Weniger Erz aus Chile setzt den Kupfermarkt weiter unter Spannung
Chiles Kupferproduktion sank im Mai nach Angaben der nationalen Statistikbehörde INE um 12,9 % auf 423.623 Tonnen. Damit verstärkt Chiles schwächere Produktion die Angebotsknappheit, während die Hütten ohnehin um Rohmaterial kämpfen und die Verarbeitungsentgelte praktisch kollabiert sind. Ein hoher Kupferpreis reicht derzeit nicht mehr aus, um die Ertragskraft der Verarbeiter zu sichern.
Die amtlichen Daten aus Südamerika verdeutlichen den Rückgang der gesamten Minenaktivität. Der chilenische Bergbauindex sank im Mai im Jahresvergleich um 10,6 %, während der Teilindex für den metallischen Bergbau um 13,0 % nachgab. Für den Weltmarkt spitzt dieses Produktionsminus die Engpässe im Segment für Kupferkonzentrat weiter zu. Das trifft vor allem Hütten, die das Erz zu raffiniertem Metall weiterverarbeiten und ihre Margen traditionell über Schmelzlöhne erzielen.
Dramatischer Verfall der Schmelzlöhne
Diese als TC/RC (Treatment Charges/Refining Charges) bezeichneten Entgelte sind in den vergangenen Quartalen drastisch gesunken. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, dass der jährliche Richtwert für 2024 bei 80 USD je Tonne und 8 US-Cent je Pfund lag. Dieser Wert sank für 2025 auf 21,25 USD für das Schmelzen und 2,125 US-Cent für das Raffinieren, bevor er im laufenden Jahr die Nulllinie erreichte. Im Spotmarkt lagen die Gebühren sogar über Monate im negativen Bereich, sodass Verarbeiter den Minenbetreibern eine Prämie für die Abnahme des Konzentrats entrichten mussten.
Dass dies kein bloßes Marktgeräusch ist, zeigen die globalen Produktionsdaten des Branchenverbandes International Copper Study Group (ICSG). Weltweit stieg die Schmelzproduktion 2025 auf 24,38 Mio. Tonnen nach 23,28 Mio. Tonnen im Vorjahr. Die Minenförderung legte im selben Zeitraum nur von 22,97 Mio. auf 23,22 Mio. Tonnen zu. Von Januar bis April 2026 sank die weltweite Minenproduktion dann um 1,4 %, während der Hüttenausstoß um 7,7 % zunahm. Mehr Schmelzkapazität trifft also auf ein engeres Erzangebot.
Chinas Kapazitätsausbau setzt Marktmodell unter Druck
Der strukturelle Druck kommt vor allem aus China. Die International Copper Study Group weist für Asien 2025 einen Anstieg der Schmelzproduktion auf 17,54 Mio. Tonnen aus nach 16,16 Mio. Tonnen im Vorjahr. Von Januar bis April 2026 legte sie dort nochmals um 8,6 % zu. Zugleich zeigen Daten der chinesischen Statistikbehörde NBS, dass die heimische Industrieproduktion im Mai 2026 weiter gewachsen ist. Der Markt läuft also nicht in eine Nachfrageschwäche hinein, sondern in einen Verteilungskampf um knappes Konzentrat.
Das erklärt auch, warum der traditionelle Benchmark für Schmelzgebühren ins Wanken gerät. Wie die Finanznachrichtenagentur Bloomberg berichtet, hat der Bergbaukonzern Antofagasta GB0000456144 867578 chinesischen Schmelzen vorgeschlagen, Lieferverträge für das zweite Halbjahr 2026 und das erste Halbjahr 2027 an Spotindizes statt an feste Jahreswerte zu koppeln. Wenn sich dieser Ansatz durchsetzt, bricht ein Preissystem auf, das den Markt seit den 1980er Jahren prägt.
Nebenprodukte mutieren zum kritischen Überlebensfaktor
Für viele Schmelzen entscheidet inzwischen nicht mehr allein Kupfer über die Rentabilität. Edelmetalle wie Gold und Silber sowie Schwefelsäure stützen zunehmend das operative Ergebnis. Diese Verschiebung deckt sich mit den jüngsten Analysen der britischen Rohstoffberatung CRU. Dort heißt es, dass Behandlungsentgelte 2018 noch 39 % der Schmelzerlöse ausmachten, während 2025 sogenanntes freies Metall bereits 50 % bis 53 % und Nebenprodukte weitere 25 % bis 27 % beisteuerten.
Wie stark Nebenprodukte heute zählen, zeigt auch Antofagasta. Der chilenische Konzern weist für 2025 Nettobarkosten von 1,19 USD je Pfund aus, was einem Rückgang von 27 % im Vorjahresvergleich entspricht. Als Grund nennt das Unternehmen ausdrücklich eine höhere Produktion von Gold- und Molybdän-Nebenprodukten sowie einen stärkeren Goldpreis. Was für einen Minenkonzern die Kosten senkt, gilt spiegelbildlich für die Verarbeiter. Ohne Zusatzerlöse neben dem eigentlichen Kupfer wird das Geschäft deutlich anfälliger.
Unter dem Strich wird das fundamentale Ungleichgewicht im Sektor immer deutlicher. Chiles schwache Mai-Produktion ist keine lokale Randnotiz, sondern ein Baustein in einer angespannten globalen Kette. Solange die Minenförderung nicht deutlich schneller wächst als die Schmelzkapazitäten, bleibt der Kupferpreis zwar hoch. Für viele Verarbeiter ist das aber keine gute Nachricht. Analysen von Branchenexperten deuten darauf hin, dass das Marktumfeld primär große, moderne Anlagen mit diversifizierten Nebenproduktströmen begünstigt. Diese Dynamik verschiebt die Kräfteverhältnisse im Kupfersektor weiter Richtung der robustesten Anbieter.
