Rio Tinto priorisiert Verkäufe vor neuer Megafusion
Zum Ende der sechsmonatigen Sperrfrist zeichnen sich bei Rio Tinto GB0007188757 852147 keine neuen Fusionsgespräche mit Glencore JE00B4T3BW64 A1JAGV ab. Stattdessen konzentriert sich Rio Tinto vorerst auf Kostensenkungen, Verkäufe und kleinere Kupferprojekte. Der Konzern hatte im Februar erklärt, keine Einigung erreicht zu haben, die den eigenen Aktionären ausreichend Wert geboten hätte.
Preis und Macht sprengen die Fusionspläne
Simon Trott prüfte einen Zusammenschluss mit Glencore im Wert von rund 200 Mrd. USD. Daraus wäre der größte Bergbaukonzern der Welt entstanden. Glencore hätte bei der Vereinigung der Konzerne sein Handelsgeschäft und bedeutende Kupferanlagen eingebracht. Rio Tinto wiederum verfügt über ausgewiesene Erfahrung im Betrieb großer Minen. Glencore erklärte nach dem Abbruch, Rio Tinto habe den relativen Wert seines Kupfergeschäfts und mögliche Synergien erheblich unterschätzt.
Am 5. Februar verwarf Rio Tinto das Vorhaben, weil keine wertschaffende Einigung erreichbar war. Nach dem britischen Übernahmekodex begann damit eine sechsmonatige Sperrfrist für einen neuen, von Rio Tinto angestoßenen Anlauf. Vor ihrem Ablauf wären Gespräche nur mit Zustimmung des Glencore-Verwaltungsrats oder unter besonderen Umständen möglich gewesen. Darunter fielen ein festes Drittangebot, eine umgekehrte Übernahme oder eine vom Übernahmegremium bestätigte wesentliche Veränderung der Voraussetzungen. Mit dem Ende der Frist entfallen diese besonderen Beschränkungen.
Trott hat australischen Investoren versichert, dass Rio Tinto keinen Anlass für neue Gespräche sieht. Die Verhandlungen scheiterten laut Glencore auch an der geplanten Machtverteilung. Demnach wollte Rio Tinto Vorsitz und Konzernführung des fusionierten Unternehmens besetzen.
Australische Anleger bremsen einen neuen Anlauf
Die Zurückhaltung hat allerdings auch mit den Aktionären zu tun. Viele australische Investoren lehnten die Verbindung wegen Glencores Kohlegeschäft und früherer Führungsprobleme ab. Britische Anleger reagierten offener, während Bewertungsfragen und die schwer greifbaren Erträge des Rohstoffhandels in Australien Misstrauen auslösten.
Anlagechef Michael Bell vom Vermögensverwalter Solaris Investment Management warnt vor einer Belastung der Rio-Tinto-Aktie. Eine schnelle Kehrtwende würde zudem Trotts Glaubwürdigkeit bei der Kapitaldisziplin beschädigen.
Rio Tinto setzt auf Umbau und Kapitaldisziplin
Seit seinem Amtsantritt als Konzernchef im Jahr 2025 hat Trott Rio Tinto in drei Kernbereiche gegliedert. Nun will er Kapital und Führungskapazität auf die ertragreichsten Anlagen lenken. Diese drei Sparten sind Eisenerz, Kupfer sowie das gebündelte Geschäft mit Aluminium und Lithium.
Rio Tinto selbst nennt eine Spanne von 5 bis 10 Mrd. USD für die geplante Kapitalfreisetzung. Rund 5 Mrd. USD sollen bis Ende 2026 mobilisiert werden. Dafür prüft der Konzern Verkäufe, Partnerschaften und neue Eigentümermodelle für Infrastruktur und weitere Anlagen.
Parallel will Rio Tinto sein Handelsgeschäft ausbauen und neue Kupferprojekte verfolgen. Partnerschaften und kleinere Zukäufe haben dabei für Trott Vorrang. Im ersten Halbjahr 2026 stammte bereits mehr als die Hälfte des bereinigten operativen Ergebnisses aus Kupfer, Aluminium und Lithium.
Diese Stoßrichtung trifft den Geschmack vieler australischer Anleger. Sie bevorzugen Wachstum mit Aluminium, Lithium und Kupfer gegenüber einer erneuten Ausweitung des Kohlegeschäfts. Bis Ende 2026 strebt Rio Tinto aus konzernweiten Produktivitätsmaßnahmen eine annualisierte Ergebnisverbesserung von 1,8 Mrd. USD an.
