Seit nunmehr knapp 80 Jahren kennt man Indien als Goldkäufer. Mittlerweile vermutet man an die 20.000 Tonnen im Besitz der indischen Bevölkerung, davon überwiegend als Schmuck. Doch diese Tradition ist die indische Regierung dabei zu brechen. Und das aus ihrer Sicht mit gutem Grund. Sehen wir uns einmal die Beweggründe und Maßnahmen an, die die Regierung in den letzten Jahren bis heute gesetzt hat.

Aus Sicht der Regierung ist der private Goldbesitz fatal. Denn die Besitztümer sind dem Kapitalkreislauf und somit der Wirtschaft und den Banken entzogen. Denn was als Schmuck im Familienbesitz ist, verbleibt auch dort. Das Kapital für die Käufe wandert ins Ausland und für den Staat gibt es keine Gegenposten, da eben alles Im Privatbesitz verbleibt. Die australische Investmentbank Macquarie hat bereits im Jahr 2011 eine Schätzung herausgegeben, nach der in Indien vom gesamten Privatvermögen rd. 78% in Gold gehalten wird. Klar wollten sich die Menschen neben der Tradition auch gegen den Wertverfall der Rupie und den schlechten Wirtschaftsbedingungen schützen. Doch für den Staat und dessen Wirtschaftskreislauf ist dies absolut nachteilig. Um einen Begriff über die Größenordnungen zu bekommen sei folgender Vergleich angestellt: Der Juweliermarkt, alleine auf Gold bezogen, betrug im Jahr 2015 in Indien an die 25 Mrd. USD. Der gesamte weltweite Juweliermarkt für Silber hingegen nur rd. USD 3,5 Mrd. So nebenbei zeichnet der indische Juweliermarkt für 75% aller Goldimporte verantwortlich, denn Indien selbst produziert aus den eigenen Minen pro Jahr maximal an die 2 Tonnen.

Aber noch ein weiteres Argument diente der Regierung für schroffe Maßnahmen. Vieles bei Gold lief über den Schwarzmarkt. Die indische Regierung hob, eben um die Importe einzudämmen – und damit auch den Schwarzmarkt einzudämmen – Steuern auf die Importe ein. Waren es 2013 noch 6%, so sind es aktuell 10%. Das hatte zwar keine für die Regierung nachhaltig positive Auswirkung bezüglich des Schwarzmarktes, nur im Bereich Steuern, aber dafür umso mehr für die Juweliere und die Endverbraucherpreise.

Als weitere Maßnahme hat Indien nun auch noch, ebenfalls um dubiose Geschäfte zu vermeiden, die Einziehung der beiden größten Geldscheine über 500 Rupien und 1.000 Rupien in Gang gesetzt. Als offizielle Begründung lieferte man dies als Anreiz zum bargeldlosen Geschäftsverkehr. Was natürlich für teure Käufe von Gold nachteilig ist

Auch die vor einem Jahr inszenierte Sparform einer staatlichen Goldanleihe bei der Bank verpuffte in Wahrheit wirkungslos. Inhalt war, dass Gold bei der Bank hinterlegt würde, man dafür eine Anleihe samt Zinsen über die Laufzeit bekäme und am Ende der Laufzeit das Gold wieder zurück erhält. Hatte man auf diese Weise gehofft über die Sparform mehr Geldmengen in den Umlauf zu bekommen, so stellte sich dieser Versuch als Pleite dar. Denn insgesamt wurden in vergangenen 12 Monaten von den vermuteten 20.000 Tonnen im Privatbesitz lediglich 14 Tonnen in diese „Sparform“ eingebracht. Ein Bruchteil dessen, was man sich erhofft hatte.

Und doch hatten all diese staatlichen Maßnahmen etwas bewirkt. Die Goldkäufe gingen dramatisch zurück. Vom September 2015 bis September 2016, so das world gold council, erfolgte ein Einbruch von rd. 30% bei der Juweliernachfrage. Nicht dass dies nun das Ende der Tradition bedeuten würde, aber auf jeden Fall ein bedeutsamer Schritt in Richtung der Interessen des Staates, die Goldimporte einzudämmen.

Geht man rd. 100 Jahre zurück, so hatte man in Indien bereits einmal diese Situation, allerdings bei Silber. Im Jahr 1910 hat die Regierung die Importsteuern auf Silber von 6% auf 11% angehoben. Die Folge war in den Jahren danach ein Rückgang von 28% an Umsätzen in den Bazaren. Zwischen 1910 und 1930 reduzierten sich die jährlichen Importe an Silber von 98 Millionen Unzen auf 38 Millionen. Und heute stehen wir bei Gold vor einer ähnlichen Situation. Wie bereits oben beschrieben sank alleine im Jahr 2015 der Goldumsatz der Juweliere um rd. 30%. Seit 2012/2013, also zum Zeitpunkt der Einführung der 6% Steuer auf Gold, stieg der Import von Silber um sagenhafte 300%, wie es die nachfolgende Statistik grafisch zeigt. Bezogen auf die letzten 10 Jahre waren es sogar an die 600%.

Gold-Silberumsätze Indien

Quelle: gold-eagle.com

Diese Entwicklung besitzt meiner Meinung nach eine starke Aussagekraft. Schmuck und Edelmetalle haben Tradition, doch das Volk zeigt sich flexibel. Wenn das traditionelle Gold durch Steuersätze belastet ist, so greift man eben auf das unbelastete Silber.

Nun stellt sich daraus folgend natürlich die in der Überschrift angeführte Frage, ob jetzt Indien tatsächlich zum Silberland wird, und welche Bedeutung dies für den Silbermarkt haben könnte. Die Frage nach dem Trend zu Silber scheint einfach zu beantworten, denn er wird mit Sicherheit ein Spiegelbild dessen sein, was aus der Historie bereits bekannt ist. Doch welche Bedeutung dies für den Silbermarkt haben könnte ist vielleicht anhand eines kleinen Rechenbeispiels zu erklären. Wie wir oben erfahren konnten hat der jährliche Goldmarkt in Indien ein etwa USD 25 Mrd. großes Volumen bei den Juwelieren. Der weltweite Juweliermarkt bei Silber ist allerdings nur rd. USD 3,5 Mrd. „schwer“. Gehen in Indien nur knapp mehr als 10% Kaufwert von Gold in Richtung Silber, so würde sich der Juweliermarkt der Welt für Silber nahezu verdoppeln. Und das brächte eklatante Probleme mit sich, da die Weltproduktion der Minen diesen Zusatzbedarf nicht decken kann. Die Folge von steigenden Silberpreisen wäre eine unausweichliche Reaktion darauf. Noch ist es nicht soweit, aber die Tendenz ist bereits auszumachen. Und trifft sie wirklich in voller Macht auf den Markt, so wird aller Wahrscheinlichkeit nach der Silberpreis durch die Decke gehen. Und so ganz nebenbei wird sich Indien als neue Silbergroßmacht am Markt etablieren.