Die jüngsten Enthüllungen rund um mögliche Preismanipulationen am Goldmarkt haben gezeigt, wie enorm intransparent es an der Börse rund um das Edelmetall – und nicht nur dort – zugeht. Der Goldmarkt hat viele Geheimnisse, die gut gehütet werden. Eines der größten Geheimnisse aber findet sich nicht in London, New York oder Chicago. Das wohl größte Geheimnis des Goldmarktes liegt in China, genauer gesagt in den Tresoren der chinesischen Notenbank.

Seit dem Jahr 2009 haben Pekings Währungshüter über die Größe des Goldschatzes in ihren Tresoren den Mantel des Schweigens gehüllt. Während das eiserne Schweigen in diesem Jahr ein fünfjähriges Jubiläum feiert, spekuliert man sich an der Börse die Köpfe heiß, wie hoch die Bestände wohl sein mögen. Viele Zahlen werden genannt – und völlig unabhängig davon, wie hoch die Zahl tatsächlich ist: Sie wird weit über den etwas mehr als 1.000 Tonnen liegen, die 2009 noch gemeldet wurden.

Hat die chinesische Notenbank ihre Goldbestände seit 2009 vervierfacht?

Die Zahl wird aber vor allem eins sein: Ein chinesisches Statement gegen den Dollar – zumindest wird der Markt es so auffassen. Dollar und Gold sind seit jeher „Gegenspieler“. Dass die Asiaten ihre Goldbestände verheimlichen, ist daher zum Teil auch Selbstschutz, schließlich hält China selbst riesige Mengen an Devisenreserven in Dollar.

Doch aus der vermeintlichen Zwickmühle machen die Chinesen eine Tugend. Man kauft, ohne es groß an die Glocke zu hängen, riesige Goldbestände an. Edelmetallexperte Dan Popescu schätzt, dass in den Tresoren der Notenbank bereits rund 4.000 Tonnen Gold lagern. Das ist ein riesiger Sprung gegenüber 2009 – der Bestand hätte sich knapp vervierfacht. Noch deutlicher wird der Anstieg, wenn man den Wert der Goldreserven zum Bruttoinlandsprodukt ins Verhältnis setzt. Hier wäre China, wenn Popescus Schätzung der Reserven stimmt, fast auf dem Niveau der USA angekommen, nachdem man 2009 noch weit zurück hing.

Peking ermuntert geradezu zu Goldkäufen

Doch das ist bei Weitem nicht alles, was in China an Gold gehortet wird. Die Bevölkerung des Landes hat zu dem Edelmetall ohnehin ein völlig anderes Verhältnis als hierzulande. In China ist Gold wesentlich stärker als eine Währung in den Köpfen der Menschen verankert – nach den Erfahrungen von Hyperinflationen verständlich. In vielen anderen Teilen der Welt, vor allem aber in den USA mit ihrer Weltleitwährung Dollar, wird im Gold dagegen selten mehr als ein „normales“ Asset gesehen, ein Anlagevehikel wie es zum Beispiel auch Aktien, Anleihen usw. darstellen.

Vor dem Hintergrund dieses Unterschieds in der Sichtweise der Bedeutung des Goldes mag es vielen Europäern und Nordamerikanern zweifelhaft erscheinen, wenn nicht nur Chinesen, sondern auch Inder wie wild Gold kaufen. Die chinesische Regierung hatte es nach der Freigabe des Goldhandels für Privatpersonen im Jahr 2004 daher auch nicht gerade schwer, die eigene Bevölkerung zu Goldkäufen zu animieren. Seitdem kommt über Hongkong mehr und mehr Gold ins Land, längst ist China nicht nur Nummer eins in der Produktionsstatistik, sondern auch in der Importstatistik.

Chinesische Goldbestände steigen in Schwindel erregendem Tempo

Die logische Folge: Der Goldbestand im Land steigt in Schwindel erregender Geschwindigkeit. Summiert man Goldproduktion und Goldimporte des Landes, so könnten 2013 mehr als 8.500 Tonnen Gold in irgendwelchen Tresoren des Landes liegen – gehalten von offiziellen staatlichen Stellen und Privatleuten. Ende 2014 könnten es, das lässt sich absehen, über 10.000 Tonnen sein. Damit hätte das Land nicht nur die offiziellen Goldreserven der USA überholt, sondern auch fast die offiziellen Goldreserven der gesamten Eurozone erreicht. 2015 würde man diese überschreiten.

Mit diesen beiden Faktoren – zum einen dem enorm hohen und weiter stark wachsenden Goldbestand, zum anderen dem unklaren Notenbankbestand hierunter – hat China den Goldmarkt faktisch in der Hand. Das Land ist zwar nicht der einzige große Marktplayer, aber der mit den besten Karten. Man kann selbst bestimmen, wann man den Mantel des Schweigens um die Goldbestände der Notenbank lüftet. Viele Marktbeobachter rechnen damit, dass der Goldpreis massiv anziehen wird, wenn diese Meldung auf den Markt kommt.

Mit der stark wachsenden Mittelschicht des Landes, die mehr und mehr Geld in Gold investiert, hat man riesige zusätzliche Käuferpower im Rücken. Dazu fehlt es in China an Alternativen, in denen die wohlhabender werdenden Menschen ihr Geld anlegen können – Gold ist vor diesem Hintergrund für viele eine der wenigen attraktiven Möglichkeiten. Die seit dem Jahr 2004 sprunghaft gestiegenen privaten Goldbestände in China unterstreichen dies eindrucksvoll.

Gold ist für China die Versicherung gegen einen schwachen Dollar

Und so wird, während die US-Amerikaner in offiziellen Statements Gold noch als einfaches Anlagevehikel sehen, das Edelmetall zu einem Geopolitikum. Mit ihrer Marktmacht haben es die Chinesen in der Hand, auch die Bedeutung des Dollars maßgeblich zu beeinflussen. Die US-Amerikaner haben dagegen nur einen begrenzten Einfluss, den Goldpreis niedrig und damit die Bedeutung des Dollars hoch zu halten – insbesondere, weil man mit den riesigen Gelddruckprogrammen Namens „Quantitative Easing“ die Position des Dollars nach und nach aushöhlt.

Für alle Chinesen, private Personen wie offizielle Stellen des Staates, stellt das Gold daher auch eine enorm wichtige Versicherung gegen die systematische Aushöhlung des Dollars durch die Liquiditätsflut der Fed dar, die auch den Wert der riesigen Dollarreserven Chinas gefährdet.

Wenn Amerikas Ex-Notenbankchef Ben Bernanke das Gold offiziell also nur ein „Asset“ nennt, untertreibt er gewaltig – wahrscheinlich wider besseren Wissens.