müssen bei längeren Lieferunterbrechungen mit erheblichen Schwierigkeiten rechnen.
Erste konkrete Auswirkungen wurden bereits Anfang 2026 in Nordamerika sichtbar. Führungskräfte zweier Beschichtungsunternehmen berichteten der Nachrichtenagentur Reuters im Februar von zeitweiligen Produktionsunterbrechungen aufgrund fehlenden Yttriums. Einer der Hersteller musste außerdem kleinere Kunden abweisen, um die verbliebenen Bestände für größere Abnehmer zu reservieren.
Für flächendeckende Produktionsstillstände in Japan gibt es bislang keine Belege. Allerdings nehmen dort die Lagerbestände laut Regierungsvertretern bereits ab. Ein sparsamerer Materialeinsatz kann die fehlenden Liefermengen zudem nur begrenzt ausgleichen. Daher halten Vertreter der japanischen Regierung und Führungskräfte von Handelshäusern Versorgungsengpässe bis Ende 2026 für möglich, sofern sich die Lieferbedingungen nicht verbessern.
Tokio sucht Unterstützung bei den USA
Um den drohenden Engpass abzuwenden, will die japanische Regierung Washington stärker in die Gespräche über die chinesischen Exportbeschränkungen einbeziehen. Nach Informationen der britischen Wirtschaftszeitung Financial Times hat sich Tokio dafür auch an führende amerikanische Unternehmen gewandt.
Die Abstimmung zwischen beiden Ländern läuft bereits seit einiger Zeit. Im September berieten Vertreter des US-Energieministeriums und des japanischen Industrieministeriums in einer gemeinsamen Arbeitsgruppe über Engpässe bei kritischen Mineralien. Nach Angaben seines Industrieministeriums stimmt sich Japan darüber hinaus mit europäischen Partnern ab.
Washington wirft Peking vor, vereinbarte Lockerungen der Ausfuhrbeschränkungen nur teilweise umzusetzen. Grundlage sind Handelsabsprachen vom Oktober 2025, deren Zusagen China im Mai 2026 erneut bekräftigte. Ein hochrangiger US-Regierungsvertreter erklärte, China erfülle gegenüber den USA etwa zwei Drittel seiner Verpflichtungen. Japan erhalte nach seiner Darstellung hingegen nur sehr geringe Liefermengen.
Politische Spannungen erschweren Verhandlungen
Über den Handelskonflikt hinaus belasten Differenzen zwischen Peking und Tokio die Beziehungen. Die verschärften chinesischen Exportkontrollen gegenüber Japan stehen auch im Zusammenhang mit Äußerungen von Ministerpräsidentin Sanae Takaichi über einen möglichen Konflikt um Taiwan. Peking wertete ihre Aussagen als Provokation.
Am 21. Oktober verteidigte eine Sprecherin des chinesischen Außenministeriums die Kontrollen. Zugleich warf sie Japan vor, eine Wiederaufrüstung und den Erwerb von Atomwaffen anzustreben. Die derzeitigen japanischen Verteidigungspläne sehen eine solche nukleare Bewaffnung allerdings nicht vor.
Die Rohstoffprobleme wirken sich auch auf die Luftfahrtindustrie beider Großmächte aus. Nach Angaben amerikanischer Regierungsvertreter können derzeit benötigte Triebwerke für das chinesische Passagierflugzeug C919 des Herstellers Comac nicht geliefert werden. Als Grund nennen sie Produktionsbeschränkungen infolge des Yttriummangels.
Ein im Mai vereinbarter Kauf von 200 Flugzeugen bei Boeing ist ebenfalls noch nicht vollzogen worden. Laut Financial Times spielen dabei auch Schwierigkeiten im Zusammenhang mit kritischen Mineralien eine Rolle.
Ersatzstoffe und neue Lieferquellen brauchen Zeit
Wie lange die japanischen Vorräte ausreichen, hängt vor allem von zusätzlichen Lieferungen, verfügbaren Lagerbeständen und möglichen Ersatzmaterialien ab. Die Suche nach Ersatzstoffen gestaltet sich technisch schwierig. Für bestimmte Anwendungen kommen zwar andere Materialien infrage, doch erreichen diese häufig nicht dieselben Eigenschaften. Nach Angaben des USGS lässt sich Yttriumoxid bei bestimmten Keramiken beispielsweise durch Calciumoxid oder Magnesiumoxid ersetzen. Allerdings kann dadurch die Widerstandsfähigkeit des Materials abnehmen.
Zulieferer der Luftfahrtindustrie prüfen laut Reuters inzwischen auch ältere Rezepturen für hitzebeständige Turbinenbeschichtungen. Fachleute rechnen jedoch damit, dass die Entwicklung gleichwertiger Alternativen mehrere Jahre beanspruchen könnte. Für den drohenden Versorgungsengpass in Japan bietet dieser Ansatz daher vorerst keine kurzfristige Lösung.
Ähnlich sieht es beim Aufbau zusätzlicher Lieferketten aus. Der australische Seltene-Erden-Produzent Lynas Rare Earths AU000000LYC6 871899 plant, Anfang 2028 in Malaysia mit einer eigenen Yttriumproduktion zu beginnen.
Eine im März 2026 erneuerte Liefervereinbarung sieht vor, dass Lynas japanischen Abnehmern bis zu 75 % seiner Oxidproduktion aus schweren Seltenen Erden zur Verfügung stellen kann. Für 50 % dieser Produktion besteht bereits eine feste Abnahmezusage. Darüber hinausgehende Lieferungen unterliegen weiteren wirtschaftlichen Bedingungen. Die geplante Yttriumproduktion beginnt damit zu spät, um Japans unmittelbar drohenden Engpass abzufangen.
Auch durch Recycling ist kurzfristig kaum Entlastung zu erwarten. Die amerikanische Rohstoffbehörde bezeichnet die Rückgewinnung von Yttrium in ihrer Marktübersicht für 2025 als mengenmäßig unbedeutend. Zusätzliche Versorgungskapazitäten müssen deshalb vor allem durch neue Aufbereitungsanlagen und verlässlichere Lieferbeziehungen entstehen.
Gracelin Baskaran vom Washingtoner Forschungsinstitut Center for Strategic and International Studies erwartet ebenfalls anhaltende Belastungen für japanische Unternehmen. Die wirtschaftlichen Folgen können dabei weit über die fehlenden Rohstoffmengen hinausgehen. Bereits das Fehlen vergleichsweise kleiner Yttriummengen kann die Fertigung technisch anspruchsvoller Komponenten beeinträchtigen.
Japan gerät dadurch zunehmend unter Zeitdruck. Während die vorhandenen Bestände schrumpfen, werden alternative Bezugsquellen erst mittel- bis langfristig verfügbar. Bleiben zusätzliche Lieferungen aus China aus, dürfte auch der Druck auf Japans internationale Handelspartner weiter zunehmen.