Glencores Kupferstärke erhöht den Kaufpreis
Rio Tintos Absage löst das strategische Grundproblem nicht. Nach 2030 fehlen dem Konzern bislang überzeugende Möglichkeiten für ein kräftiges Wachstum der Kupferproduktion. Die Internationale Energieagentur (IEA) erwartet bis 2035 trotz neuer Projekte eine globale Kupferlücke von rund 25 %.
Analysten der Großbank Barclays halten Zukäufe deshalb langfristig für schwer vermeidbar. Eigene Großprojekte benötigen häufig viele Jahre bis zur Produktion. Bis 2040 dürfte die weltweite Kupfernachfrage laut IEA um etwa 7 Mio. Tonnen wachsen. Die Kursentwicklung erschwert eine Kehrtwende zusätzlich. Bis Anfang August 2026 hatte die Glencore-Aktie seit Jahresbeginn 33 % gewonnen. Die in London gehandelte Rio-Tinto-Aktie legte im selben Zeitraum 18 % zu.
Auch operativ stärkt Glencore seine Verhandlungsposition. Die eigene Kupferproduktion stieg im ersten Halbjahr 2026 um 15 % auf 397.000 Tonnen. Eine spätere, aktienfinanzierte Transaktion würde Rio Tintos Anteilseigner dadurch stärker verwässern. Für neue Gespräche müssten sich beide Seiten auf eine deutlich andere Bewertungsrelation verständigen.
Glencore baut die eigene Kupferposition weiter aus
Glencore peilt mehr als eine Million Tonnen Jahresproduktion bis 2028 und rund 1,6 Mio. Tonnen bis 2035 an. Das Kupfergeschäft soll seine Ausbaupipeline aus eigener Kraft finanzieren. Bei größeren Projekten sucht der Konzern Partner, um finanzielle und operative Risiken zu teilen.
Zugleich bemüht sich Glencore um mehr Rückhalt in Australien. Nach den Halbjahreszahlen will der Konzern mit institutionellen Investoren sprechen, darunter bisherige Nichtaktionäre.
US-Zollpolitik zieht Kupfer in amerikanische Häfen
Der Kampf um Kupfer wird unterdessen durch die amerikanische Handelspolitik verschärft. Mehr als 200.000 Tonnen raffiniertes Metall erreichten im Juli 2026 die Vereinigten Staaten. Das war der höchste Monatswert in verfügbaren Transportdaten seit 2014.
Händler reagieren auf mögliche US-Zölle und die hohen Kupferpreise in New York. An der US-Terminbörse Comex notiert Kupfer deutlich über dem Londoner Niveau. Der Preisabstand zu London betrug im Juli durchschnittlich mehr als 350 USD je Tonne.
Der Aufschlag zieht Metall in amerikanische Häfen und verknappt verfügbare Mengen andernorts. Die offiziellen Comex-Bestände stiegen seit Jahresbeginn 2026 um mehr als 40 % auf einen Rekord. Marktteilnehmer schätzen den gesamten US-Vorrat auf mehr als eine Million Tonnen.
Zusammen lagern an der Comex und der London Metal Exchange mehr als 740.000 Tonnen Kupfer. Private Lager in US-Häfen enthalten weitere 110.860 Tonnen. Außerhalb der Vereinigten Staaten sind die Londoner Bestände dadurch stark gesunken.
Washington lässt den Kupfermarkt über Zölle rätseln
Auf zahlreiche Kupferhalbzeuge und ausgewählte kupferhaltige Folgeprodukte gelten bereits Zölle von bis zu 50 %. Raffiniertes Rohkupfer ist bislang ausgenommen. Die US-Regierung begründet die Abgaben mit der nationalen Sicherheit und der schwachen heimischen Verarbeitungskapazität.
Eine Empfehlung des Handelsministeriums aus dem Jahr 2025 sieht für Rohkupfer 15 % Zoll ab 2027 und 30 % ab 2028 vor. Bis zum 30. Juni 2026 sollte das Ministerium die Marktlage aktualisieren und damit die Grundlage für eine Entscheidung liefern. Eine öffentliche Entscheidung über Zölle auf Rohkupfer lag Anfang August noch nicht vor. Eine Einführung dürfte vor dem Start einen letzten Importstoß auslösen. Ein Verzicht könnte die über 18 Monate aufgebauten Handelspositionen rasch zurückdrehen.
Die Zollpolitik berührt Rio Tinto inzwischen direkt. Das Gemeinschaftsprojekt Resolution Copper in Arizona schloss im März 2026 einen wichtigen Grundstückstausch ab. Für Vorarbeiten sind zunächst rund 500 Mio. USD vorgesehen. Die Mine könnte später bis zu einem Viertel des amerikanischen Kupferbedarfs decken. Für Rio Tinto wächst damit der Anreiz, eigene Projekte zu beschleunigen und Zukäufe streng am langfristigen Wert zu messen.

