China-Exportkontrollen gefährden laut IEA 6,5 Billionen USD
Fatih Birol, Exekutivdirektor der IEA, erklärte zum am Donnerstag veröffentlichten Bericht "Global Critical Minerals Outlook", ein enormer wirtschaftlicher Wert hänge von vergleichsweise kleinen Mengen kritischer Rohstoffe ab, deren Lieferketten stark konzentriert und dadurch verwundbar seien. Sollte China seine Exportkontrollen für Seltene Erden vollständig umsetzen, wären laut IEA weltweit 6,5 Billionen USD an nachgelagerter Industrieproduktion außerhalb Chinas gefährdet, davon allein mehr als 3 Billionen USD in der Automobilindustrie. Auf die USA und Europa entfielen jeweils mehr als 1,5 Billionen USD dieses Risikos. Zum Vergleich exportierte China allein 2024 rund 58.000 Tonnen Seltene-Erden-Magnete, genug für Bauteile in Millionen Autos oder Tausenden Rüstungssystemen.
Vom April- zum Oktober-Schock
Im April 2025 führte China erstmals Exportkontrollen für sieben schwere Seltene Erden sowie daraus gefertigte Verbindungen und Magnete ein. Die Ausfuhrmengen brachen im April und Mai spürbar ein, mehrere Autobauer in den USA und Europa mussten ihre Produktion drosseln oder zeitweise stoppen. Genehmigungen wurden später erteilt und die Lieferungen erholten sich, die Preise blieben jedoch erhöht. Für Dysprosium, Terbium und Yttrium lagen die europäischen Preise laut IEA zeitweise beim Sechsfachen des chinesischen Niveaus.
Im Oktober weitete Peking die Kontrollen deutlich aus. Fünf weitere Elemente kamen hinzu, darunter Holmium, ein Ersatzstoff, auf den viele Magnethersteller seit April auszuweichen versucht hatten. Neu war zudem eine Lizenzpflicht für im Ausland gefertigte Bauteile, sobald darin enthaltene Seltene Erden chinesischer Herkunft mindestens 0,1 % des Werts ausmachen oder chinesische Verarbeitungstechnik zum Einsatz kam. Nach einer Handelsvereinbarung mit den USA setzte China die Verschärfung bis zum 10. November 2026 aus.
Kleiner Kostenanteil, großes Risiko
So gefährlich die Abhängigkeit strukturell ist, so gering fällt der Kostenanteil Seltener Erden am Endprodukt aus. Seltene Erden machen laut IEA rund 40 % der Kosten eines Permanentmagneten aus, aber weniger als 1 % des Werts eines Autos. Eine Verdreifachung der Preise für Seltene Erden würde die Kosten eines Autos rechnerisch nur um 0,1 % erhöhen. Genau darin liegt aus Sicht der IEA eine Chance für den Westen. Abnehmer könnten höhere Preise für diversifizierte Lieferketten verkraften, ohne dass Endprodukte spürbar teurer würden. Die Behörde spricht von einer Art Versicherungsprämie für mehr Versorgungssicherheit.
Der Westen baut aus, aber zu langsam
Der Aufbau alternativer Lieferketten gewinnt an staatlicher Unterstützung. Öffentliche Finanzierungszusagen für Rohstoffprojekte haben sich zwischen 2023 und 2025 auf 65 Mrd. USD mehr als vervierfacht. Neue Verarbeitungsanlagen in den USA, darunter von MP Materials US5533681012 A2QHVL, sowie steigende Mengen aus Malaysia drückten Chinas Anteil an der weltweiten Raffination Seltener Erden von rund 90 % im Jahr 2023 auf 85 % im Jahr 2025. Bleiben die angekündigten Projekte im Zeitplan, könnte der Anteil bis 2035 auf 70 % sinken. Auch Lynas Rare Earths AU000000LYC6 871899 zählt mit seiner Anlage in Malaysia zu den wichtigsten Anbietern außerhalb Chinas.
