Europas Rohstoffkurs: Mit China verhandeln, daheim investieren

Europas Rohstoffkurs: Mit China verhandeln, daheim investieren Jann Hoefer / cylib

Die Europäische Union verfolgt bei ihrer Rohstoffversorgung aktuell zwei unterschiedliche Ansätze. In Peking verhandelte sie über Erleichterungen für chinesische Lieferungen Seltener Erden. Gleichzeitig wählte die Europäische Kommission 46 neue strategische Rohstoffprojekte in 16 Mitgliedstaaten aus. Kurzfristig soll China verlässlicher liefern. Langfristig will Europa mehr Rohstoffe selbst fördern, verarbeiten und wiederverwerten.

Peking verspricht leichteren Zugang zu Seltenen Erden

Am vergangenen Freitag erzielte EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič nach zweitägigen Gesprächen mit Chinas Handelsminister Wang Wentao eine grundsätzliche Verständigung über mehrere Streitpunkte. Peking will nun die Vergabe von Exportlizenzen für Seltene Erden und daraus gefertigte Permanentmagnete erleichtern. Solche Magnete werden unter anderem für Elektromotoren und in der Verteidigungstechnik benötigt. Welche Mengen künftig tatsächlich geliefert werden und wann die Zusage umgesetzt wird, ist allerdings noch nicht geregelt.

Auch das Autogeschäft ist Teil der Einigung. China soll den starken Anstieg seiner Exporte von Hybrid- und Plug-in-Hybridfahrzeugen in die EU bremsen. Laut Šefčovič könnten die Lieferungen in den kommenden vier Jahren mehr als 50 % niedriger ausfallen als bislang erwartet. Die Angabe bezieht sich ausdrücklich auf eine Prognose ohne neue Beschränkungen, nicht auf die heutigen Importmengen. Chinas Exporte können deshalb trotz der vereinbarten Begrenzung weiter steigen. Seit die EU 2024 zusätzliche Zölle auf chinesische Elektroautos erhob, setzten dortige Hersteller verstärkt auf Plug-in-Hybride, die von den Aufschlägen ausgenommen waren. Im ersten Halbjahr 2026 verdreifachte sich der Wert chinesischer Hybridautoexporte in die EU gegenüber dem Vorjahreszeitraum auf 7,5 Mrd. USD.

Im Gegenzug soll China europäischen Waren den Zugang zum eigenen Markt erleichtern. Betroffen sind bestehende EU-Ausfuhren im Wert von fast vier Milliarden EUR, darunter Autoteile, Olivenöl und Schuhe. Die möglichen Zolleinsparungen beziffert Šefčovič auf mindestens 225 Mio. EUR. Nach seiner Darstellung markiert die Verständigung allerdings erst den Abschluss der ersten Verhandlungsphase.

Die Auseinandersetzung reicht über einzelne Produkte hinaus. Im Handel mit China verzeichnet die EU ein Defizit von rund einer Milliarde EUR täglich. Günstige chinesische Importwaren setzen europäische Industriezweige unter Druck. Zugleich verschärfte Peking 2025 die Ausfuhrbeschränkungen für bestimmte Seltene Erden. Die Abhängigkeit von chinesischen Lieferungen wurde dadurch zu einem unmittelbaren wirtschaftlichen und politischen Risiko. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) mussten einige Autohersteller wegen fehlender Magnete ihre Produktion drosseln oder zeitweise unterbrechen.

China dominiert die Verarbeitung Seltener Erden

Im Jahr 2024 entfielen auf das Land 60 % der weltweiten Förderung magnetrelevanter Seltener Erden. Bei der Raffination erreichte China sogar einen Anteil von 91 %, bei gesinterten Permanentmagneten waren es 94 %.

Gleichzeitig nimmt der weltweite Bedarf weiter zu. Nach Angaben der IEA hat sich die Nachfrage nach magnetrelevanten Seltenen Erden seit 2015 verdoppelt. Bis 2030 könnte sie unter den derzeitigen politischen Rahmenbedingungen um ein weiteres Drittel steigen.

