Exklusive Geodaten könnten in Brasilien kleine Explorer ausbremsen
Ein möglicher Sonderzugang zu staatlich erhobenen Geodaten birgt in Brasilien Konfliktpotenzial zwischen großen und kleinen Rohstoffunternehmen. Der staatliche Geologische Dienst Brasiliens (SGB) erwägt, Geldgebern von Messflügen einen zeitlich begrenzten exklusiven Zugriff auf die Ergebnisse einzuräumen. Der geplante Finanzierungsanreiz könnte damit auch die Vergabe von Explorationsrechten beeinflussen.
Wettlauf beginnt vor dem Explorationsantrag
Die Messflugzeuge erfassen unter anderem magnetische Eigenschaften und elektrische Leitfähigkeit des Untergrunds. Daraus lassen sich geologische Strukturen erkennen und Gebiete eingrenzen, in denen sich weitere Untersuchungen lohnen könnten. Ob dort wirtschaftlich abbaubare Lagerstätten liegen, müssen weitere Erkundungen, etwa durch Probenahmen und Bohrungen, sowie Wirtschaftlichkeitsprüfungen zeigen. Die Messdaten verringern jedoch die Unsicherheit bei der Auswahl erster Explorationsziele und helfen Explorationsunternehmen, aussichtsreiche Rohstoffgebiete zu identifizieren.
Wer diese Informationen früher als seine Wettbewerber erhält, kann also gezielt Gebiete auswählen und entsprechende Explorationsrechte beantragen. Das verschafft in Brasilien einen möglichen Vorteil: Nach dem Bergbaurecht hat bei verfügbaren Flächen grundsätzlich derjenige Vorrang, dessen zulässiger Antrag zuerst bei der zuständigen Bergbaubehörde ANM eingeht.
Wie stark das Interesse an neuen Rohstoffflächen gewachsen ist, dokumentiert eine Auswertung der Nachrichtenagentur Associated Press und des brasilianischen Recherchenetzwerks Repórter Brasil. Bis Juni 2026 erfassten sie 2.727 Anträge zur Erkundung Seltener Erden. Bei diesen Rohstoffen ist der Wettbewerb um aussichtsreiche Gebiete bereits besonders intensiv: Mehr als 86 % dieser Anträge wurden innerhalb der vorangegangenen drei Jahre eingereicht.
Luís Maurício Azevedo, Vorsitzender der brasilianischen Branchenvereinigung ABPM für Mineralexploration und Bergbau, warnt indes vor einem Rennen um die attraktivsten Flächen. Gegenüber dem Bergbaufachmedium The Northern Miner äußerte er die Sorge, dass kleinere und mittlere Explorationsfirmen beim Zugang zu neuen Projekten ins Hintertreffen geraten könnten.
Milliardenprogramm trifft auf begrenzte Staatsmittel
Für seinen Zehnjahresplan PlanGeo Geofísica veranschlagt Brasilien rund 3,3 Mrd. BRL (ca. 654 Mio. USD). Nach Angaben des SGB sind jährlich 300 Mio. BRL (ca. 59 Mio. USD) vorgesehen, sofern das Parlament die Mittel bewilligt. In welcher Höhe die staatliche Finanzierung tatsächlich zur Verfügung steht, ist damit noch offen.
Eine Veröffentlichung des SGB aus dem Jahr 2026 beziffert den Anteil des bis 2025 detailliert geologisch kartierten brasilianischen Festlands auf erst rund 28 %. Die Kartierungen erfolgten im Maßstab 1:100.000. Solche geologischen Karten unterscheiden sich von den geplanten geophysikalischen Messflügen, liefern aber ergänzende Informationen für die Auswahl möglicher Lagerstätten.
Die Messungen sollen geologische Wissenslücken schließen und die Suche nach kritischen Mineralien erleichtern. Die vorgesehenen Untersuchungen erstrecken sich auf unterschiedliche Gesteinsarten und Rohstoffgruppen. Geplant sind 61 elektromagnetische Messprojekte im kristallinen Grundgebirge sowie 67 weitere Projekte in Sedimentbecken. Ende September begann eine öffentliche Konsultation, bei der Unternehmen und Fachleute prioritäre Untersuchungsgebiete vorschlagen können. Noch bis zum 28. Oktober nimmt der SGB Stellungnahmen entgegen.
Über eine Finanzierung von Messflügen spricht die Behörde bereits mit dem staatlich kontrollierten brasilianischen Energiekonzern Petrobras BRPETRACNOR9 932443 und dem brasilianischen Bergbaukonzern Vale BRVALEACNOR0 897136. Private Partner können jedoch keine Vermessungen außerhalb der staatlichen Planung durchsetzen.
