Kupferhändler fürchten Preissturz bei ausbleibenden US-Zöllen
Die Preisdifferenz zwischen den Kupferbörsen in New York und London schrumpft. Damit gerät ein Geschäft unter Druck, das Händlern über Monate außergewöhnliche Gewinne beschert hat: der Transport von Kupfer in die USA. Zugleich setzen Investoren wieder verstärkt auf eine weitere Annäherung der Notierungen. Wegen möglicher neuer Einfuhrabgaben galt diese Strategie lange als besonders riskant.
Zollpolitik spaltet den Kupferhandel
Washington hat die Branche bereits einmal überrascht. Im Juli 2025 beschloss Präsident Trump Einfuhrzölle von 50 % auf bestimmte halbfertige Kupferwaren und weiterverarbeitete Produkte. Raffiniertes Kupfer, das an den großen Metallbörsen gehandelt wird, blieb davon ausgenommen. Im April 2026 passte die US-Regierung das Zollsystem an. Für betroffene Kupferwaren gelten seither je nach Produktkategorie grundsätzlich Abgaben von 50 oder 25 %. Berechnet werden sie nun auf den gesamten Zollwert. Die Ausnahme für unverarbeitetes raffiniertes Kupfer blieb bestehen.
Allerdings hielt sich die US-Regierung weitere Abgaben ausdrücklich offen. Im Raum stehen weiterhin Zölle von 15 % ab 2027 und 30 % ab 2028. Beide Sätze hatte das US-Handelsministerium empfohlen. Ein für Ende Juni 2026 vorgesehener Bericht über den heimischen Kupfermarkt wurde dem Weißen Haus fristgerecht vorgelegt. Über die zusätzlichen Zölle hat Trump dennoch bislang nicht entschieden.
Allein die Aussicht auf solche Abgaben hat einen ungewöhnlichen Handel ausgelöst. An der New Yorker Terminbörse Comex kostete Kupfer lange deutlich mehr als an der London Metal Exchange (LME), dem globalen Referenzmarkt. Händler konnten das Metall außerhalb der USA günstig einkaufen, nach Amerika verschiffen und dort den Preisaufschlag nutzen. Dadurch gelangten große Kupfermengen in die Vereinigten Staaten, während die Lagerbestände andernorts zurückgingen.
Das Ausmaß der zusätzlichen Einfuhren verdeutlichen Zahlen des Schiffsdatendienstes Kpler. Allein im Juli 2026 gelangten demnach schätzungsweise 215.000 bis 235.000 Tonnen Kupferkathoden in die USA. Um die Differenz zwischen heimischer Produktion und Verbrauch auszugleichen, wären laut Kpler monatlich rund 70.000 Tonnen zusätzliche Importe erforderlich. Der Zollhandel hat die üblichen Warenströme damit erheblich verändert.
Die Folgen waren auch an der Londoner Metallbörse zu spüren. Im September erreichte Kupfer an der LME einen Rekordpreis von nahezu 15.000 USD je Tonne. Am vergangenen Montag notierte der Dreimonatskontrakt laut Bloomberg bei 14.436 USD. Hinter dem starken Preisanstieg stand somit auch die Verlagerung verfügbarer Vorräte in Richtung USA.
Preisvorteil in New York schmilzt
Inzwischen verliert der Aufschlag an der amerikanischen Terminbörse an Kraft. Nach Berechnungen von Reuters war der Preisvorteil nach Abzug von Transport- und Versicherungskosten im Juli 2025 zeitweise auf mehr als 3.000 USD je Tonne gestiegen. Mitte Oktober 2026 betrug er nur noch rund 310 USD. Zusätzliche Kupferlieferungen in die USA werden dadurch wirtschaftlich weniger attraktiv.
Nach Angaben des Rohstoffbrokers Sucden Financial wächst unter Investoren wieder das Interesse an Geschäften, die auf eine weitere Annäherung der Preise in New York und London setzen. Dafür verkaufen Händler Kupferkontrakte an der Comex und kaufen entsprechende Kontrakte an der LME. Lange galten solche Positionen als besonders riskant, weil unerwartete US-Zölle den amerikanischen Kupferpreis erneut stark steigen lassen könnten.
Die Sorge vor steigenden Verbraucherpreisen erschwert die politische Entscheidung in Washington. Reuters berichtete im September, dass die Zollpläne deshalb ins Stocken geraten seien. Für die US-Regierung besteht ein wirtschaftspolitischer Zielkonflikt. Zusätzliche Abgaben könnten amerikanische Bergwerke und Verarbeitungsbetriebe stärken, zugleich aber die Kosten industrieller Kupferverbraucher erhöhen. Derweil gehen laut Kpler bereits die Kupferlieferungen aus Afrika in Richtung USA zurück.
Für den physischen Handel wäre eine dauerhafte Verringerung der Lieferungen in die USA eine Trendwende. Je kleiner der Preisvorteil in New York ausfällt, desto weniger lohnt sich der aufwendige Transport über den Atlantik. Außerhalb der Vereinigten Staaten könnten sich die Lagerbestände deshalb allmählich stabilisieren.
Kupfervorräte zwischen Überfluss und Knappheit
In den Vereinigten Staaten haben sich mittlerweile ungewöhnlich große Kupfervorräte angesammelt. Nach einer Reuters-Analyse vom 14. Oktober überschreiten die amerikanischen Bestände eine Million Tonnen. Allein in den Lagerhäusern der Comex liegen mehr als 714.000 Tonnen. Das entspricht rund 70 % der weltweit sichtbaren Kupfervorräte, die sich damit in zugelassenen US-Lagern dieser Börse konzentrieren. Die regionale Verteilung des Metalls hat sich erheblich von den tatsächlichen Verbrauchsschwerpunkten entfernt.
