Haywood Securities sieht 23 % Bewertungsabschlag bei Goldminenaktien
Große Goldproduzenten werden laut Haywood derzeit mit dem 6,82-Fachen ihres für die kommenden zwölf Monate erwarteten Cashflows bewertet. Der durchschnittliche Multiplikator der vergangenen fünf Jahre liegt bei 8,83. Ein niedrigerer Multiplikator bedeutet, dass Anleger für einen vergleichbaren Cashflow weniger bezahlen als zuvor.
Daraus lässt sich allerdings nicht unmittelbar ableiten, dass eine Aktie unterbewertet ist. In die Börsenkurse fließen auch Erwartungen darüber ein, wie sich die Mittelzuflüsse künftig entwickeln werden. Anleger berücksichtigen dabei beispielsweise mögliche Veränderungen der Goldpreise und der Förderkosten sowie die damit verbundenen Risiken. Die genaue Zusammensetzung von Haywoods Vergleichsgruppe ist nicht bekannt.
Das Wertpapierhaus betrachtet die jüngsten Kursverluste der Edelmetallaktien als Konsolidierung innerhalb eines weiterhin intakten Aufwärtstrends und verweist insbesondere auf die unverändert starken Cashflows der großen Produzenten. Die Börsenbewertungen haben sich nach Einschätzung der Analysten damit stärker abgeschwächt, als es die aktuelle finanzielle Lage der Unternehmen vermuten lässt.
Hohe Goldpreise treffen auf steigende Förderkosten
Wie viel von den Erlösen tatsächlich bei den Produzenten verbleibt, hängt wesentlich von den Förderkosten ab. Nach Angaben des World Gold Council stiegen die weltweiten Gesamtkosten der Goldförderung einschließlich notwendiger Erhaltungsinvestitionen im ersten Quartal 2026 um 16 % gegenüber dem Vorjahr. Mit durchschnittlich 1.785 USD je Feinunze erreichten sie einen neuen Höchststand.
Zu den wesentlichen Ursachen des Anstiegs gehörten höhere Abgaben auf die Goldproduktion, die zusammen mit den Goldpreisen stiegen. Ihr Anteil am Gesamtaufwand verdoppelte sich zwischen Anfang 2021 und Anfang 2026 von rund sechs auf zwölf Prozent. Weil die Metallpreise noch stärker zulegten, konnten die Produzenten dennoch hohe Mittelzuflüsse erzielen.
Der Konflikt im Nahen Osten verteuerte zudem Energie, Transporte und wichtige Verbrauchsmaterialien. Größere Produzenten konnten kurzfristige Preissprünge teilweise durch Lieferverträge, Treibstoffvorräte und Preisabsicherungen abfedern. Bleiben diese Belastungen längerfristig bestehen, beeinflusst das allerdings die Gewinnspannen und damit auch die Bewertung der Unternehmen.
Der Bewertungsabschlag könnte deshalb auch die Sorge widerspiegeln, dass anhaltend hohe Förderkosten und schwankende Metallpreise die künftigen Gewinne schmälern. Haywood verweist demgegenüber auf die gegenwärtige Finanzkraft der Produzenten und die längerfristig günstigen Aussichten für Edelmetalle.
Kapitalstarke Goldproduzenten könnten Übernahmen vorantreiben
Die Kursverluste fallen in eine Phase, in der Haywood den großen Goldproduzenten solide Bilanzen attestiert. Das schafft finanzielle Spielräume für Fusionen und Übernahmen, denn mit der laufenden Förderung schrumpfen die mineralischen Reserven bestehender Minen. Um ihre Produktion langfristig zu sichern, müssen die Unternehmen neue Lagerstätten erschließen oder zukaufen.
Die weltweite Goldförderung nahm im zweiten Quartal 2026 gegenüber dem Vorjahr lediglich um zwei Prozent zu. Neue Projekte müssen zunächst erschlossen, genehmigt und finanziert werden – der Erwerb eines bereits fortgeschrittenen Vorhabens kann deshalb eine Möglichkeit sein, künftige Fördermengen abzusichern.
Besonders in Kanada erwartet Haywood einen intensiveren Wettbewerb um geeignete Projekte. Durch die Konsolidierung des dortigen Bergbausektors ist das Angebot verfügbarer Entwicklungsvorhaben bereits geschrumpft. Wenn sich mehr Produzenten um weniger Projekte bemühen, kann das die Verhandlungsposition der Eigentümer stärken. Konkrete neue Übernahmen nennt die Analyse allerdings nicht.
