Radiant legt eine Kommunikationslücke bei Glencore offen

Radiant legt eine Kommunikationslücke bei Glencore offen Glencore

Der Rohstoffkonzern Glencore JE00B4T3BW64 A1JAGV steht wegen seines Geschäfts mit dem in Singapur ansässigen Eisenerzhändler Radiant World verstärkt im Blick der Märkte. Auslöser sind Zweifel an der Echtheit von Handelsunterlagen: Rechnungen und andere Dokumente, die Radiant World Banken zur Kreditbesicherung vorgelegt hatte, sollen sich laut dem Wirtschaftsinformationsdienst Bloomberg als ungültig erwiesen haben. Radiant World weist Fehlverhalten zurück.

Zwei mit dieser Angelegenheit vertraute Personen beziffern Glencores Exposure gegenüber dem Händler auf 500 bis 800 Mio. USD. Glencore widerspricht und erklärt, die in der Bilanz erfasste Position liege deutlich unter 500 Mio. USD. Im veröffentlichten Halbjahresbericht wird Radiant World nicht namentlich genannt. Eine konkrete Rückstellung oder Wertberichtigung für mögliche Radiant-Verluste wird dort ebenfalls nicht separat ausgewiesen.

Radiants Größe erhöht die Reichweite des Falls

Radiant World hat seinen Eisenerzhandel in wenigen Jahren stark ausgebaut. Auf seiner aktuellen Internetseite nennt das Unternehmen mehr als 80 Mio. Tonnen Eisenerz pro Jahr. Reuters zufolge veranschlagen Branchenkreise das Volumen auf rund 75 Mio. Tonnen jährlich, mit einem Warenwert von mehr als 7 Mrd. USD. Auch der Rohstoffhändler Vitol und der Agrar- und Rohstoffkonzern Cargill haben den Handel mit Radiant World eingestellt. Ein Branchenkenner warnt, Radiants Handelsvolumen könne auch Banken, Versicherer und Schuldenmärkte belasten.

Glencore lässt die zentrale Summe weiter offen

Neue Geschäfte mit Radiant World geht Glencore derzeit nicht mehr ein. Bestehende Verträge will der Konzern nach Angaben der Financial Times rechtlich ordnungsgemäß abwickeln. Vorstandschef Gary Nagle bestätigte zugleich eine Rückstellung für mögliche Verluste aus diesen Verträgen, ließ deren Höhe aber offen. Glencore stuft das Engagement als unwesentlich ein.

Brisant ist die Nähe der extern genannten Spanne zur Wesentlichkeitsgrenze des Abschlussprüfers. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte setzte sie für den Konzernabschluss 2025 auf 500 Mio. USD fest. Die leistungsbezogene Prüfungswesentlichkeit lag bei 325 Mio. USD. Deloitte verwendet die höhere Schwelle, um zu beurteilen, ab welcher Größenordnung Fehler im Gesamtabschluss wirtschaftliche Entscheidungen beeinflussen könnten. Die niedrigere Schwelle dient der Prüfungsplanung und verringert das Risiko, dass sich unentdeckte Fehler oberhalb der Gesamtgrenze summieren. Beide Werte gelten für die Prüfung des Gesamtabschlusses und lassen sich nicht als Obergrenze für ein einzelnes Gegenparteirisiko lesen.

Ein weiterer mit dem Vorgang vertrauter Informant sagt, Glencore prüfe mögliche Verluste bereits seit Längerem. Der Konzern habe Rückstellungen gebildet und Teile des Engagements abgeschrieben. Auslöser seien kommerzielle und kreditbezogene Risiken gewesen, die schon vor den jüngsten Vorwürfen gegen Radiant World bestanden. Die Bewertung bestehender Forderungen und Verträge prägt deshalb die Debatte ebenso stark wie die jüngsten Anschuldigungen.

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Das starke Handelsgeschäft verschärft den Kontrast

Die mögliche Belastung aus dem Radiant-Geschäft steht einer deutlich verbesserten Ertragslage gegenüber. Glencores bereinigtes EBITDA des ersten Halbjahres sprang um 86 Prozent auf mehr als 10 Mrd. USD. Der Konzern führt den Anstieg auf höhere Rohstoffpreise und günstige Bedingungen für die Vermarktungssparte zurück. Stark eingeschränkte Transporte durch die Straße von Hormuz verursachten Verwerfungen bei Energie, Flüssiggas, Öl und Fracht – davon profitierte besonders das Öl- und Gasgeschäft der Vermarktungssparte.

Die außergewöhnlich starke Vermarktungssparte prägt die finanzielle Einordnung des Falls. Ihr bereinigtes EBIT erreichte im Halbjahr 3,3 Mrd. USD. Die obere Radiant-Spanne entspräche rechnerisch knapp einem Viertel dieses Halbjahresergebnisses. Der tatsächliche Ausfall kann durch werthaltige Sicherheiten geringer sein. Bereits gebuchte Rückstellungen und Abschreibungen können die zusätzliche Ergebnisbelastung weiter begrenzen.

Glencores Risikokommunikation gerät unter Druck

Der entscheidende Punkt bleibt die Differenz zwischen interner Einordnung und extern genannter Spanne. Für Anleger zählen nun Bruttoengagement, erwarteter Verlust, Sicherheiten und bereits abgeschriebene Beträge. Im Halbjahresbericht bezeichnet Glencore Logistik und Risikomanagement ausdrücklich als Stärken der Vermarktungssparte. Der Radiant-Fall berührt deshalb auch die Glaubwürdigkeit dieser Selbsteinschätzung.

Solange Glencore keine konkrete Zahl nennt, dürfte der Markt jede weitere Aussage zu Radiant World genau prüfen. Weitere Rückzüge von Banken oder Handelshäusern könnten zugleich den finanziellen Druck auf Radiant World erhöhen.