Zink klettert auf Vierjahreshoch – das steckt hinter der Rally
Zink hat sich in den vergangenen Tagen zum stillen Star unter den Industriemetallen entwickelt. Am 3. August 2026 stieg der Zinkpreis auf rund 3.687 USD je Tonne – den höchsten Stand seit August 2022. Während Kupfer, Gold und Silber die Schlagzeilen dominieren, hat sich beim vermeintlich unspektakulären Verzinkungsmetall eine angespannte Angebotssituation aufgebaut, die Investoren und Verarbeitern gleichermaßen Aufmerksamkeit wert sein sollte.
China dreht an der Angebotsschraube
Auslöser der jüngsten Kursbewegung sind vor allem Produktionsanpassungen in China, dem mit Abstand größten Zinkproduzenten und -verbraucher der Welt. Eine Mine im Südwesten des Landes soll ihre Zinkkonzentrat-Produktion im August um rund 1.000 Tonnen enthaltenes Zink reduzieren, eine rund zweiwöchige Wartung an einer bedeutenden Hütte in Zentralchina könnte zusätzlich 1.000 bis 1.500 Tonnen raffiniertes Metall kosten. Die beiden Zahlen betreffen unterschiedliche Stufen der Lieferkette – Konzentrat aus dem Bergbau auf der einen, Hüttenmetall auf der anderen Seite – und lassen sich daher nicht einfach addieren. Gemessen am rund 14 Millionen Tonnen großen Weltmarkt sind die Volumina für sich genommen klein. Bei den aktuell niedrigen Lagerbeständen reichen aber schon solche Meldungen, um die kurzfristigen Erwartungen und damit die Preisbildung spürbar zu beeinflussen.
Hinzu kommt ein schwächerer US-Dollar, der dollar-notierte Rohstoffe für internationale Käufer verbilligt und die Preisbewegung zusätzlich gestützt haben dürfte. Auch eine leichte Entspannung der geopolitischen Spannungen zwischen den USA und dem Iran hat die Stimmung für Industriemetalle zuletzt aufgehellt, da sie Sorgen um Energiepreise, Inflation und das globale Wirtschaftswachstum dämpft.
Ausfälle bei etablierten Produzenten erhöhen die Nervosität
Der aktuelle Preissprung fällt zudem in eine Phase, in der mehrere Großproduzenten mit Produktionsrückgängen oder Betriebsstörungen zu kämpfen haben. Glencore JE00B4T3BW64 A1JAGV meldete für das erste Halbjahr 2026 einen Rückgang der eigenen Zinkproduktion um 21 Prozent auf 365.600 Tonnen. Anders als zunächst vermutet, hängt das nur am Rande mit dem Kazzinc-Zwischenfall zusammen: Hauptgründe waren laut Konzern das Ende der Lady-Loretta-Mine, niedrigere Zinkgehalte bei Antamina sowie der Verkauf der Kidd-Mine in Kanada – Glencore erklärte ausdrücklich, der Kazzinc-Zwischenfall habe die Zinkproduktionsprognose für das Gesamtjahr nicht wesentlich beeinflusst.
Bei Boliden SE0020050417 A3D69V fiel die Zinkkonzentrat-Produktion im Quartalsvergleich um 16,8 Prozent auf 74.200 Tonnen. Ausschlaggebend war ein Felssturz infolge ungewöhnlicher seismischer Aktivität in der Garpenberg-Mine am 14. März, der die Produktion vollständig zum Erliegen brachte. Erst Ende April lief der Betrieb dort wieder an, 2026 bleibt die Förderung eingeschränkt.
Bei Glencores kasachischer Kazzinc-Anlage in Ust-Kamenogorsk hatte es Anfang Mai eine Explosion gegeben. Nach aktualisierten Angaben starben dabei drei Menschen, fünf weitere wurden verletzt. Die Zink- und Bleianlagen liefen anschließend mit reduzierter Kapazität weiter – wie stark die Produktion im Detail beeinträchtigt wurde, hat Kazzinc nicht veröffentlicht.
