Tiefsee zwischen Rohstoffplänen und Kontrollverlust

Tiefsee zwischen Rohstoffplänen und Kontrollverlust ROV KIEL 6000 / GEOMAR, CC BY 4.0

Die Internationale Meeresbodenbehörde (ISA) berät in Kingston auf Jamaika über die Zukunft des Tiefseebergbaus. Die zwischenstaatliche Organisation organisiert und kontrolliert mineralbezogene Aktivitäten am Meeresboden jenseits nationaler Hoheitsgebiete und zählt 172 Mitglieder – 171 Staaten und die Europäische Union. Ihre Vollversammlung tagt noch bis zum 31. Juli 2026. Der ISA-Rat hatte seine Beratungen bereits am 24. Juli beendet, ohne den Mining-Code zu verabschieden. Parallel setzt der kanadische Tiefseebergbau-Entwickler The Metals Company CA87261Y1060 A3C20W, kurz TMC, auf ein beschleunigtes US-Genehmigungsverfahren für den Abbau am internationalen Meeresboden.

Der Mining-Code bleibt vorerst unvollendet

Das geplante Regelwerk soll festlegen, unter welchen technischen, ökologischen und rechtlichen Bedingungen Unternehmen Bodenschätze außerhalb nationaler Hoheitsgebiete fördern dürfen.

Der ISA-Rat beschloss einen Fahrplan für die weitere Arbeit. Mitgliedstaaten und Beobachter können bis zum 1. Oktober 2026 schriftliche Vorschläge zu den verbliebenen Streitpunkten einreichen. Der internationale Genehmigungsrahmen bleibt damit über die laufende Sitzungsperiode hinaus offen.

Zahlreiche Staaten fordern gemeinsam mit Umweltorganisationen wie WWF und Greenpeace ein Moratorium. Sie wollen die kommerzielle Förderung aussetzen, bis die ökologischen Risiken verlässlich bewertet und wirksame Schutzregeln entwickelt sind. Nach Angaben der ISA haben sich 40 Staaten offiziell für ein Moratorium oder eine vorsorgliche Pause ausgesprochen.

Washington treibt ein nationales Verfahren voran

Das UN-Seerechtsübereinkommen (Unclos) stuft den Meeresboden jenseits nationaler Hoheitsgebiete als gemeinsames Erbe der Menschheit ein. Die USA haben Unclos nicht ratifiziert und gehören der ISA daher nicht an. Anträge von US-Unternehmen können sie auf Grundlage des nationalen Tiefseebergbaugesetzes prüfen.

Mit einer Präsidialverfügung vom 24. April 2025 ordnete die US-Regierung an, die Prüfung von Explorationslizenzen und kommerziellen Fördergenehmigungen zu beschleunigen. Die US-Meeres- und Atmosphärenbehörde NOAA führte im Januar 2026 ein gebündeltes Verfahren ein, in dem Unternehmen beide Anträge gleichzeitig einreichen können. Eine kommerzielle Fördergenehmigung hat die Behörde bislang nicht erteilt.

Auch innerhalb der eigenen Wirtschaftszone treibt Washington die Erschließung voran. Die zuständige US-Behörde veröffentlichte am 16. Juli 2026 die Bedingungen für eine mögliche Mineralienauktion vor Amerikanisch-Samoa. Die beiden vorgeschlagenen Pachtgebiete umfassen zusammen rund 133.500 Quadratkilometer. Zunächst wären dort Erkundungsarbeiten zulässig; eine spätere Förderung müsste ein separates Prüfverfahren durchlaufen.

TMC setzt auf Washingtons Genehmigungsweg

TMC beantragte bei der NOAA eine Explorationslizenz und eine kommerzielle Fördergenehmigung im gebündelten Verfahren. Der Antrag bezieht sich auf eine Fläche von rund 65.000 Quadratkilometern in der Clarion-Clipperton-Zone im Zentralpazifik. Das Unternehmen beziffert die dort vermutete Ressource auf 619 Millionen Tonnen Manganknollen im Nassgewicht und das zusätzliche Explorationspotenzial auf 200 Millionen Tonnen.

Die NOAA erklärte den Antrag Ende April 2026 für vollständig und formgerecht. Die weitere behördliche Prüfung einschließlich der Umweltprüfung steht noch aus. TMC erwartet nach eigener Prognose eine kommerzielle Genehmigung bis zum Ende des ersten Quartals 2027. Diese Zeitangabe ist ein Unternehmensziel.

