Nahost-Ausfälle lassen Londons Metallpuffer schrumpfen
Die Aluminiumlager der London Metal Exchange (LME) sind am vergangenen Freitag auf 271.275 Tonnen gefallen – den niedrigsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen im Januar 1998. Versorgungsprobleme im kriegsgeprägten Nahen Osten veranlassen Verbraucher, verfügbare Bestände abzurufen und sich Metall zu sichern.
Die Reserven decken kaum einen Verbrauchstag
Das Ausmaß der Verknappung zeigt sich erst im Verhältnis zum heutigen Markt: Die eingelagerten Mengen entsprechen weniger als einem Tag des weltweiten Aluminiumverbrauchs. Der Rohstoffmarkt ist in den vergangenen Jahrzehnten erheblich gewachsen, die sichtbaren Reserven an der Börse hingegen sind auf ein außergewöhnlich niedriges Niveau gesunken.
Duncan Hobbs, Forschungsdirektor beim Rohstoffhändler Concord Resources, verweist deshalb auf die geringe Aussagekraft historischer Vergleiche. Gemessen an der heutigen Marktgröße seien die LME-Bestände deutlich knapper als vor rund 25 Jahren.
Auch der unmittelbar verfügbare Teil der Vorräte nimmt ab. Die sogenannten On-Warrant-Bestände, die noch nicht für eine Auslieferung vorgemerkt sind, beliefen sich am 24. Juli auf 245.350 Tonnen. Das ist der niedrigste Wert seit April 2025.
Russisches Metall verengt das nutzbare Angebot
Die Zusammensetzung der Bestände verschärft die Knappheit zusätzlich. Ende Juni stammten nach Reuters-Angaben auf Basis von LME-Daten 234.025 der insgesamt 246.600 Tonnen verfügbaren On-Warrant-Bestände aus Russland. Das entsprach rund 95 Prozent. Als einzige nicht russische Alternative lagerten noch 12.575 Tonnen Aluminium indischen Ursprungs; Metall aus anderen Ländern war nicht verfügbar.
Die russische Menge war im Monatsverlauf zwar um 3.150 Tonnen gesunken. Ihr Anteil nahm dennoch von 93 auf 95 Prozent zu, weil die indischen Bestände mit einem Rückgang um 4.875 Tonnen noch stärker abnahmen. Die ausgewiesene Gesamtmenge überschätzt deshalb den praktisch nutzbaren Puffer: Manche Händler meiden russisches Aluminium aus Sanktions-, Compliance- oder Reputationsgründen.
Russisches Metall, das vor dem 13. April 2024 produziert wurde, bleibt grundsätzlich über das LME-System handelbar. Später hergestelltes Aluminium darf wegen westlicher Sanktionen hingegen nicht mehr neu in das Lager- und Liefersystem der Börse aufgenommen werden. Die 95 Prozent beziehen sich somit ausdrücklich auf die Ende Juni zur Auslieferung verfügbaren Bestände – nicht auf sämtliche am 24. Juli registrierten Lagermengen.
Die Aluminiumwerke am Persischen Golf erholen sich
Die Staaten des Golfkooperationsrats vereinen rund neun Prozent der weltweiten Produktionskapazität für Primäraluminium. Ende März wurden die beiden größten Schmelzen der Region Ziel iranischer Angriffe. Gleichzeitig erschweren Störungen an der Straße von Hormus den Betreibern, Rohstoffe einzuführen und fertiges Metall auszuführen.
Nach vorläufigen Daten des Branchenverbands International Aluminium Institute (IAI) sank die tägliche Aluminiumproduktion in den Staaten des Golfkooperationsrats im April um 26,7 Prozent auf 10.989 Tonnen. Damit erreichte sie weniger als zwei Drittel des Vorkriegsniveaus von rund 17.800 Tonnen pro Tag. Die weltweite durchschnittliche Tagesproduktion verringerte sich im selben Monat gegenüber März um 2,1 Prozent.
