Tokio greift nach dem Rohstoffschatz unter dem Pazifik

Tokio greift nach dem Rohstoffschatz unter dem Pazifik picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Uncredited

Japan bereitet vor der Insel Minamitorishima den bislang wohl tiefsten Abbau Seltener Erden vor. Minamitorishima liegt mehr als 1.600 Kilometer südöstlich von Tokio und ist kaum größer als einige Stadtblöcke. Auf der flachen Insel befinden sich im Wesentlichen eine Wetterstation und eine Landebahn.

Die japanische Meeresforschungsagentur JAMSTEC legte im Juli die Auswertung des weltweit ersten kontinuierlichen Förderversuchs in dieser Tiefenklasse vor. Das für Einsätze in rund 6.000 Metern Tiefe entwickelte System wurde am konkreten Testort bis zum 5.569 Meter tiefen Meeresboden hinabgelassen. Dort förderte JAMSTEC erstmals kontinuierlich Seltene-Erden-Schlamm an die Oberfläche. Der Test fand im Rahmen des strategischen Innovationsprogramms SIP des Kabinettsamts mit dem Tiefseebohrschiff Chikyu statt.

Bei dem dreitägigen Versuch wurden aus drei Seltene-Erden-Schichten rund 50 Tonnen Schlamm geborgen. Etwa 54 % des enthaltenen Gesamtgehalts an Seltenen Erden entfielen auf mittlere und schwere Elemente. Dazu gehörten Yttrium, Gadolinium und Dysprosium. Signifikante Mengen radioaktiver oder anderer Schadstoffe wurden nicht festgestellt.

Japans Tiefseeprojekt wird technisch greifbarer

Unter der japanischen Wirtschaftszone liegt Schlamm mit hohen Konzentrationen Seltener Erden. Eine Forschungsgruppe der Universität Tokio schätzte die Ressourcen 2018 auf mehr als 16 Mio. Tonnen Seltene-Erden-Oxide. Allein das vermutete Yttrium könnte nach dieser Schätzung den Weltbedarf für 780 Jahre decken. Yttrium wird unter anderem für Leucht- und Displaytechnik, Keramiken, Laser und Elektronik gebraucht. Damit zählt gerade eines der mengenmäßig bedeutendsten Vorkommen zu den industriell vielseitig verwendeten Elementen.

Das von JAMSTEC erprobte geschlossene Kreislaufsystem baut auf Bohrtechnik aus der Öl- und Gasindustrie auf. Es soll aufgewirbelte Partikel im Förderkreislauf halten und dadurch die Belastung des Meeres begrenzen. Der Wasserdruck am Testpunkt knapp 5,6 Kilometer unter der Oberfläche liegt grob beim 600-Fachen des Luftdrucks auf Meereshöhe. Die technische Umgebung ist deshalb außergewöhnlich anspruchsvoll.

Chinas Dominanz erhöht den strategischen Wert

Ob sich dieser Aufwand wirtschaftlich rechtfertigt, lässt sich kaum losgelöst von Japans Abhängigkeit bewerten. China beherrscht große Teile der Lieferkette für schwere Seltene Erden. Das Land steht für rund 60 % der Förderung und mehr als 90 % bei Raffination und Magnetfertigung. Tokio importiert weiterhin rund zwei Drittel seiner Seltenen Erden aus China. Diese Abhängigkeit trifft besonders die Herstellung von Hochleistungsmagneten für Elektrofahrzeuge und andere anspruchsvolle Anwendungen.

Japan hat seine Bezugsquellen seit den chinesischen Lieferbeschränkungen von 2010 bereits breiter aufgestellt. Minamitorishima könnte erstmals eine große heimische Quelle für schwere Seltene Erden eröffnen. Japans langfristige Wachstumsstrategie sieht bis 2040 rund 5,7 Mrd. USD für die Entwicklung von Tiefseerohstoffen vor.

Wirtschaftlich ist die Rechnung bislang ungünstig. Eine private Branchenschätzung setzt die Förderung auf etwa das Dreifache der Kosten chinesischer Landförderung. Die Wirtschaftszeitung Financial Times bezifferte die bereits angefallenen Erkundungsausgaben im Februar 2026 auf rund 255 Mio. USD.

Für Tokio gewinnt Versorgungssicherheit deshalb gegenüber einem reinen Kostenvergleich mit chinesischen Importen an Gewicht. Eine heimische Quelle könnte den politischen Einfluss künftiger Lieferbeschränkungen auf japanische Industrien verringern.

