Kanadas Rohstoffe rücken ins Zentrum der Europa-Strategie
Kanada will kritische Rohstoffe zum Fundament einer engeren Partnerschaft mit Europa machen. Premierminister Mark Carney schlug am Donnerstag im Europäischen Parlament eine weitreichende wirtschaftliche und strategische Allianz vor. Bereits am Vortag hatte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen eine neue "Alliance for the Future" angeregt. US-Präsident Donald Trump reagierte noch am Mittwoch mit der Drohung hoher Zölle gegen Europa.
Interessant für die Rohstoffwirtschaft ist die Chronologie der Ereignisse. Nur wenige Tage vor dem Besuch in Straßburg warb Carney in Toronto um Kapital für Minen, Energie und Infrastruktur. Für Kanada greifen innenpolitische Projektbeschleunigung und außenpolitische Diversifizierung damit sichtbar ineinander.
Kanada mobilisiert Kapital für Minen und Infrastruktur
Anfang der Woche versammelte Ottawa Investoren aus fast 30 Ländern beim ersten Canada Investment Summit. Nach Regierungsangaben verwalten die Teilnehmer zusammen mehr als 100 Bio. CAD. Vereinbarungen und Finanzierungszusagen des Gipfels summierten sich demnach auf knapp 500 Mrd. CAD.
Kanadische Banken sagten zusammen rund 325 Mrd. CAD an neuen Finanzierungen für Unternehmen und Infrastruktur zu. Zu den ausdrücklich genannten Bereichen zählen unter anderem Energie, kritische Mineralien, Bergbau, Verteidigung und künstliche Intelligenz.
Zugleich erweitert die kanadische Regierung die steuerliche Förderung neuer Investitionen. Die neue "Productivity Mega Deduction" ist ein von der Regierung vorgeschlagener Steueranreiz, der die sofortige steuerliche Abschreibung auf rund zwei Drittel der Anlageinvestitionen ausweiten soll, darunter auch Bergbaueigentum. Parallel liegen bereits 27 große Vorhaben beim Major Projects Office, Kanadas zentraler Stelle zur Beschleunigung bedeutender Projekte. Dazu gehören Häfen, Minen und Energiekorridore mit rund 500 Mrd. CAD möglichem privaten Investitionsvolumen.
Ein konkretes Beispiel liefert der kanadische Bergbauentwickler Generation Mining CA37149B1094 A2LQ0W. Der staatlich gestützte Canada Growth Fund will rund 140 Mio. CAD in das vollständig genehmigte Kupfer-Palladium-Projekt Marathon im Nordwesten Ontarios investieren. Für dessen Bau ist nach Unternehmensangaben die Finanzierung inzwischen gesichert. Erste Bauarbeiten sollen im vierten Quartal 2026 beginnen.
Carney verbindet solche Projekte ausdrücklich mit einer breiteren Handelspolitik. Kanada habe binnen eines Jahres mehr als 50 Abkommen zu kritischen Mineralien mit über 15 Ländern geschlossen. Nach Angaben des Premierministers hätten diese Vereinbarungen rund 20 Mrd. CAD an Investitionen erschlossen. Ziel sei eine größere strategische Eigenständigkeit durch stärkere Fähigkeiten im Inland und breitere Partnerschaften im Ausland.
Europa wird zum Partner für kritische Rohstoffe
In Straßburg legte Carney nun die außenpolitische Ergänzung zu dieser Investitionsoffensive vor. Europa bringe Marktmacht, Forschung und industrielle Fertigung ein. Kanada wiederum verfüge über Energie in großem Maßstab und eine der weltweit größten geologischen Ausstattungen mit kritischen Mineralien.
Die geplante Zusammenarbeit reicht deutlich über den Bergbau hinaus. Carney zählte kritische Mineralien, Verteidigungsindustrie, künstliche Intelligenz und Rechenkapazitäten, Energiesicherheit, Raumfahrt und Zahlungsverkehr zu den strategischen Fähigkeiten, bei denen Kanada und Europa enger kooperieren sollten. Als Ziel formulierte er gemeinsame strategische Widerstandsfähigkeit statt wirtschaftlicher Abschottung.
Kanadas möglicher EU-Status ist noch nicht definiert
Von der Leyens Vorstoß soll die bestehende Partnerschaft über das Freihandelsabkommen CETA hinaus erweitern. Sie nannte Energie, kritische Mineralien und Batterien sowie Verteidigung und Technologie als Felder einer künftigen "Alliance for the Future". Zudem schlug sie vor, Kanada zum ersten "assoziierten Mitglied" der EU zu machen. Dieser Begriff bezeichnet allerdings bislang keinen in den EU-Verträgen definierten Mitgliedschaftsstatus. Das EU-Recht ermöglicht zwar Assoziierungsabkommen mit Drittstaaten, sieht aber keine institutionalisierte "assoziierte Mitgliedschaft" vor. Welche Rechte und Pflichten ein solches Modell hätte, müsste im Fall weiterer Verhandlungen erst festgelegt werden.
Ein wirtschaftliches Fundament dafür existiert bereits. Von der Leyen zufolge ist der bilaterale Warenhandel zwischen der EU und Kanada unter CETA innerhalb von weniger als zehn Jahren um 75 % gewachsen.
