Verkäufer in Asien drücken Goldpreis – Umfeld bleibt positiv
Der Goldpreis hat deutlich korrigiert. Vom Höchstpreis bei 5.500 USD ging es zeitweise bis auf 4.400 USD abwärts – ein Minus von 20 %. Der Goldpreis verhält sich aus Sicht vieler Anleger untypisch. Das Edelmetall sollte als sicherer Hafen in Zeiten geopolitischer Eskalation eigentlich Stabilität bieten.
John Reade, Chefmarktstratege des World Gold Council (WGC), erläutert, dass diese Annahme zwar weit verbreitet, aber nicht zutreffend sei. "Auch in der frühen Phase der Finanzkrise und der Coronakrise sahen wir zunächst, dass Gold liquidiert wurde", sagte er in dieser Woche in einem Handelsblatt-Interview.
Asiatische Investoren verkauften Gold
Der Mechanismus dahinter ist simpel: Fallen die Kurse von Aktien und Anleihen, benötigen insbesondere gehebelte Marktteilnehmer rasch Liquidität. Diese wird durch den Verkauf von Gold bereitgestellt. Reade zufolge haben zuletzt vor allem Investoren aus Asien das Risiko ihrer Portfolios durch diese Liquidationen reduziert.
Dies kann kaum überraschen. Die Aktienmärkte in Japan und Korea haben im Zuge des Iran-Kriegs besonders stark an Wert eingebüßt. "Die asiatischen Märkte sind noch einmal stärker von der Energiekrise betroffen, daher reduzieren asiatische Investoren derzeit ihr Engagement und verkaufen, was sie können. Sie reduzieren ihr Risiko. Ich denke, das ist gegenwärtig der größte Einfluss auf den Goldpreis, stärker als veränderte Zinserwartungen."
Reade glaubt jedoch nicht, dass sich an den Argumenten für eine Investition in Gold mittel- und langfristig etwas geändert hat. Mittelfristig, so sagt er, drohe ein stagflatives Umfeld, wovon das Edelmetall profitieren dürfte. "In einem solchen Umfeld hat Gold historisch gesehen sehr gut abgeschnitten, etwa während der 70er-Jahre."
Krieg verdrängt kurzfristig Sorgen um Dollar und Fed
Dass die Korrektur des Goldpreises kurz nach Ausbruch des Krieges diesmal sehr stark ausfiel, führt der WGC-Experte auf den vorangegangenen starken Kursanstieg zurück. Kurzfristig seien die Gründe, aus denen Investoren 2025 Gold gekauft hatten, weniger wichtig geworden. Reade nennt die Sorgen um eine Abwertung des US-Dollars und die Unabhängigkeit der US-Notenbank. Er fügt jedoch an: "Die Probleme von 2025 sind nicht verschwunden. Sie wurden nur vorerst beiseitegeschoben, da sich die Menschen auf die unmittelbaren Auswirkungen der Feindseligkeiten im Nahen Osten konzentrieren."
Reade glaubt, dass das Vertrauen nichtwestlicher Staaten in die USA und den US-Dollar weiterhin sinkt und in Absetzbewegungen mündet. "Es gibt eine Menge Entwicklungen, die von Ländern und Ländergruppen unternommen werden, die Zahlungssysteme einführen wollen, die nicht vom US-Dollar abhängig sind." Er glaubt allerdings nicht, dass Gold im Zentrum eines dieser neuen Zahlungssysteme steht, es also eine goldgedeckte Währung geben wird. Dass der Dollar an Dominanz verliere, sei jedoch eine wichtige langfristige Entwicklung und ein Trend für die kommenden 10 bis 20 Jahre.
Einzelne Notenbanken könnten Gold verkaufen
Reade zufolge könnte es zu Goldverkäufen durch einige Zentralbanken kommen. In der Summe gehörten Zentralbanken zu den wichtigsten Goldkäufern der letzten Jahre. Einige Notenbanken denken jedoch angesichts der hohen Preise sowie gesunkener Hilfsgelder für Schwellenländer über Verkäufe nach. Konkrete Ankündigungen gab es in den letzten Monaten etwa aus Ghana und Tansania.
"Einige dieser Schwellenländer, die Gold in ihren Reserven haben, überlegen, die Lücke in ihren Budgets mit Goldverkäufen zu füllen. Es würde mich nicht überraschen, wenn andere Zentralbanken ähnlich denken, aber ich habe noch keine konkreten Aussagen vernommen."