Gleichzeitig verliert der privat finanzierte Ausbau an Schwung. Die weltweiten Investitionen in kritische Mineralien sanken 2025 um 9 %, der erste deutliche Rückgang seit 2020. Am stärksten betroffen waren auf Batteriemetalle spezialisierte Unternehmen, Lithium-Investoren kürzten ihre Ausgaben um rund 40 %. Kupferfokussierte Unternehmen erhöhten ihre Investitionen dagegen um 8 %, ein Zeichen für ungebrochenes Vertrauen in den langfristigen Kupferbedarf der Stromnetze.
Ein historischer Präzedenzfall zeigt, dass sich Abhängigkeiten tatsächlich abbauen lassen. Nach den chinesischen Exportbeschränkungen von 2010 senkte Japan in enger Abstimmung mit der eigenen Industrie den Bedarf an Seltenen Erden binnen weniger Jahre um 30 % gegenüber dem damaligen Niveau, unter anderem durch sparsamere Magnetdesigns und den Ersatz einzelner Elemente.
RESourceEU und die G7-Allianz als politische Antwort
Auch auf politischer Ebene nimmt der Druck zu. Die Europäische Kommission will mit ihrem Aktionsplan RESourceEU binnen zwölf Monaten 3 Mrd. EUR an EU-Mitteln für die Lieferkette kritischer Rohstoffe mobilisieren. Das bereits 2024 verabschiedete EU-Rohstoffgesetz sieht bis 2030 vor, 10 % des Bedarfs an strategischen Rohstoffen selbst zu fördern, 40 % zu verarbeiten und 25 % zu recyceln. Kein einzelnes Drittland soll dabei künftig mehr als 65 % des europäischen Bedarfs an einem strategischen Rohstoff decken. Ein neues Zentrum für kritische Rohstoffe soll Finanzierung, gemeinsame Beschaffung und Lagerhaltung koordinieren.
Die G7-Staaten haben sich in einer gemeinsamen Erklärung dazu verpflichtet, ihre Abhängigkeit von einem einzelnen Lieferanten außerhalb der eigenen Gruppe bei Seltenen Erden und Permanentmagneten bis 2030 auf unter 60 % zu senken, mit dem erklärten Ziel, langfristig auf 50 % zu kommen. Seit Anfang 2026 wurden nach G7-Angaben bereits 195 Projekte entlang der Rohstoff-Lieferkette mit einem Investitionsvolumen von 64 Mrd. EUR angestoßen.
Verarbeitung und Magnetproduktion bleiben der Flaschenhals
Die eigentliche Engstelle liegt in der Weiterverarbeitung. Bis 2035 stehen außerhalb Chinas geplante Minenkapazitäten von mehr als 50.000 Tonnen einer deutlich kleineren Raffinerie- und Trennkapazität von unter 40.000 Tonnen gegenüber. Bei Metallen, Legierungen und fertigen Magneten sind bislang nur rund 18.000 Tonnen angekündigt, knapp ein Drittel der geplanten Minenkapazität. Um eine diversifizierte Versorgung mit magnetischen Seltenen Erden bis 2035 zu erreichen, veranschlagt die IEA zusätzliche Investitionen von rund 60 Mrd. USD, davon knapp die Hälfte für Raffinerien und etwa ein Drittel für Magnetfabriken.
Ein ähnliches Muster zeigt sich bei Graphit. Vollständig umgesetzte chinesische Exportkontrollen könnten dort weitere 300 Mrd. USD an Produktion außerhalb Chinas gefährden, da China mehr als 90 % des weltweit verarbeiteten Graphits herstellt. Als vergleichsweise günstige Versicherung gegen solche Schocks nennt die IEA einen strategischen Vorrat, der ein Jahr an gefährdeten Importen magnetischer Seltener Erden abdeckt und nach Berechnungen der Behörde rund 200 Mio. USD kosten würde, ein kleiner Betrag gemessen an den möglichen Folgekosten einer echten Lieferunterbrechung.
Die IEA selbst zieht eine historische Parallele zur eigenen Gründung 1974 als Reaktion auf die Ölkrise, als sich Staaten aus ähnlichen Gründen zusammenschlossen, um sich gegen die Erpressbarkeit durch konzentrierte Rohstoffmärkte abzusichern.