Regeln für einen Datenvorsprung fehlen noch
Für eine zeitlich begrenzte Exklusivität benötigt der SGB nach eigenen Angaben eine rechtliche Grundlage und eine förmliche Vereinbarung. Bislang ist weder geklärt, wie lange die Sperrfrist gelten soll, noch welche Daten zurückgehalten und wie sie verwendet werden dürfen. Auch mögliche wirtschaftliche Gegenleistungen jenseits des Datenzugangs hat die Behörde offengelassen, etwa Beteiligungen an Explorationsprojekten.
Seit 2017 stellt der SGB seine geophysikalischen Flugdaten kostenlos zur Verfügung. Zuvor mussten Unternehmen dafür bezahlen, während Forschungseinrichtungen die Ergebnisse erst mit zeitlichem Abstand erhielten. Bei privat mitfinanzierten Erhebungen wäre der gleichzeitige öffentliche Zugang künftig vorübergehend eingeschränkt.
José Marques Braga Junior, Brasilien-Chef von Viridis Mining and Minerals AU0000190829 A3EEJX – einem australischen Entwickler von Seltene-Erden-Projekten – sieht darin Chancen und Risiken. Eine private Mitfinanzierung hält er für sinnvoll, sofern die Exklusivphase begrenzt bleibt und die Daten anschließend öffentlich zugänglich werden. Viridis entwickelt das Colossus-Projekt für Seltene Erden bei Poços de Caldas im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais. Bleiben wichtige Erkenntnisse über längere Zeit finanzstarken Unternehmen vorbehalten, könnten nach Einschätzung von Braga Junior sowohl der Wettbewerb als auch die Entwicklung neuer Projekte leiden.
Die ABPM will Exklusivität deshalb auf Ausnahmefälle begrenzen. Der Verband fordert eine Höchstdauer von sechs Monaten, eine Beschränkung auf das mitfinanzierte Gebiet und den Ausschluss von Vorrechten bei Mineralrechten. Diese Vorschläge will er in die öffentliche Konsultation einbringen.
SGB-Präsident Vilmar Medeiros Simões hält transparente, objektive und diskriminierungsfreie Bedingungen für notwendig. Nach seinen Angaben gehört es ausdrücklich zu den Zielen der Behörde, kleinere Explorationsfirmen mit einem besseren Angebot geologischer Daten anzuziehen.
Im Ausland konkurrieren verschiedene Fördermodelle
Zeitlich begrenzte Exklusivphasen gibt es bereits in Australien. In der Region Cobar finanzierten Explorationsunternehmen 2019 zusätzliche 800 Flugkilometer, um ausgewählte Gebiete genauer vermessen zu lassen. Die dabei gewonnenen Ergebnisse wurden zunächst zurückgehalten und sollten nach einer zwölfmonatigen Sperrfrist veröffentlicht werden. Western Australia verfolgt dagegen ein Modell mit staatlichen Zuschüssen. Bei förderfähigen Geophysikprojekten von Unternehmen übernimmt die Regierung bis zu 50 % der Kosten, höchstens jedoch 250.000 AUD. Die erhobenen Daten werden drei Monate nach dem Ende der Fördervereinbarung öffentlich zugänglich.
In den USA zeigt ein Gemeinschaftsprojekt der Geologiebehörde USGS mit dem internationalen Bergbaukonzern Rio Tinto GB0007188757 852147 einen anderen Ansatz. Durch die Zusammenarbeit verdoppelte sich die untersuchte Fläche im Südwesten des Bundesstaates Montana. Die gewonnenen Daten sollten öffentlich bereitgestellt werden.
Auch Kanada setzt bei seinen staatlichen Forschungsprogrammen auf einen offenen Zugang. Das geowissenschaftliche Programm GEM-GeoNorth veröffentlicht Erkenntnisse, die sowohl für die Rohstoffexploration als auch für andere Entscheidungen über die Landnutzung verwendet werden können.
Brasilien muss nun Regeln finden, die über die Finanzierung zusätzlicher Messflüge hinausreichen. Die Untersuchungen könnten weitere aussichtsreiche Explorationsgebiete erschließen, finanzstarken Geldgebern aber zugleich einen zeitlichen Vorsprung gegenüber kleineren Wettbewerbern verschaffen. Bis zum Abschluss der öffentlichen Konsultation ist offen, wie das Land zusätzliche Finanzierung und einen fairen Datenzugang miteinander vereinbaren will.