Das politische Umfeld bleibt angespannt. Deutschland und Frankreich verlangen schärfere Gegenmaßnahmen gegen chinesische Handelspraktiken, die sie als wettbewerbsverzerrend betrachten. Auch im Europäischen Parlament wächst der Druck, bestehende Handelsinstrumente konsequent einzusetzen. Die EU-Staats- und Regierungschefs sollen die Verhandlungsergebnisse bei einem Treffen in Brüssel beraten.

Europa baut eigene Rohstoffketten auf

Parallel zu den Verhandlungen mit Peking sollen Investitionen in Europa die Rohstoffversorgung auf eine breitere Grundlage stellen. Die am 9. Oktober 2026 bekanntgegebene Auswahl umfasst acht Vorhaben zur Rohstoffförderung, elf zur Verarbeitung und 19 zum Recycling. Weitere acht Initiativen verbinden mehrere Stufen der Wertschöpfung, etwa Gewinnung und Aufbereitung oder Verarbeitung und Wiederverwertung.

Von insgesamt 102 eingegangenen Anträgen prüfte die Kommission 92 anhand der gesetzlichen Kriterien. Maßgeblich waren unter anderem Versorgungssicherheit, technische Machbarkeit, Umwelt- und Sozialstandards sowie der Nutzen für mehrere EU-Länder. Schließlich erhielten Vorhaben aus 16 Mitgliedstaaten den strategischen Status. Sie decken 15 der 17 Rohstoffe ab, die das europäische Regelwerk als strategisch einstuft.

Die Auswahl orientiert sich an den Bedürfnissen wichtiger europäischer Industriezweige. Zwölf der Vorhaben befassen sich mit Nickel, zehn mit Kobalt und sieben mit Lithium. Fünf weitere betreffen Mangan, vier Graphit. Alle fünf Rohstoffe werden entlang der Batterielieferkette benötigt. Hinzu kommen vier Vorhaben zu Seltenen Erden für Permanentmagnete, drei zu Wolfram und zwei zu Magnesium. Die beiden letztgenannten Materialien sind unter anderem für Anwendungen in Verteidigung und Luftfahrt relevant.

Deutschland ist mit acht ausgewählten Vorhaben vertreten. Dazu gehören die geplante Lithiumförderung im sächsischen Zinnwald und das Batterierecycling in Aachen. In Zinnwald soll lithiumhaltiges Gestein unter Tage gewonnen und anschließend zu batterietauglichem Lithiumhydroxid verarbeitet werden. Das Aachener Recyclingunternehmen cylib arbeitet hingegen daran, aus gebrauchten Lithium-Ionen-Batterien wertvolle Materialien wie Lithium, Nickel, Kobalt und Graphit zurückzugewinnen. Eigene Minen können die Versorgungssicherheit verbessern. Für eine breitere Rohstoffbasis benötigt Europa darüber hinaus Verarbeitungs- und Recyclingkapazitäten.

Bei Seltenen Erden bestehen erhebliche Engpässe, insbesondere bei der Umwandlung gereinigter Rohstoffe in Metalle und Legierungen sowie bei der anschließenden Magnetfertigung. Nach Einschätzung der IEA werden diese Produktionsstufen außerhalb Chinas bislang langsamer ausgebaut als neue Förderkapazitäten. Europäische Fördervorhaben müssen deshalb durch zusätzliche Industrieanlagen für die Weiterverarbeitung ergänzt werden, um die Abhängigkeit wirksam zu verringern.

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Europas Rohstoffziele und ihre Grenzen

Mit dem Critical Raw Materials Act, dem seit Mai 2024 geltenden EU-Rohstoffgesetz, hat Brüssel feste Richtwerte geschaffen. Bis 2030 sollen eigene Förderkapazitäten mindestens zehn Prozent des jährlichen EU-Bedarfs abdecken. Für die Verarbeitung liegt die Zielmarke bei 40 %, für das Recycling bei 25 %.

Darüber hinaus soll die Abhängigkeit von einzelnen Lieferländern begrenzt werden. Bei jedem strategischen Rohstoff soll auf keiner relevanten Verarbeitungsstufe ein einzelnes Drittland mehr als 65 % des jährlichen EU-Verbrauchs abdecken. Neben dem Aufbau eigener Kapazitäten verlangt die europäische Strategie daher eine breitere internationale Lieferantenbasis.