Der Aluminiumproduzent Emirates Global Aluminium aus den Vereinigten Arabischen Emiraten hatte bis zum 2. Juli erst 89 der 1.262 Elektrolysezellen am beschädigten Standort Al Taweelah wieder hochgefahren. Die vollständige Rückkehr zum Produktionsniveau vor dem Angriff kann nach Unternehmensangaben bis zu ein Jahr dauern.
Der Lieferausfall trifft Importmärkte besonders hart
Der Markt könnte diese Risiken unterschätzen. Zwar deuten Prognosen für 2027 und 2028 auf Aluminiumüberschüsse hin. Solche längerfristigen Erwartungen verdecken jedoch die akute Verwundbarkeit der Lieferketten, solange wichtige Produktions- und Transportrouten beeinträchtigt bleiben.
Die Bedeutung der Staaten am Persischen Golf reicht weit über ihren Anteil an der Weltproduktion hinaus: Die dortigen Aluminiumwerke liefern rund 19 Prozent der Primäraluminiumimporte der Europäischen Union, 28 Prozent der japanischen Einfuhren und 21 Prozent der US-Importe. Ein regionaler Ausfall trifft diese Abnehmer daher überproportional stark.
Emirates Global Aluminium nutzt inzwischen alternative Ausfuhrrouten über Häfen außerhalb der Straße von Hormus und baut seine in den Vereinigten Arabischen Emiraten angesammelten Metallbestände ab. Das Unternehmen verkauft derzeit mehr Aluminium, als sein Hüttenstandort Jebel Ali produziert. Eine Rückkehr zu den früheren Ausfuhrmengen setzt nach eigener Einschätzung jedoch die Wiederöffnung der Meerenge voraus.
Die Handelspolitik verteilt die Knappheit neu
In den USA gilt seit dem 6. April 2026 für zahlreiche Aluminiumwaren ein zusätzlicher Einfuhrzoll von 50 Prozent. Ein am 20. Juli angekündigtes Fördermodell stellt Unternehmen, die neue US-Hüttenkapazitäten aufbauen oder bestehende Anlagen erweitern, im Gegenzug begrenzte Importe zum halben regulären Zollsatz in Aussicht.
Der Zugang zu vergünstigten Einfuhren wird damit an künftige Investitionen gekoppelt. Für den aktuellen Engpass entstehen aus dem Programm zunächst keine zusätzlichen Tonnen; kurzfristig bleibt der Wettbewerb zwischen regionalen Absatzmärkten bestehen.
Die Prämienkurve zeigt den kurzfristigen Engpass
Am LME-Markt legte der Referenzpreis für Aluminium mit dreimonatiger Laufzeit am Morgen um 0,3 Prozent auf 3.170 USD je Tonne zu. Die moderate Bewegung steht im Kontrast zur außergewöhnlichen Knappheit der sichtbaren Lagerreserven.
Der an der LME gehandelte europäische Duty-paid-Aufschlag – eine Regionalprämie für verzolltes Metall – schloss für den Juli-Kontrakt am 24. Juli bei 525,83 USD je Tonne. Für Juli 2027 wurden dagegen 430 USD aufgerufen. Die abwärts geneigte Kurve bewertet den kurzfristigen Lieferdruck damit höher als die Versorgungslage in einem Jahr.
China hält noch einen größeren Lagerpuffer bereit
Entspannter präsentiert sich die Lage in China, dem weltweit größten Metallverbraucher. Die Bestände an der Shanghai Futures Exchange sinken zwar seit Mitte Juni, liegen mit 455.092 Tonnen aber weiterhin auf einem vergleichsweise soliden Niveau.
China erzeugte im April 3,678 Millionen der weltweit produzierten 5,922 Millionen Tonnen Primäraluminium und kam damit auf einen Anteil von rund 62 Prozent. Dennoch verzeichnete das IAI außerhalb der Staaten des Golfkooperationsrats keine Produktionszuwächse, die den dortigen Einbruch kurzfristig ausgleichen könnten.