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TMC-Tochterfirmen ziehen gegen die ISA vor Gericht

Die TMC-Tochterfirmen und ISA-Vertragspartner Nauru Ocean Resources und Tonga Offshore Mining klagen vor der Meeresbodenkammer des Internationalen Seegerichtshofs (ITLOS) gegen Untersuchungen zu möglichen Vertragsverstößen.

Die Meeresbodenkammer erließ am 18. Juli 2026 vorläufige Maßnahmen. Sie verpflichtete die ISA, in den Untersuchungs- und Vertragsverlängerungsverfahren die geltenden Verfahrensregeln einzuhalten und den Unternehmen die für eine Stellungnahme erforderlichen Informationen bereitzustellen. Über die Hauptsache ist noch nicht entschieden. Die Parteien müssen bis zum 31. August 2026 über die Umsetzung der Maßnahmen berichten.

Ein Teil des Regelstreits verlagert sich damit aus den ISA-Verhandlungen in gerichtliche und nationale Verfahren. Deren Entscheidungen können die praktische Entwicklung des Tiefseebergbaus prägen, während der internationale Abbaukodex weiter ausgearbeitet wird.

Vier Jahrzehnte später sind noch Spuren sichtbar

Die ökologischen Folgen eines kommerziellen Tiefseebergbaus sind nur in Ansätzen erforscht. Langzeitdaten bleiben rar. Studien dokumentieren dauerhafte Veränderungen in den Fahrspuren der Sammelmaschinen sowie mögliche Auswirkungen von Sedimentfahnen am Meeresboden und in der Wassersäule.

Eine 2025 in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichte Langzeituntersuchung fand noch 44 Jahre nach einem experimentellen Abbau deutliche Veränderungen in den direkt gestörten Flächen. Untersucht wurde ein rund 0,4 Quadratkilometer großes Testfeld in der Clarion-Clipperton-Zone, auf dem ein Sammelfahrzeug im Jahr 1979 Manganknollen entfernt hatte. Einige Tiergruppen hatten das Gebiet teilweise wiederbesiedelt. Die physische Struktur des Bodens und zahlreiche Artengemeinschaften blieben verändert.

Bei einem industriellen Test im Jahr 2022 sank die Dichte der im Sediment lebenden größeren Tiere innerhalb der Fahrspuren um 37 Prozent. Die Zahl der nachgewiesenen Arten ging um 32 Prozent zurück. Außerhalb der Spuren zeigte sich in den von Sedimentfahnen erreichten Flächen kein vergleichbarer Rückgang der Tierzahl. Die Dominanzverhältnisse zwischen den Arten veränderten sich dennoch. Eine weitere Studie kommt zu dem Ergebnis, dass nährstoffarme Rückstände das natürliche Nahrungsangebot in mittleren Wasserschichten verdünnen – mit Auswirkungen bis hin zu größeren Meeresräubern.

Batteriemetalle verschärfen den Ordnungsstreit

Der wirtschaftliche Reiz der Manganknollen liegt in ihrem Gehalt an strategisch wichtigen Metallen. Nickel, Kobalt und Mangan werden für bestimmte Batterietypen benötigt, Kupfer spielt eine zentrale Rolle in Stromnetzen und elektrischen Antrieben. Die Internationale Energieagentur IEA erwartet bis 2040 je nach Szenario ein Nachfragewachstum von 50 bis 90 Prozent bei Nickel. Elektroautos, stationäre Stromspeicher und der Ausbau der Stromnetze treiben den Bedarf.

Gleichzeitig konzentrieren sich Förderung und Verarbeitung vieler kritischer Rohstoffe auf wenige Länder. Bei Mangan, Nickel und Graphit stammte zuletzt nahezu das gesamte Wachstum des raffinierten Angebots vom jeweils führenden Produzenten. Befürworter sehen im Tiefseebergbau daher eine Möglichkeit, zusätzliche Bezugsquellen zu erschließen und bestehende Lieferketten breiter aufzustellen. Ob der Ansatz technisch, wirtschaftlich und ökologisch trägt, bleibt offen.

Für die ISA geht es damit um zwei Ebenen: die Bedingungen eines möglichen Abbaus und die Durchsetzungskraft der multilateralen Meeresordnung. Mit jeder Verzögerung gewinnen nationale Verfahren und die Pläne einzelner Unternehmen an Gewicht.