Nach Berechnungen der Kommission könnten die bislang ausgewählten Projekte einen erheblichen Teil der Zielvorgaben erfüllen. Bei Lithium, Nickel, Seltenen Erden, Magnesium und Wolfram wäre die Fördermarke demnach erreichbar. Für Lithium und Seltene Erden gilt das auch bei der Verarbeitung. Bei Kobalt könnten die Projekte 89 % der entsprechenden Zielmarke abdecken, bei Wolfram 57 % und bei Magnesium 51 %. Die Recyclingziele für Lithium, Kobalt und Seltene Erden wären nach diesen Berechnungen vollständig erreichbar.

Allerdings handelt es sich um mögliche Kapazitäten unter bestimmten Voraussetzungen, nicht um bereits laufende Produktionsanlagen. Auch beim Erreichen der europäischen Teilziele bleibt die EU auf Rohstoffimporte angewiesen. Schließlich sieht schon die Fördervorgabe lediglich eine heimische Kapazität von zehn Prozent des jährlichen Bedarfs vor.

Genehmigungen und Kapital bestimmen das Tempo

Mit der neuen Auswahl steigt die Zahl der strategischen Projekte auf insgesamt 106. Bereits 2025 hatte die Kommission 47 Vorhaben innerhalb der EU und 13 Projekte in Drittstaaten anerkannt. Von den damals ausgewählten Projekten haben inzwischen 25 ihre Umweltverträglichkeitsprüfung abgeschlossen. Für 17 liegt eine Baugenehmigung vor.

Der strategische Status soll behördliche Verfahren beschleunigen und den Zugang zu Finanzierung und Abnehmern erleichtern. Nach EU-Recht dürfen Genehmigungsverfahren für neue strategische Förderprojekte grundsätzlich höchstens 27 Monate dauern. Für reine Verarbeitungs- und Recyclingprojekte gelten 15 Monate. Allerdings erfassen diese Fristen nicht sämtliche Vorarbeiten. Insbesondere die Erstellung des Umweltverträglichkeitsberichts durch den Projektträger wird nicht mitgerechnet. Die Beschleunigung soll ohne Abstriche bei den geltenden Umweltstandards erfolgen.

Auch finanziell unterstützt Brüssel den Aufbau zusätzlicher Kapazitäten. Seit dem Start des Rohstoffaktionsplans RESourceEU wurden nach Kommissionsangaben mehr als zwei Milliarden EUR an finanzieller Unterstützung zugesagt. Daneben hat ein europäischer Mechanismus zur Zusammenführung von Rohstoffanbietern und potenziellen Abnehmern bereits über 30 Kontakte für zehn verschiedene Materialien vermittelt. Aus diesen Vermittlungen müssen allerdings zunächst verbindliche Lieferverträge entstehen.

Die Finanzierung gehört weiterhin zu den strukturellen Schwierigkeiten neuer Rohstoffprojekte. Nach Einschätzung der IEA verlangen industrielle Abnehmer häufig zunächst einen Nachweis der technischen Machbarkeit, bevor sie langfristige Lieferverträge abschließen. Projektentwickler benötigen jedoch bereits erhebliche Investitionen, um diesen erbringen zu können. Erschwerend kommen höhere Bau- und Betriebskosten außerhalb Chinas hinzu, die den Wettbewerb mit chinesischen Anbietern erschweren. Die wirtschaftliche Tragfähigkeit hängt jedoch weiterhin von den Kosten, der technischen Umsetzung und der Sicherung langfristiger Absatzmöglichkeiten ab.

Für Ende 2026 plant die Kommission bereits eine weitere Ausschreibungsrunde. Parallel muss sich zeigen, wie verlässlich China die zugesagten Erleichterungen bei Exportgenehmigungen tatsächlich umsetzt. Europa setzt damit auf kurzfristige Entspannung im Handel und langfristig auf eigene Rohstoffkapazitäten. Bis daraus eine geringere Abhängigkeit von Peking entsteht, bleiben erhebliche Investitionen und der Aufbau zusätzlicher Verarbeitungsanlagen erforderlich.