Sollte Washington endgültig auf weitere Zölle verzichten, könnte ein Teil dieser Vorräte später wieder auf den Weltmarkt gelangen. Allerdings ist ein rascher Abfluss keineswegs sicher. Händler können das Metall weiterhin finanzieren und einlagern, solange die Terminpreise solche Geschäfte nach Abzug der Lagerkosten wirtschaftlich erscheinen lassen. Auch hohe Kosten für den Rücktransport erschweren eine schnelle Umkehr der Warenströme. Selbst bei einer Zollabsage müssten die amerikanischen Bestände deshalb nicht unmittelbar durch umfangreiche Exporte sinken.
Eine andere Ausgangslage besteht in China, dem weltweit größten Kupferverbraucher. Nach Angaben der Kupfermarktorganisation International Copper Study Group (ICSG) entfallen inzwischen rund 59 % des globalen Verbrauchs raffinierten Kupfers auf China. Zugleich sind die dortigen Vorräte stark zurückgegangen. Ende Juli lagerten an der Terminbörse Shanghai laut Kpler nur noch rund 110.000 Tonnen Kupfer. Damit entsprachen die dort verfügbaren Börsenbestände weniger als einer Woche des gesamten chinesischen Kupferverbrauchs.
Sollten chinesische Abnehmer ihre Lager wieder auffüllen, während die USA weiterhin große Metallmengen importieren, könnte sich der Wettbewerb um verfügbare Kupfermengen rasch verschärfen. Die niedrigen Bestände in einzelnen Regionen sagen allerdings wenig darüber aus, ob weltweit tatsächlich zu wenig Kupfer produziert wird.
Weltweit zeichnet sich ein Kupferüberschuss ab
Die ICSG erwartet für 2026 einen globalen Überschuss von rund 104.000 Tonnen raffiniertem Kupfer. Für 2027 rechnet sie sogar mit 368.000 Tonnen. Eine rechnerisch ausreichende Versorgung garantiert jedoch keine reibungslose Belieferung aller Märkte. Dafür müsste das Metall auch rechtzeitig dort verfügbar sein, wo es benötigt wird.
Die erwartete Entspannung beruht vor allem auf einer höheren Produktion der Schmelz- und Raffineriebetriebe. Für 2027 prognostiziert die ICSG einen Anstieg um 3,4 %, während der weltweite Verbrauch voraussichtlich um 2,5 % wächst. Neue Kapazitäten in Indonesien, Indien und der Europäischen Union sollen zum Produktionszuwachs beitragen. Für 2026 und 2027 deuten die Prognosen damit auf ein weltweit ausreichendes Angebot an raffiniertem Kupfer hin.
Allerdings bleiben solche Marktberechnungen mit Unsicherheiten verbunden. Bei der Ermittlung des chinesischen Verbrauchs berücksichtigt die ICSG nicht sämtliche unveröffentlichten Lagerveränderungen. Zusätzliche Käufe oder der Abbau bestehender Vorräte können die tatsächliche Versorgungslage deshalb deutlich beeinflussen. Gleichzeitig belasten höhere Energiekosten, steigende Zinsen und schwächere Aktienmärkte die Aussichten für die industrielle Kupfernachfrage.
Zwischen Preiskorrektur und neuen Rekorden
Die möglichen Folgen der amerikanischen Zollentscheidung reichen weit auseinander. Der australische Finanzkonzern Macquarie hält bei einem Verzicht auf weitere US-Zölle einen Preisrückgang in Richtung 10.000 USD je Tonne für möglich. Werden zusätzliche Abgaben dagegen erst nach einer längeren Vorlaufzeit eingeführt, sieht das Institut Spielraum für einen Anstieg auf 18.000 USD. Beide Berechnungen beschreiben mögliche Szenarien und sind keine sicheren Prognosen.
Die französische Investmentbank Natixis warnt bereits vor einer spekulativen Übertreibung, die bei ausbleibenden Zöllen enden könnte. Zusätzliche politische Unsicherheit bringen die US-Zwischenwahlen am 3. November. Ein Wahlerfolg der Demokraten könnte Trumps Handelspolitik bremsen, den Präsidenten aber auch zu einem härteren Kurs veranlassen.
Für Washington hat die Entscheidung erhebliche wirtschaftliche Bedeutung, weil die USA nach Reuters-Angaben ungefähr die Hälfte ihres Kupferbedarfs durch Einfuhren decken. Höhere Importpreise würden zahlreiche Industriezweige treffen, darunter die Elektroindustrie, den Fahrzeugbau und die Bauwirtschaft. Umgekehrt könnten Zölle Investitionen in die heimische Kupferförderung und -verarbeitung wirtschaftlich attraktiver machen.
Für Händler bleibt auch ein später Zollbeschluss mit Risiken verbunden. Wer Kupfer in Richtung USA verschifft, muss damit rechnen, dass sich die Einfuhrbedingungen vor Ankunft der Ware ändern. Neben der grundsätzlichen Entscheidung über zusätzliche Abgaben spielt deshalb deren Zeitpunkt eine wesentliche Rolle.
Nach Einschätzung von Macquarie könnte sogar der für einen möglichen Zollbeginn vorgesehene Januar 2027 ohne endgültigen Beschluss verstreichen und die Unsicherheit dadurch verlängern. Für die internationalen Kupferpreise bleibt die amerikanische Handelspolitik damit vorerst ein wesentlicher Einflussfaktor.

