Strategische EU-Rohstoffprojekte geraten finanziell unter Druck

Strategische EU-Rohstoffprojekte geraten finanziell unter Druck Terrafame

Europas Strategie für kritische Rohstoffe stößt an eine Finanzierungslücke. 23 von 60 strategischen Projekten fordern dringend Kapital, weil Liquiditätsprobleme Vorhaben akut gefährden. Dadurch gerät ein Kernstück der europäischen Industriepolitik unter Druck.

Strategischer Status trifft auf knappe Kassen

Im März 2025 hatte die EU zunächst 47 strategische Projekte innerhalb der Union ausgewählt. Im Juni kamen 13 Vorhaben hinzu, die außerhalb der EU liegen. Sie sollen Europas Versorgung mit Lithium, Kobalt, Seltenen Erden und anderen Schlüsselrohstoffen breiter und krisenfester aufstellen. Dazu zählen in Deutschland etwa der Lithiumhydroxid-Konverter in Guben und das Lithiumprojekt Zero Carbon Lithium im Oberrheingraben. In Schweden gehört zudem das integrierte ReeMAP-Projekt von LKAB mit Malmberget und Per Geijer zu den ausgewählten Vorhaben. Auch das Kolmisoppi-Projekt des finnischen Bergbauunternehmens Terrafame in Sotkamo besitzt strategischen Status.

Nach einem von der Nachrichtenagentur Reuters eingesehenen Schreiben richteten 23 Projekte im August einen dringenden Appell an die EU-Kommission. Adressiert war das Schreiben an Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Industriekommissar Stéphane Séjourné. Die Projektentwickler beklagen unerfüllte Zusagen bei Finanzierung, Marktzugang und Genehmigungen. Besonders gefährdet seien Vorhaben kurz vor einer endgültigen Investitionsentscheidung.

Für die 47 EU-Projekte veranschlagt die Kommission zusammen rund 22,5 Mrd. EUR Kapitalbedarf. Für die 13 Vorhaben außerhalb der Union kommen weitere 5,5 Mrd. EUR hinzu. Insgesamt liegt der geschätzte Bedarf der ersten 60 Projekte damit bei rund 28 Mrd. EUR.

Gegenüber Reuters verweist Brüssel auf einen seit Dezember geschaffenen Rahmen, der 1,7 Mrd. EUR an Finanzierung mobilisieren soll. Zuvor hatte RESourceEU, der EU-Aktionsplan zur Sicherung und Diversifizierung kritischer Rohstofflieferungen, angekündigt, binnen zwölf Monaten knapp drei Milliarden EUR aus EU-Mitteln und Eigenmitteln der Europäischen Investitionsbank für Rohstoffprojekte zu mobilisieren. Zusätzlich setzt die Kommission auf Mittel der Mitgliedstaaten und Regionen sowie auf privates Kapital.

Genehmigungen werden schneller, das Kapital bleibt knapp

Der strategische Status verkürzt in der EU zugleich die vorgesehenen Genehmigungsfristen. Der Critical Raw Materials Act (CRMA), die EU-Verordnung für kritische Rohstoffe, sieht für Förderprojekte höchstens 27 Monate vor, für reine Verarbeitungs- oder Recyclingprojekte höchstens 15 Monate. Ohne die gestrafften Fristen können Genehmigungsverfahren laut Kommission fünf bis zehn Jahre dauern.

Der Europäische Rechnungshof urteilte im Februar, die Diversifizierung der Rohstoffimporte habe noch keine greifbaren Ergebnisse geliefert. Zudem ist die EU-Förderung für kritische Rohstoffe nach Angaben des Rechnungshofs auf verschiedene Programme und Generaldirektionen verteilt. Die Kommission verfolgt deren Wirkung auf die Versorgung bislang nicht systematisch.

Wie gravierend fehlendes Kapital werden kann, zeigt das französische Lithiumunternehmen Viridian Lithium. Dessen früherer Vertriebschef Luc Pez macht mangelnde EU-Finanzierung für den Zusammenbruch des Unternehmens im März mitverantwortlich. Das Projekt sollte rund zehn Prozent des Lithiumbedarfs der EU decken. Laut Pez warteten private Investoren auf eine konkrete finanzielle Zusage von europäischer Seite, die jedoch ausblieb.

Auch andere Vorhaben stehen offenbar auf der Kippe. Ein Direktor eines der ausgewählten strategischen Rohstoffprojekte, der an dem Treffen Ende August teilnahm, äußerte gegenüber Reuters, mehrere Projekte seien bereits auf Eis gelegt worden. Hinter dem gemeinsamen Appell standen 23 der 60 Projektträger. Einige bereits ausgesetzte Vorhaben hätten bewusst auf eine Unterschrift verzichtet, um keine zusätzliche Aufmerksamkeit auf ihre Schwierigkeiten zu lenken.

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Rohstoffabhängigkeit macht Finanzierung zur Zeitfrage

Der CRMA gibt bis 2030 klare Zielmarken vor. Dann sollen zehn Prozent des Bedarfs in der EU gewonnen, 40 % verarbeitet und 25 % recycelt werden. Zudem soll höchstens 65 % des jährlichen EU-Bedarfs je strategischem Rohstoff aus einem einzigen Drittland stammen.

Nach Daten des Europäischen Rechnungshofs überschritten Anfang 2025 im Verarbeitungsstadium Lithium, Magnesium, Gallium und Seltene Erden diese 65-Prozent-Schwelle. Bei Magnesium, Gallium und Seltenen Erden war China jeweils das dominierende Drittland.

Im Kapitalvergleich steht Europa deutlich hinter den USA. Dort wurden Vereinbarungen zu kritischen Rohstoffen im Volumen von fast 40 Mrd. USD gebilligt. Die EU verweist demgegenüber auf einen Rahmen, über den 1,7 Mrd. EUR für strategische Projekte mobilisiert werden sollen. Die Beträge erfassen allerdings unterschiedliche Finanzierungsformen und sind deshalb nur eingeschränkt vergleichbar.

Bei einem Treffen Ende August mit Kerstin Jorna, Generaldirektorin der Kommissionsabteilung für Binnenmarkt, Industrie, Unternehmertum und kleine und mittlere Unternehmen (GROW), gab es laut einem Teilnehmer Fortschritte beim Austausch. Eine akute Finanzierungslösung wurde demnach aber nicht vorgelegt.

Damit verlagert sich die Bewährungsprobe der EU-Rohstoffpolitik von der Auswahl der Projekte auf deren Finanzierung. Der strategische Status soll Genehmigungen erleichtern und Investitionen anstoßen. Mobilisiert er jedoch kein zusätzliches privates Kapital, bleibt Europas Rohstoffoffensive hinter ihrem eigenen Anspruch zurück. Dann fehlt es weniger an Projekten als an Vorhaben, die tatsächlich die Investitionsentscheidung erreichen.