Künstliche Intelligenz erzeugt weniger Kupfernachfrage als erwartet
Für 2026 wird auf dem Weltmarkt für raffiniertes Kupfer ein rechnerischer Überschuss erwartet. Dennoch notiert das Metall nahe seinem Rekord, während Händler in den USA umfangreiche Vorräte halten. Hinter diesem scheinbaren Widerspruch stehen vor allem Handelsbarrieren und die regionale Verteilung des verfügbaren Kupfers. Auf einer Bloomberg-Veranstaltung am vergangenen Dienstag während der LME Week in London bezeichneten Rohstoffanalysten die US-Politik als wesentlichen Einflussfaktor für das Preisniveau. Den zusätzlichen Kupferbedarf für die Künstliche Intelligenz beurteilen sie dagegen zurückhaltender.
Am selben Tag schloss der Dreimonatskontrakt an der London Metal Exchange bei 14.420,50 USD je Tonne. Gegenüber dem Vortag entsprach das einem Plus von 0,57 %. Das Rekordhoch von 14.875 USD hatte der Kontrakt am 10. September erreicht.
Die Kupfermarktorganisation International Copper Study Group (ICSG) erwartet für 2026 einen weltweiten Überschuss von 104.000 Tonnen raffiniertem Kupfer. Für 2027 veranschlagt sie 368.000 Tonnen, wobei die Prognose keine nicht gemeldeten Lagerveränderungen in China berücksichtigt.
Amerikanische Lager binden ungewöhnlich viel Kupfer
Alice Fox von der australischen Finanzgruppe Macquarie schätzt die amerikanischen Kupfervorräte auf rund 1,6 Mio. Tonnen. Den Wert des von Händlern gehaltenen Metalls beziffert sie auf etwa 23 Mrd. USD. Ihre Schätzung umfasst Bestände innerhalb und außerhalb der Terminbörsen.
Nach Angaben von Andy Cole, Analyst beim Rohstoffdatenanbieter Fastmarkets, entfallen 69 % der weltweiten Börsenbestände auf Comex-registrierte Lager in den USA. Dabei entfallen auf die Vereinigten Staaten lediglich rund sechs Prozent des globalen Kupferverbrauchs. China steht hingegen für etwa 60 %, hält an seiner Terminbörse in Shanghai aber nur vier Prozent der weltweiten Börsenbestände. Ende September lagen die dort erfassten Vorräte unter 40.000 Tonnen, gegenüber rund 120.000 Tonnen in LME-Lagern außerhalb der USA.
Auch der Preisabstand zwischen Comex und Londoner Metallbörse begünstigte Kupferlieferungen in die USA. Nach Reuters-Angaben lag der um Transport- und Versicherungskosten bereinigte Preisvorteil Mitte Oktober noch bei etwa 310 USD je Tonne. Ein ausreichend hoher Aufschlag macht solche Lieferungen für Händler rentabel. Sinkt er, nimmt der Anreiz für neue Transporte ab, während bereits eingelagerte Mengen in den USA bleiben können.
Gregory Shearer von der US-Großbank JPMorgan sieht in den hohen Vorräten vor allem eine Absicherung der amerikanischen Kupferversorgung. Mit einem entsprechend hohen tatsächlichen Verbrauch durch die heimische Industrie seien diese Bestände daher nicht gleichzusetzen.
Zollrisiken verändern den internationalen Metallhandel
Für bestimmte Kupferhalbzeuge und kupferhaltige Folgeprodukte erheben die USA seit August 2025 einen Importzoll von 50 %. Bemessungsgrundlage dafür ist der Wert des enthaltenen Kupfers, nicht der Gesamtwert der Ware. Raffiniertes Kupfer, etwa in Form von Kathoden, bleibt bislang ausgenommen.
Bereits im Juli 2025 ließ die US-Regierung eine gestaffelte Besteuerung raffinierten Kupfers prüfen. Zur Diskussion stehen 15 % ab Januar 2027 und 30 % ab Januar 2028. Die Frist für einen Bericht des Handelsministeriums lief im Juni 2026 ab. Anfang Oktober war eine endgültige Entscheidung über diese Zölle weiterhin nicht öffentlich bekannt gegeben worden.
Die Ungewissheit beeinflusst den Handel, weil künftige Importbedingungen darüber bestimmen können, auf welchen Märkten Kupfer mit Gewinn verkauft werden kann. Nicholas Snowdon vom Schweizer Rohstoffhändler Mercuria erwartet von der diskutierten Zollstaffel eine preisstützende Wirkung. Zusätzliche Anreize, Kupfer in die USA zu liefern und dort einzulagern, wären eine mögliche Folge. Fox warnt zugleich vor einer Verknappung des Angebots außerhalb der Vereinigten Staaten. Dort drohten dann höhere Kupferkosten und zusätzlicher Preisdruck.
KI-Investitionen und tatsächlicher Kupferbedarf
Als weitere Erklärung für die hohen Kupferpreise wird häufig der Ausbau künstlicher Intelligenz herangezogen. Tatsächlich investieren Technologieunternehmen gewaltige Summen in die dafür benötigte Infrastruktur. Die Höhe dieser Ausgaben lässt sich allerdings nicht proportional auf den Kupferbedarf übertragen.
Nach Snowdons Einschätzung fließt ein erheblicher Teil des Kapitals in Halbleiter, Rechnertechnik und Gebäude. Auch Fox von Macquarie hält die Erwartungen an die KI-bedingte Kupfernachfrage für überzogen. Zwar wachsen die Investitionen in amerikanische Rechenzentren, doch nach Fox' Einschätzung machen sie nur einen kleinen Teil der gesamten Bautätigkeit aus. Shearer von JPMorgan rechnet ebenfalls nicht damit, dass solche Anlagen allein ein zusätzliches Kupferdefizit von einer Million Tonnen verursachen.