Nexas LU1701428291 A2H5WA Hütte Cajamarquilla in Peru wiederum musste nach einem Brand am 13. Mai die Produktion zeitweise herunterfahren und nahm die Anlagen anschließend schrittweise wieder in Betrieb. Nexa bezifferte den Ausfall im zweiten Quartal auf rund 7.000 Tonnen raffiniertes Zink, gut 2 Prozent der erwarteten Jahresproduktion, rechnet aber damit, die Menge im zweiten Halbjahr aufzuholen – die Absatzprognose für 2026 blieb unverändert.
Enges, aber kein dramatisches Defizit
Auf der Nachfrageseite bleibt der Markt laut der jüngsten Prognose der International Lead and Zinc Study Group vom April 2026 knapp: Bei einer erwarteten Nachfrage von 14,00 Millionen Tonnen und einer Produktion von 13,99 Millionen Tonnen rechnet die ILZSG für 2026 mit einem moderaten Defizit von rund 19.000 Tonnen – umgerechnet gerade einmal 0,14 Prozent der Weltnachfrage. Ein Defizit dieser Größenordnung führt nicht automatisch zu sinkenden Lagerbeständen oder Preisspitzen. Bei ohnehin knappen verfügbaren Beständen kann es aber die Reaktion des Marktes auf weitere Produktionsstörungen verstärken – genau das lässt sich derzeit beobachten.
Höhere Kosten, mehr Aufmerksamkeit für Nebenmetalle
Für die Verarbeitungsindustrie – allen voran den Stahlbau, wo Zink zur Verzinkung und damit zum Korrosionsschutz unverzichtbar ist – bedeuten steigende Zinkpreise tendenziell höhere Einkaufskosten. Wie schnell und in welchem Umfang das bei einzelnen Unternehmen ankommt, hängt allerdings von Lieferverträgen, Lagerbeständen und Preisabsicherungen ab. Für Investoren ist die Entwicklung dennoch ein Signal, dass sich abseits der medial dominierenden Metalle Kupfer und Gold auch bei den sogenannten "kleineren" Industriemetallen kurzfristige Angebotsrisiken und regionale Verfügbarkeitsengpässe aufbauen können, die sich in der Kursentwicklung niederschlagen.
Langfristig bleibt das Bild uneinheitlich. Die häufig zitierten Prognosen von 2.900 bis 3.000 USD je Tonne für den Jahresdurchschnitt 2026 – 2.900 USD von Morgan Stanley (Dezember 2025), 3.000 USD von der Weltbank (April 2026) – wirken angesichts der Marktrealität inzwischen konservativ: Der von Glencore ausgewiesene LME-Durchschnittspreis lag im ersten Halbjahr bereits bei 3.349 USD je Tonne. Damit die Weltbank-Prognose von 3.000 USD im Jahresschnitt noch erreicht wird, müsste der Preis im zweiten Halbjahr im Mittel auf rund 2.650 USD zurückfallen. Auch bei der Marktbilanz gehen die Einschätzungen auseinander: Während BMI für 2026 einen kleinen Angebotsüberschuss von etwa 34.000 Tonnen erwartet, rechnet Wood Mackenzie weiterhin mit einem Defizit von rund 80.000 Tonnen. Entsprechend weit reichen auch die Kursziele für das Jahresende – von rund 3.000 bis 3.350 USD je Tonne. Von einem einheitlichen Analystenkonsens kann also keine Rede sein.
Kurzfristig zeigt der Markt jedenfalls, wie schnell eine Kombination aus chinesischen Produktionsanpassungen, ungeplanten Ausfällen bei Großproduzenten, niedrigen Lagerbeständen und einem schwächeren Dollar zu spürbaren Preissprüngen führen kann. Ob das aktuelle Niveau Bestand hat, dürfte vor allem davon abhängen, wie schnell die gestörten Anlagen bei Boliden und Nexa wieder hochfahren, wie sich die tatsächliche Nachfrage entwickelt – und ob China zusätzliches Metall in westliche Lagerhäuser liefert.