Nach Angaben Ottawas war die EU 2025 Kanadas zweitgrößter Handelspartner für Waren und Dienstleistungen. Der Austausch von Waren und Dienstleistungen erreichte demnach rund 178 Mrd. CAD. Seit Februar 2026 ist Kanada zudem erstes nichteuropäisches Mitglied von SAFE, einer EU-Initiative für gemeinsame Verteidigungsbeschaffung.
Bestehende Projekte machen Rohstoffachse greifbar
Im Uransektor besteht die kanadisch-europäische Verflechtung bereits auf großer industrieller Ebene. Der kanadische Uranproduzent Cameco CA13321L1085 882017 hält knapp 57,4 Prozent an der Cigar-Lake-Mine in Saskatchewan. Der französische Nuklearkonzern Orano besitzt seit Juli rund 42,5 %. Das Erz aus Cigar Lake wird in der rund 70 Kilometer entfernten McClean-Lake-Anlage von Orano verarbeitet. So verbindet die Wertschöpfungskette kanadischen Uranbergbau mit französischem Industriekapital und Verarbeitungskompetenz.
Der kanadische Lithiumentwickler Rock Tech Lithium CA77273P2017 A1XF0V hat Projekte in Kanada und Deutschland im Portfolio und entwickelt mehrere Bausteine regionaler Lieferketten.
In Ontario liegen die Lithiumlagerstätte Georgia Lake und das geplante Red-Rock-Verarbeitungsprojekt. Dessen technische Auslegung basiert auf dem bereits entwickelten Konverterprojekt in Guben in Brandenburg, das die EU als strategisches Projekt unter dem Critical Raw Materials Act anerkennt. Dieses EU-Gesetz soll Europas Versorgung mit kritischen Rohstoffen widerstandsfähiger machen. Rock Tech meldete diese Woche zudem 3,25 Mio. CAD von einem neuen strategischen Investor für das Guben-Projekt.
Eine direkte Lieferung von Georgia Lake nach Guben hat Rock Tech allerdings bislang nicht angekündigt. Das kanadische Projekt soll nach aktueller Unternehmensplanung vielmehr die nordamerikanische Lieferkette versorgen. Perspektivisch könnte aus dem Technologie- und Wissenstransfer von Guben nach Red Rock dennoch eine engere industrielle Verzahnung zwischen Kanada und Deutschland entstehen.
Washington reagiert auf Annäherung mit Zolldrohungen
Die engere Annäherung Kanadas an die EU fällt in eine Phase erheblicher Handelsspannungen zwischen Kanada und den USA. US-Präsident Trump reagierte am Mittwoch auf von der Leyens Vorschlag eines neuen Status für Kanada als "assoziiertes Mitglied". Er stellte hohe Zölle gegen Europa in Aussicht, falls er den Schritt als feindseligen Akt gegen die USA bewerten sollte. Trump wies den Vorstoß zugleich als wenig überzeugend zurück. Die Reaktion erfolgte noch vor Carneys Rede im Europäischen Parlament am folgenden Tag.
Unabhängig von dieser EU-Debatte verschärfte Washington am selben Tag den Beschaffungsstreit mit Ottawa. Ein Präsidialmemorandum weist US-Behörden an, Möglichkeiten zum Ausschluss kanadischer Waren aus der zivilen Bundesbeschaffung zu prüfen. Das Weiße Haus begründet den Schritt mit Kanadas "Buy Canadian"-Politik und eingeschränktem Marktzugang für amerikanische Anbieter.
Beschaffung und Zölle belasten Verhältnis zu den USA
Die seit Dezember 2025 geltende kanadische Beschaffungspolitik bevorzugt bei strategischen Bundesaufträgen heimische Anbieter und kanadische Wertschöpfung. Seit Juni 2026 greifen diese Präferenzen bei entsprechenden Beschaffungen bereits ab einem Auftragswert von 5 Mio. CAD. Für große Bau- und Verteidigungsprojekte gelten daneben Vorgaben zur Verwendung von in Kanada produziertem Stahl, Aluminium und Holzprodukten.
Bereits Anfang September hatte Washington zusätzliche Handelsmaßnahmen gegen verschiedene kanadische Produkte beschlossen. Dazu zählen ausgeweitete Zölle und für einzelne Waren geplante Importverbote. Der Konflikt erhöht für Ottawa den wirtschaftlichen Anreiz, Absatzmärkte und Partnerschaften breiter aufzustellen.
Einen vollständigen Bruch mit den USA beschreibt Carney dennoch ausdrücklich nicht als Ziel. In Toronto bezeichnete er die Vereinigten Staaten weiterhin als wichtigsten Partner Kanadas in vielen zentralen Bereichen. Seine Strategie zielt auf mehr Wahlmöglichkeiten und Widerstandsfähigkeit, nicht auf wirtschaftliche Autarkie.
Rohstoffe verbinden Investitions- und Außenpolitik
Für die Bergbauindustrie entsteht daraus ein ungewöhnliches Zusammenspiel. Kanada beschleunigt Genehmigungen, mobilisiert öffentliches und privates Kapital und sucht zugleich engere industrielle Partner in Europa. Kritische Rohstoffe werden so zu einem Bindeglied zwischen Investitionspolitik, Handel und Sicherheit. Marathon, Cigar Lake und Rock Tech zeigen bereits, wie unterschiedlich solche Verbindungen aussehen können.

