Chinas Immobilienkrise bremst die Hüttenindustrie bei robustem Erzbedarf
Der chinesische Stahl- und Rohstoffmarkt offenbart derzeit eine tiefe Spaltung. Wie Reuters meldet, sank die Rohstahlproduktion im April auf 86,63 Millionen Tonnen, ein Rückgang um 2,8 % auf den tiefsten April-Wert seit 2018. Von Januar bis April produzierte das Land 331,12 Millionen Tonnen Rohstahl, ein Minus von 4,1 %. Gleichzeitig stiegen die Eisenerzimporte in den ersten vier Monaten um 8 % auf 418,6 Millionen Tonnen gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Diese Divergenz deutet auf einen tiefgreifenden strukturellen Wandel hin.
Diese Entwicklung bricht mit den klassischen Marktmechanismen, wonach eine rückläufige Rohstahlerzeugung im weltweit größten Herstellungsland folgerichtig den Bedarf an Eisenerz schmälert. Im April erreichten die Eisenerzimporte dennoch 103,9 Millionen Tonnen und verharren trotz des Produktionsrückgangs fast auf dem Niveau des Vormonats. Das britische Rohstoff-Analysehaus DBX Commodities prognostiziert auch für den Folgemonat unverändert hohe Seelieferungen.
Immobilienkrise bremst inländischen Stahlbedarf
Die Ursachen für die rückläufige Stahlerzeugung liegen in der anhaltenden Flaute des chinesischen Immobiliensektors sowie in nachgebenden Exporten. Im April gingen die Stahlausfuhren um 9 % auf 9,5 Millionen Tonnen zurück, womit sich für die ersten vier Monate ein Minus von 9,7 % auf 34,2 Millionen Tonnen ergibt.
Daten der chinesischen Statistikbehörde untermauern den Abschwung in der Bauwirtschaft. Von Januar bis April sanken die Immobilieninvestitionen in China auf 2.396,9 Milliarden Renminbi (rund 303 Milliarden Euro) um 13,7 %. Die neu begonnenen Bauflächen brachen gar um 22,0 % ein. Auch die im Bau befindlichen Flächen gingen um 12,1 % zurück, während der Verkauf von Gewerbeimmobilien um 10,2 % nachgab. Diese Kontraktion trifft die Hüttenindustrie hart, da der Hochbau traditionell den Absatz von Bewehrungsstahl zur Betonverstärkung treibt.
Die Schwäche erfasst die gesamte Wertschöpfungskette: Im April sank die Produktion von Walzstahl um 1,7 % auf 122,63 Millionen Tonnen, während der Zementausstoß um 10,8 % auf 145,71 Millionen Tonnen einbrach. Damit verzeichnet die Baustoffbranche synchrone Einbußen bei sämtlichen wichtigen Vorprodukten.
Rückläufige Roheisenproduktion verschärft das Importrätsel
Als präziserer Indikator für den tatsächlichen Erzbedarf gilt Roheisen, das die Hütten im Hochofenprozess zuerst gewinnen. Dessen Produktion lag im April mit 70,69 Millionen Tonnen um 3,6 % unter dem Vorjahreswert. Von Januar bis April wurden 282,28 Millionen Tonnen erzeugt, ein Minus von 3,1 %. Obwohl diese direkte Schnittstelle der Primärmetallurgie schwächelt, verharren die Importzahlen auf robustem Niveau.
Dieser Widerspruch verleiht den Branchenanalysen zusätzliches Gewicht. Wenn sowohl Rohstahl als auch Roheisen sinken, die Erzimporte aber hoch bleiben, lassen sich rein saisonale Effekte ausschließen. Vielmehr deutet alles auf eine grundlegende Transformation der chinesischen Beschaffungslogik hin.
Ein wesentlicher Grund für das anhaltend hohe Importvolumen findet sich in den Häfen. Der chinesische Marktdienstleister SteelHome bezifferte die Hafenbestände per Ende Mai auf 160,35 Millionen Tonnen, knapp unter dem März-Rekordhoch. Seit dem Tief Ende Juli 2025 sind die Vorräte um 22 % gestiegen. Diese Bevorratung übertrifft das saisonal übliche Maß angesichts der rückläufigen Stahlerzeugung deutlich.
Gleichzeitig sorgt ein liquides Angebot auf den Seewegen für eine reibungslose Versorgung. So erreichten die weltweiten Eisenerzverschiffungen aus Australien und Brasilien Ende Mai ein Zweijahreshoch von 30,6 Millionen Tonnen. Die hohen Importe treffen somit auf ein hochelastisches Weltmarktangebot. Der Lageraufbau wirkt dadurch wie eine bewusste Absicherung statt einer Notreaktion auf Knappheit.
Die fundamentale Ursache für die Importstärke liegt jedoch in der heimischen Minenförderung. Nach Mysteel lag sie in den ersten vier Monaten bei 326,8 Millionen Tonnen, knapp 1 % unter dem Vorjahr. Bereits 2025 war die Förderung auf 983 Millionen Tonnen gefallen, nach 1,04 Milliarden Tonnen im Jahr 2024.
Mangelnder Metallgehalt verteuert Förderung
Neben dem reinen Fördervolumen belastet vor allem der abnehmende Metallgehalt die Produktion. Chinesisches Eisenerz enthält häufig nur rund 20 % bis 30 % Eisen, importiertes Material dagegen meist 60 % bis 65 %. Das heimische Erz muss stärker aufbereitet werden, was Energie kostet und die Wirtschaftlichkeit belastet. Wenn zugleich die Erzgrade sinken, kann schon ein kleiner Rückgang der Fördermenge die tatsächlich verfügbare Eisenmenge deutlich stärker schmälern.
An dieser Stelle manifestiert sich die strukturelle Transformation des Sektors. Zwar laufen Chinas Baustellen langsamer und die Stahl- sowie Roheisenerzeugung sinkt, dennoch bleibt importiertes Erz gefragt. Die Hütten bauen gezielt Lager auf, während heimisches Material an Bedeutung verliert. Ohne eine Erholung der Immobilienwirtschaft oder eine Qualitätssteigerung der Inlandsförderung wird dieser Gegensatz das neue Marktgefüge dauerhaft prägen.

