Kupfer 2023: Kommt vor dem Boom ein letztes Krisenjahr?

Wohin entwickelt sich der Kupferpreis in diesem Jahr? Der Markt befindet sich im temporären Spannungsverhältnis zwischen einem sicheren langfristigen Nachfrageüberhang und einem möglichen kurzfristigen Überangebot.

Sowohl private als auch institutionelle Anleger rechnen mit steigenden Kupferpreisen. Darauf deutet jedenfalls eine MLIV-Pulse-Umfrage hin, über deren Ergebnisse die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet.

Die Umfrageteilnehmer wurden gefragt, welcher von vier Rohstoffen (Kupfer, Öl, Gold und Mais) 2023 am besten abschneiden wird. 36 % der internationalen Anleger tippten auf Kupfer – und sogar  45 % der Privatanleger vertraten diese Auffassung. Damit ist die Erwartung an das Metall deutlich höher als an Gold und Öl und sehr viel höher als an Mais.

Kupfer charttechnisch im Aufwind

Ein Blick auf den Chart scheint den Anlegern Recht zu geben. Nach einem deutlichen Kursrückgang im Frühjahr und Sommer – der Kurs fiel von knapp 10.500 EUR auf 7.000 USD pro Tonne – bewegte sich Kupfer bis in den Herbst in einer Seitwärtsbewegung, die schließlich in einen Aufwärtstrend mündete.

Dieser Aufwärtstrend hat sich seit dem Jahresbeginn deutlich beschleunigt. Aktuell werden für 1 t am Markt 9340 USD gezahlt – ein Plus von ca. 12,5 % allein in diesem Kalenderjahr.

Die "Story" hinter dem jüngsten Aufwärtstrend ist leicht erklärt. Kupfer ist ein stark zyklischer Rohstoff. In China beginnt die wirtschaftliche Wiedereröffnung. Marktteilnehmer rechnen mit einer deutlich anziehenden Nachfrage aus dem Reich der Mitte.

Gleichzeitig scheint das Angebot knapp. Bloomberg etwa zitiert den Top-Rohstoffstrategen von Goldman Sachs, Jeff Currie. Der erwartet, dass Kupfer in den kommenden Jahren der "angespannteste Rohstoffmarkt sein könnte, den er je gesehen habe".

Currie ist keinesfalls der einzige Marktteilnehmer der Kupfer auf ein Angebotsdefizit zusteuern sieht. Im Dezember hatte Glencore (WKN: A1JAGV, ISIN: JE00B4T3BW64) CEO Gary Nagle bereits genau davor gewarnt. Im Jahr 2030 drohe die Nachfrage nach Kupfer das verfügbare Angebot um 50 Millionen t zu übersteigen. Zuletzt lag die weltweite Produktion bei knapp 25 Millionen t pro Jahr.

Es gibt noch einen weiteren wichtigen Faktor: Europa importiert weniger Kupfer aus Russland. Gleichzeitig bewegen sich die Lagerbestände der London Metal Exchange (LME) so niedrig wie seit 25 Jahren nicht. Dem Branchendienst Fastmarkets zufolge sind erhebliche Mengen des Kupfers in europäischen Lagern russischen Ursprungs.

Kurzfristiges Überangebot möglich

Auf den ersten Blick scheint ein bullishes Engagement im Kupfermarkt deshalb ausgesprochen plausibel. Eine günstige Chartsituation, die wieder anziehende chinesische Konjunktur und dazu ein langfristig knappes Angebot: Was könnten stärkere Argumente für deutliche Preissteigerungen sein?

Ganz einfach ist es jedoch nicht. Fastmarkets weist darauf hin, dass im Hinblick auf alle Basismetalle und damit auch Kupfer Unklarheit über die Nachfrage im laufenden Jahr bestehe. Dies liegt nicht zuletzt an der unsicheren konjunkturellen Entwicklung in Nordamerika und Europa. Viele Branchen schwächeln – etwa die Automobilindustrie und der Bausektor.

Für eine knappe Versorgungssituation sprechen allerdings die Prämien, die am Markt für Kontrakte mit Lieferungen in einem Jahr gezahlt werden. Fastmarkets nennt hier 230 USD pro Tonne. Die Prämien der Hersteller Aurubis und Codelco lagen für 2023 mehr als 80 % über denen des Vorjahres.

Deshalb könnte sich der Markt ein Stück weit vom Terminhandel zum Kassahandel verschieben. Der Grund: Marktteilnehmer stellen Käufe aufgrund der hohen Kontraktprämien zurück und decken sich im späteren Jahresverlauf bedarfsabhängig am Spotmarkt ein.

Duncan Hobbs, Forschungsleiter des britischen Rohstoffhändlers Concord Resources rechnet für den Fall eines weniger starken konjunkturellen Abschwungs deshalb damit, dass den Kupferverbrauchern die Vorräte ausgehen könnten und die Käufe über den Spotmarkt im späteren Jahresverlauf zu nehmen können.