Russland arbeitet verstärkt in der Einführung eigener Benchmarks für wichtige Rohstoffe. Bereits im Frühjahr 2023 könnte es ein russisches Pendant zum WTI oder Brent Öl geben.

Die deutschen Schlagzeilen werden in dieser Woche durch Russland dominiert. Die Russische Föderation hat die Gaslieferungen durch die Pipeline Nordstream 1 auf 20 % der Kapazität reduziert und gefährdet somit die deutsche Gasversorgung massiver als je zuvor.

Doch die Strategen im Kreml arbeiten im Hintergrund an ganz anderen Umwälzungen auf den Rohstoffmärkten. Wie die Gouverneurin der russischen Zentralbank, Elvira Nabiullina, mitteilte, will die Notenbank zusammen mit der Regierung nationale Preisbenchmarks für eine Reihe von Rohstoffen entwickeln.

Russische Benchmark für Öl schon im ersten Halbjahr 2023?

Auf einer Pressekonferenz sagte Nabiullina gegenüber Reportern in der vergangenen Woche, die Einführung solcher Indices sei „sehr wichtig“. Die Indices bezögen sich in erster Linie auf Handelswaren, könnten jedoch auch auf alle anderen gehandelten Waren eingeführt werden.

Der Plan für eigene Rohstoffbenchmarks kommt nicht aus dem Nichts. Russische Rohstoffe wurden durch westliche Sanktionen belegt. Offensichtlich will Moskau mehr Kontrolle über die eigenen Exporte gewinnen.

Dies jedenfalls lässt der vorgestellte Plan vermuten. Soll es eine nationale Handelsplattform geben, auf der ausländische Käufer russisches Öl kaufen können. Zwischen März und Juli 2023 soll dann ein ausreichendes Handelsvolumen auf dieser Plattform bestehen und als Basis für eine nationale Benchmark dienen.

Sehr wichtig in diesem Zusammenhang ist der Plan der G-7-Länder, russische Einnahmen aus dem Verkauf von Öl durch einen Preisdeckel zu begrenzen. Elvira Nabiullina betonte, Russland werde kein Öl an Länder verkaufen, die solche Preisobergrenzen einführten.

„Soweit ich verstehen kann, werden wir kein Öl an Länder liefern, die solche Preisgrenzen auferlegen würden“, sagte die Zentralbankchefin. Stattdessen werde Russland seine Rohöl- und Ölprodukte an die Nationen umleiten, die bereit seien, mit dem Land zusammenzuarbeiten.

Pläne für russische Öl Benchmarks sind nicht neu

Auch der der stellvertretende russische Ministerpräsident Alexander Novak betonte Anfang dieser Woche, dass es im Fall einer globalen Preisobergrenze unterhalb der Produktionskosten keine russischen Exporte mehr geben werde. Für die Industrie sei es inakzeptabel, mit Verlusten zu arbeiten.

Neu sind die Pläne zur Einführung einer russischen Benchmark für den Ölpreis nicht. Der Kreml arbeitet seit mehr als zehn Jahren an diesem Plan. Seit der russischen Invasion in die Ukraine wurden die Bemühungen jedoch verstärkt.

Einige russische Produzenten verkaufen Öl an der Moskauer Rohstoffbörse Spimex. Bislang war das dort gehandelte Volumen jedoch zu gering, um eine weltweit anerkannte Benchmark zu begründen. Nicht zuletzt deshalb wird das russische Uralöl mit einem Abschlag auf etablierte Referenzsorten wie Brent und WTI gehandelt.

Dieser Spread hat sich seit dem Kriegsausbruch deutlich ausgeweitet –  eine Folge der Sanktionen. Laut Berichten des russischen Finanzministeriums wurden im Zeitraum vom 15. Juni bis 14. Juli durchschnittlich 84 USD pro exportiertem Barrel erzielt. Im selben Zeitraum lag der durchschnittliche Preis für ein Barrel der Nordseesorte Brent dagegen bei 110 USD.

Russische Benchmarks dienen aus Sicht der Moskauer Regierung dazu, die Macht im Welthandel neu aufzuteilen. Russland zählt zu den größten Rohstoffländern weltweit. Nahezu der gesamte weltweite Rohstoffhandel wird jedoch in US-Dollar abgerechnet. Dies sehen die Russen (und ebenso die Chinesen) kritisch.

Benchmarks, die durch Russland erstellt und von China, Indien und anderen aufstrebenden Mächten als maßgebliche Preisindikatoren akzeptiert würden, könnten die Dominanz westlicher Handelsplätze schwächen. Sollte die russische Benchmark aus Moskauer Sicht Erfolg haben, könnten Benchmarks für weitere Rohstoffe deshalb rasch folgen.

Neue Strukturen auf den Rohstoffmärkten

Generell sind nicht nur die Energiemärkte, sondern fast alle Rohstoffmärkte in Bewegung. So verlegen seit Monaten viele in der Schweiz ansässige Rohstoffhändler ihr Geschäft ganz oder teilweise nach Dubai – das sich nicht an den internationalen Sanktionen gegen Russland beteiligt und auch sonst verschiedene Vorteile bietet. So sind in Dubai finanzstarke arabische Banken aktiv. Weitere Vorzüge des Standorts sind niedrige Steuern sowie die Nähe zu großen Rohstoffexporteuren wie Saudi-Arabien und Katar.

An den Rohstoffmärkten entwickeln sich so neue Strukturen. Dies gilt insbesondere für wichtige Zukunftsmaterialien wie etwa Lithium, das in der Elektromobilität zum Einsatz kommt. Autohersteller versuchen hier zunehmend, Direktverträge mit  Produzenten abzuschließen – bevorzugt solche mit Sitz und Produktion in westlichen Ländern. Die Autohersteller erhalten Lithium deshalb häufig zu deutlich günstigeren Preisen als derzeit am Spotmarkt gezahlt werden.

Dafür schließen Autokonzerne aufgrund des extrem angespannten Marktes oft Verträge mit angehenden Lithiumproduzenten im Entwicklungs -oder Explorationsstadium ab. Ein Beispiel dafür ist der australische Lithium-Developer Galan Lithium Ltd. (ASX: GLN; WKN: A2N4CD; ISIN: AU0000021461), der im argentinischen Hochland sein Paradeprojekt „Hombre Muerto“ derzeit in Richtung Produktionsstart entwickelt.

Unternehmen wie Galan dürften kein Problem haben, ihre Produktion auf Jahre hinaus am Markt zu platzieren  – und zwar ganz ohne Börsenhandel und Benchmark.