Beim Energieverbrauch zeichnet sich dagegen ein erheblicher Zuwachs ab. Die Internationale Energieagentur (IEA) erwartet, dass der weltweite Stromverbrauch von Rechenzentren von 485 Terawattstunden 2025 auf etwa 950 Terawattstunden 2030 steigt. Der wachsende Energiebedarf kann zusätzliche Investitionen in Stromnetze, Leitungen und Transformatoren erforderlich machen und damit auch die Kupfernachfrage erhöhen. Schon heute bezeichnet die IEA begrenzte Netzanschlusskapazitäten als Hindernis für den schnellen Ausbau mancher Rechenzentren.
Ein zusätzlicher Kupferbedarf durch KI steht damit nicht infrage, wohl aber dessen Größenordnung. Snowdon erwartet für die kommenden drei bis fünf Jahre einen deutlichen Nachfragezuwachs in den USA durch Rechenzentren und die zugehörige Infrastruktur. Gemessen an den hohen Investitionssummen dürfte der tatsächliche Metallverbrauch seiner Einschätzung nach jedoch vergleichsweise gering ausfallen.
Schwache Baukonjunktur und neue Nachfragequellen
In den traditionellen Absatzmärkten bleibt die Konjunktur unterdessen verhalten. Vor allem in China und Europa belasten die Schwäche des Bauwesens, Probleme am Wohnungsmarkt und die Entwicklung der Automobilindustrie den Kupferverbrauch. Shearer berichtet von zweistelligen Rückgängen des Kupferbedarfs im chinesischen Bausektor.
Die neue ICSG-Prognose erwartet für 2026 weltweit lediglich 1,5 % Wachstum beim Verbrauch raffinierten Kupfers. In China rechnet sie mit einem Plus von 2,5 %, während sich für die übrige Welt zusammengenommen praktisch keine Veränderung abzeichnet.
Nach Shearers Einschätzung tragen der Ausbau der Stromnetze, Batteriespeicher sowie Solar- und Windkraftanlagen dazu bei, die Schwäche traditioneller Industriezweige abzufedern. Für eine breitere konjunkturelle Erholung wären nach Snowdons Ansicht allerdings niedrigere Zinsen notwendig, um die Nachfrage wieder anzuregen.
Gleichzeitig fördern die hohen Kupferpreise den Einsatz alternativer Werkstoffe. Allein in China wurden nach Snowdons Schätzung 2026 bereits rund 200.000 Tonnen Kupferbedarf durch andere Materialien ersetzt. Dazu zählt insbesondere Aluminium, das am Dienstag rund 3.002,50 USD je Tonne kostete. Dessen ebenfalls gestiegener Preis begrenzt jedoch den wirtschaftlichen Vorteil eines Materialwechsels. Hinzu kommt, dass Kupfer aus technischen Gründen nicht in jeder Anwendung ersetzt werden kann.
Neue Minen entlasten den Markt erst langfristig
Auch dauerhaft hohe Kupferpreise führen nicht unmittelbar zu einer Ausweitung der Förderung. Zwischen der Entdeckung einer Lagerstätte und dem Beginn der Produktion vergehen laut Snowdon durchschnittlich 16 Jahre. Bei neuen Minen, die Kupferkonzentrate statt bereits raffinierten Kupfers liefern, müssen zudem geeignete Schmelzkapazitäten vorhanden sein.
In den USA stößt der Bau neuer Kupferhütten nach Angaben von Shearer unter anderem auf Widerstand in den betroffenen Gemeinden. Als Gegenbeispiel nennt er Indonesien. Dort können von chinesischen Unternehmen errichtete Anlagen teilweise innerhalb von neun Monaten hochgefahren werden. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur entfielen 2025 rund 50 % der weltweiten Kupferschmelzkapazität auf China.
Die angespannte Versorgung mit Kupferkonzentraten erschwert zugleich den Betrieb der Verarbeitungsanlagen. Fastmarkets ermittelte am 16. Oktober für bestimmte Hüttenankäufe in Asien eine rechnerische Verarbeitungsgebühr von minus 242 USD je Tonne. Der negative Wert verweist auf den starken Wettbewerb der Hütten um verfügbares Rohmaterial. Bei den jährlichen Branchenverhandlungen lag die maßgebliche Referenzgebühr für 2026 laut IEA bereits bei null USD je Tonne.
Die Engpässe bei der Rohstoffversorgung bedeuten allerdings keinen zwangsläufigen weltweiten Mangel an raffiniertem Kupfer in naher Zukunft. Für 2035 sieht die IEA eine mögliche Lücke von 25 % zwischen der angekündigten Minenförderung und dem benötigten Primärangebot. Diese langfristige Projektion beschreibt eine andere Marktsituation als die erwarteten Überschüsse an raffiniertem Kupfer für 2026 und 2027.
Kurzfristig dürfte die amerikanische Zollpolitik vor allem beeinflussen, in welchen Regionen die vorhandenen Kupferbestände verfügbar bleiben. Langfristig hängt die Versorgung dagegen vom Ausbau der Förderung und der anschließenden Verarbeitung ab. Die langen Vorlaufzeiten neuer Minen und die ungleiche Verteilung der Schmelzkapazitäten begrenzen dabei die Möglichkeiten, rasch auf einen steigenden Bedarf zu reagieren.