Washington bindet Industrie und Politik enger ein

US-Präsident Donald Trump und Japans Ministerpräsidentin Sanae Takaichi nahmen Minamitorishima bereits im März 2026 auf die gemeinsame Agenda. Beide Regierungen vereinbarten eine formelle Zusammenarbeit zur wirtschaftlich tragfähigen Entwicklung von Tiefseerohstoffen. Das Memorandum nennt Minamitorishima ausdrücklich und sieht gemeinsame Forschung sowie industrielle Kooperation vor. Das japanische Wirtschaftsministerium und NOAA sollen eine bilaterale Arbeitsgruppe führen.

Die Arbeitsgruppe soll Industriepartner einbinden, Technologien austauschen und die gemeinsame Nutzung geeigneter Tiefseeanlagen prüfen. Bislang liegt die technische Führung des Projekts vollständig bei Japan. Mit der engeren Zusammenarbeit könnten jedoch amerikanische Spezialisten hinzukommen.

Zu den möglichen Partnern zählt Deep Reach Technology, ein US-Fachdienstleister für Offshore-Technik und Projektmanagement. Das Unternehmen hat bereits erste Gespräche mit japanischen Regierungsvertretern geführt. Deep Reach besitzt zudem Patente in den USA und Japan für Verfahren, die beim Tiefseebergbau eingesetzt werden könnten. In der Wirtschaftszone von Minamitorishima arbeitet das Unternehmen bereits an einem separaten Manganknollenprojekt.

Die mögliche Beteiligung amerikanischer Unternehmen fügt sich in eine breitere Rohstoffstrategie Washingtons ein. Ihr politischer Unterbau reicht bis zu einem Präsidialerlass von April 2025 zurück. Er verlangt schnellere Genehmigungen und internationale Partnerschaften für die Erschließung von Meeresbodenrohstoffen.

Auch in US-Gewässern gewinnt der Tiefseebergbau an Gewicht. Die US-Meeres- und Atmosphärenbehörde NOAA kartiert 2026 mögliche Knollenvorkommen bei Amerikanisch-Samoa. Washington hat zugleich die Genehmigungsverfahren für entsprechende Projekte beschleunigt.

Das US-japanische Memorandum verbindet damit zwei Ansätze. Es umfasst die Erschließung des Seltene-Erden-Schlamms bei Minamitorishima und nennt zugleich ein separates japanisches Manganknollenprojekt. Für die USA bietet die Kooperation zudem die Möglichkeit, Technik und Erfahrung aus der Offshore-Öl- und Gasindustrie einzubringen.

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Hohe Kosten bleiben die zentrale wirtschaftliche Hürde

Die ökonomische Hürde in Japan bleibt hoch, weil bislang vor allem technische Erprobungen vorliegen. Erst der Großversuch 2027 soll Daten für eine umfassende Wirtschaftlichkeitsbewertung liefern. Auch die jüngste Expedition verdeutlicht die betrieblichen Risiken auf offener See. Fast sieben Meter hohe Wellen verlängerten das Absenken der Fördertechnik von geplanten sieben auf zwölf Tage.

Unabhängig davon liefen Umweltmessungen parallel zum Förderversuch. Nach biologischen Tests an Bord bewertet JAMSTEC das Risiko mineralbedingter Verschmutzung bei diesem Versuch als gering. Weitere Umweltanalysen laufen noch.

Der Großversuch 2027 entscheidet über die Machbarkeit

Ein einmonatiger Großversuch ist ab Februar 2027 vorgesehen. Der geförderte Schlamm soll zur Insel gebracht und dort entwässert werden. Anschließend ist die Weiterverarbeitung auf dem japanischen Festland geplant. Danach folgen Versuche zur Trennung, Reinigung und Verhüttung der Seltenen Erden. Bis März 2028 will Japan die industrielle und wirtschaftliche Machbarkeit umfassend bewerten.

Der Versuch markiert den geplanten Übergang von Forschung zu industrieller Erprobung. Eine kurzfristige Entlastung bei Lieferengpässen ist unwahrscheinlich, weil eine kommerzielle Förderung vor der Machbarkeitsbewertung kaum realistisch erscheint.

Für die Industrialisierung muss Japan daher nachweisen, dass das System auch über längere Zeit stabil arbeitet und die Umweltfolgen beherrschbar bleiben. Damit entscheidet sich, ob die Tiefsee eine wirtschaftlich tragfähige heimische Rohstoffquelle werden kann.