Eisenerzpreis fällt erstmals seit März unter 100 USD pro Tonne
An der Terminbörse in Singapur gaben die Notierungen für Eisenerz am Mittwoch spürbar nach und besiegelten den Durchbruch einer psychologischen Schlüsselmarke. Nach Berichten der Finanzagentur Bloomberg sanken die Terminkontrakte um 2,3 Prozent auf 98,90 USD. Dieser Einbruch markiert keine bloße Tagesschwankung. Vielmehr spitzt sich die Lage auf dem ohnehin seit Wochen geschwächten Markt nun sichtbar zu. Seit dem Jahresauftakt verlor der Rohstoff bereits rund sechs Prozent an Wert.
Die Ursache der Krise liegt unverändert in der Volksrepublik. Dort sank die Rohstahlproduktion im Mai erneut, während Konsumdaten und Investitionen hinter den Erwartungen zurückblieben. Diese Entwicklung verengt den Spielraum für eine rasche Erholung, da der Eisenerzpreis sowohl von der Hüttenauslastung als auch von der allgemeinen Wirtschaftsstimmung abhängt.
Abwärtstrend erfasst die chinesische Inlandsnachfrage
Die jüngsten Konjunkturdaten aus Fernost untermauern den anhaltenden Preisverfall. Nach offiziellen Zahlen von Reuters schrumpften die Einzelhandelsumsätze im Mai im Vormonatsvergleich um 0,6 Prozent. Zudem verfehlten die Anlageinvestitionen in den ersten fünf Monaten den Vorjahreswert um 4,1 Prozent. Die Daten belegen, dass neben spezifischen Industriezweigen die gesamte chinesische Wirtschaftsdynamik an Zug verliert.
Vor diesem Hintergrund gewinnen die Beobachtungen von Hu Yanbing vom chinesischen Brokerhaus Citic Futures an Gewicht. Der Analyst verweist auf ein klares Überangebot und rasant steigende Lagerbestände, die das aktuelle Preisniveau belasten. Ferrometalle reagieren erfahrungsgemäß äußerst empfindlich auf das makroökonomische Umfeld in China. Schwächeln Investitionen und Konsum gleichzeitig, bricht dem gesamten Stahlkomplex die zentrale Nachfragestütze weg.
Hohe Lagerbestände treffen auf wachsendes Weltmarktangebot
Erschwerend kommt hinzu, dass die sinkende Nachfrage auf prall gefüllte Depots trifft. Der Branchendienst Mysteel meldete für Mitte Juni importierte Eisenerzbestände von 172,91 Millionen Tonnen in den 47 größten Häfen Chinas. Dies entspricht einem Zuwachs von 0,6 Prozent im Vergleich zur Vorwoche und markiert den dritten Anstieg in Folge. Damit drückt kurzfristig ein massives Überangebot auf die Preise, selbst wenn die Nachfrage vorerst stabil bleibt.
Zusätzlicher Druck droht durch neue Fördervolumina aus Guinea, wo das Großprojekt Simandou die Produktion hochfährt. Der britisch-australische Bergbaukonzern Rio Tinto GB0007188757 852147 meldete bereits im April die erste Lieferung des hochgradigen Erzes nach China. Das angeschlossene Konsortium SimFer wickelte zudem die ersten Verkäufe ab, nachdem im März die erste Fracht den Hafen von Dalian erreichte. Damit wandelt sich das westafrikanische Prestigeprojekt von einer langfristigen Zukunftshoffnung zu einem realen Faktor im globalen Seehandel.
Simandou gilt in der Branche als Meilenstein, da es zu den größten kombinierten Bergbau- und Infrastrukturvorhaben Afrikas zählt. Neu errichtete Bahnlinien und spezialisierte Tiefwasserhäfen erweitern die globale Lieferkette dauerhaft. In einer Phase spürbar abkühlender Nachfrage aus China gewinnt jedes neu auf den Markt drängende Angebot ein erhebliches Gewicht.
Indiens Wachstum kompensiert die chinesische Schwäche nicht
Abseits des chinesischen Marktes verzeichnet die Nachfrageseite durchaus positive Impulse. Der Branchenverband Worldsteel prognostiziert für Indien im Jahr 2026 ein Nachfragewachstum von 7,4 Prozent, gefolgt von 9,2 Prozent im Folgejahr. Gleichzeitig verlangsamt sich der Konsumrückgang in China lediglich, ohne jedoch eine echte Trendwende zu vollziehen. Alternative asiatische Märkte vermögen den schwächelnden chinesischen Rohstoffhunger vorerst keineswegs vollständig zu kompensieren.
In dieser Konstellation spiegelt sich die Dynamik des jüngsten Preisverfalls wider. Der Markt reagiert auf ein komplexes Zusammenspiel aus erlahmender Konjunktur, drosselnder Stahlproduktion, historischen Höchstständen in den Häfen sowie afrikanischem Zusatzangebot. Solange diese Angebots- und Nachfragestruktur fortbesteht, fungiert die Marke von 100 USD pro Tonne als kontinuierlicher Stresstest für die globalen Märkte.