Hohe Mittelzuflüsse verwenden die Produzenten auch für andere Zwecke. Nach Beobachtung des World Gold Council fließt ein Teil des verfügbaren Kapitals in Dividenden und Aktienrückkäufe. Zusätzliche Investitionen in Minenprojekte sind daher nur eine von mehreren Möglichkeiten, das erwirtschaftete Geld einzusetzen.
Goldpreis schwankt trotz kräftiger Quartalsbilanz
Die jüngsten Kursverluste bei Edelmetallaktien gingen mit erheblichen Schwankungen an den Rohstoffmärkten einher. Im dritten Quartal gewann Gold laut Haywood insgesamt 3,7 %. Der VanEck Gold Miners ETF, ein börsengehandelter Fonds für Goldminenaktien, erzielte im selben Zeitraum eine Rendite von 16 %.
Innerhalb des Quartals verlief die Preisentwicklung allerdings sehr unterschiedlich. Im August verteuerte sich Gold um 9,7 %, im September gab der Preis um 6,3 % nach. Die Schwäche hielt zu Beginn des vierten Quartals an. Am Morgen des 27. Oktober stieg der Spotpreis auf rund 4.022 USD je Feinunze.
Die durchschnittlichen Quartalspreise waren bereits rückläufig. Gold kostete im dritten Quartal im Mittel 4.263 USD je Feinunze, nach 4.508 USD im zweiten Quartal. Bei Silber sank der Durchschnittspreis von 74,87 auf 62,71 USD. Die Veränderungen dieser Durchschnittswerte sind von den Preisbewegungen innerhalb einzelner Monate zu unterscheiden.
US-Zinspolitik erhöht Unsicherheit am Goldmarkt
Neben den Metallpreisen beeinflussen auch die Erwartungen an die US-Geldpolitik das Marktgeschehen. Am 28. Oktober steht eine Zinsentscheidung der Federal Reserve an. Allgemein wird damit gerechnet, dass die Notenbank den Leitzins zunächst unverändert lässt. Wegen der anhaltend hohen Inflation erwarten Ökonomen für Dezember allerdings eine Zinserhöhung. Haywood geht kurzfristig von weiteren Schwankungen am Edelmetallmarkt aus, zumal hohe Ölpreise zusätzliche Inflationsrisiken bergen.
Gold wirft selbst keine laufenden Zinserträge ab. Höhere Zinsen können deshalb die Attraktivität des Edelmetalls gegenüber verzinslichen Anlagen schmälern. Im zweiten Quartal 2026 verzeichneten goldgedeckte börsengehandelte Fonds laut World Gold Council weltweit Nettoabflüsse von 45 Tonnen.
Zentralbankkäufe stützen langfristige Goldnachfrage
Langfristig betrachtet Haywood die Goldkäufe der Zentralbanken, die Bestrebungen zur Verringerung der Dollarabhängigkeit und die hohe globale Verschuldung als unterstützende Faktoren. Nach Berechnungen des World Gold Council kauften die Zentralbanken im zweiten Quartal 2026 netto rund 289 Tonnen Gold. Das waren 62 % mehr als im Vorjahresquartal.
Auf Halbjahressicht fiel die Nachfrage der Zentralbanken allerdings schwächer aus als in den Vergleichsperioden der vergangenen Jahre. Mit 345 Tonnen wurde der niedrigste Halbjahreswert seit 2022 registriert. Im zweiten Quartal stockten insbesondere Polen und China ihre Goldreserven auf. Die polnische Zentralbank erwarb 51 Tonnen, die chinesische weitere 33 Tonnen.
Haywood hält an langfristigen Goldpreisannahmen fest
Trotz der Schwankungen änderte Haywood seine Rohstoffpreisannahmen nicht. Für das vierte Quartal 2026 und das Gesamtjahr 2027 rechnet das Wertpapierhaus jeweils mit 4.000 USD je Feinunze Gold. Für 2028 setzt das Modell 4.250 USD an, ab 2029 dann 4.500 USD. Beim Silberpreis kalkuliert Haywood für das Schlussquartal 2026 und für 2027 jeweils mit 55 USD je Feinunze. Für 2028 steigt die Annahme auf 60 USD, ab 2029 auf 65 USD.
Wie sich die Gewinne der großen Goldproduzenten künftig entwickeln, hängt wesentlich von den Metallpreisen und den Förderkosten ab. Der von Haywood festgestellte Bewertungsabschlag kann daher sowohl Chancen als auch Risiken widerspiegeln. Zugleich eröffnen die derzeit hohen Mittelzuflüsse finanziellen Spielraum für mögliche Übernahmen, während geeignete Entwicklungsprojekte in Kanada knapper geworden sind.

