Graphit-Lieferketten ohne China: Gewinnt Australien das Wettrennen mit Quebec?
Hier geht es um Mikrometer: International Graphite AU0000210957 A3DJY5 arbeitet am Bau der ersten Graphit-Mikronisierungsanlage in Down Under. Entstehen soll sie im westaustralischen Collie, gut 200 Kilometer südlich von Perth. Die Anlage soll grobes Graphit mechanisch auf Partikelgrößen im Mikrometerbereich (oft zwischen 1 und 45 Mikrometer und damit schmaler als ein menschliches Haar) zerkleinern.
International Graphite baut Graphit-Anlage in Collie
Dazu wird ein vorab aufbereitetes Konzentrat hochenergetischen Druckluftstrahlen ausgesetzt. Die Graphitpartikel prallen mit enormer Geschwindigkeit aufeinander und zerreiben sich selbst, wodurch Verunreinigungen durch metallischen Abrieb der Maschine minimiert werden. Die Anlage trennt Partikel exakt nach Größe. Zu große Partikel werden automatisch in die Mahlkammer zurückgeführt, bis das exakt gewünschte Spektrum erreicht ist.
CEO Andrew Worland sagt, die geplante Fertigstellung des Produktionsgebäudes im zweiten Quartal 2027 liege "voll im Zeitplan." Die erste von zwei geplanten Anlagen – die zweite soll künftig in Italien entstehen – werde das Unternehmen im asiatisch-pazifischen Markt etablieren, gibt sich Worland zuversichtlich. "Und das zu einer Zeit, in der souveräne Lieferketten für globale Kunden zu einer entscheidenden Priorität werden."
Der globale Markt für Graphit wird wie so viele andere Rohstoffmärkte weitreichend durch China dominiert. Daten des US Geological Survey zufolge erreichte die globale Minenproduktion von natürlichem Graphit 2025 rund 1,8 Mio. Tonnen. 1,4 Mio. Tonnen davon entfielen auf China, das mit 100 Mio. Tonnen zudem die größten Reserven aufweist. Auf dem zweiten Platz der jährlichen Minenproduktion liegt Madagaskar mit 80.000 Tonnen weit abgeschlagen. Down Under ist in der Produzentenliste des USGS nicht einmal vertreten.
China nutzt die Dominanz so, wie auch bei anderen Rohstoffen: Durch Exportrestriktionen werden die Lieferketten unter Druck gesetzt. Im November 2025 wurden Exportrestriktionen gegenüber den USA eingeführt und dann ausgesetzt – bis zunächst zum 10. November 2026.
Die Verteilung der Rohstoffe im Boden ist das kleinere Problem: Auch ohne die Vorkommen in China und Russland (14 Mio. Tonnen) würden die globalen Reserven rechnerisch für mehr als 100 Jahre ausreichen. Doch Peking kontrolliert auch die Raffination von Graphit (85 %+ Marktanteil) und die Herstellung von Batterie-Anodenmaterialien aus Graphit.
Peking kontrolliert den Graphit-Markt
Deshalb laufen auch in anderen Ländern Maßnahmen zum Aufbau vollständiger Graphit-Lieferketten, wie sie International Graphite derzeit in Australien anstrebt. Sehr weit ist die kanadische Provinz Quebec: Graphit könnte der erste Rohstoff sein, für den eine vollständige Lieferkette vom Abbau bis zum fertigen Batteriematerial errichtet wird.
Der wesentliche Akteur ist hier Nouveau Monde Graphite CA66979W8429 A3CMLY. Das Unternehmen rechnet damit, dass die Mine und Aufbereitungsanlage Matawinie 2028 die Produktion aufnehmen und die Verarbeitungsanlage Bécancour 2029 in Betrieb gehen wird. Bei Matawinie rund 120 Kilometer nördlich von Montreal sollen jährlich rund 106.000 Tonnen Graphitkonzentrat produziert werden, die Minenlebensdauer wird auf 25 Jahre taxiert. In Bécancour sollen irgendwann 44.000 Tonnen aktives Anodenmaterial jährlich hergestellt werden.
Es gibt weitere aussichtsreiche Projekte in Quebec, vor allem im Hinblick auf die Rohstoffgewinnung. Focus Graphite CA34416E8743 A3DM8G etwa arbeitet am Lac Knife-Projekt etwa 27 Kilometer südlich von Fermont. Eine Machbarkeitsstudie sieht die Produktion von knapp 48.000 Tonnen verkaufsfähigem Konzentrat pro Jahr – bestimmt hauptsächlich für die nordamerikanische und europäische Batterieanodenmaterialindustrie.
International Graphite konnte sich im Dezember Darlehen der National Australia Bank in Höhe von 1,5 Mio. AUD für die Baukosten sichern. Die Kreditlinien ergänzen andere Finanzierungsbausteine, darunter Fördermittel, Eigenkapitalzusagen und Mittel des Collie Investment and Transition Fund. Die Erwartungen an das Projekt sind groß. Jährlich sollen zwischen 4.300 und 6.400 t/Jahr an Standard- und hochreinen Endprodukten in Korngrößen zwischen 5 µm und 45 µm produziert werden. Ausgehend von aktuellen Spotmarkt-Verkaufspreisen rechnet das Unternehmen mit Umsätzen von bis zu 32 Mio. AUD und einem EBITDA von ca. 11-14 Mio. AUD. Der Weg zum Kunden wird durch eine Kooperation mit dem Metall- und Mineralienspezialisten Wogen Pacific Limited verkürzt.
Springdale-Graphitprojekt soll Lieferkette vervollständigen
Wogen wird auch Graphitkonzentrat beschaffen, das in der Anlage verarbeitet wird – zumindest vorübergehend. Langfristig will International Graphite die gesamte Wertschöpfungskette abdecken. Dazu dient das Springdale-Graphitprojekt. Das ebenfalls in Westaustralien gelegene Projekt beherbergt die zweitgrößte Graphitlagerstätte des Kontinents und soll irgendwann die benötigten Rohstoffe liefern.
Der Betrieb bei Collie soll Mitte 2027 anlaufen. Die Inbetriebnahme und der Hochlauf sehen zunächst eine Acht-Stunden-Schicht an fünf Tagen pro Woche für die ersten 12 Monate vor. Schrittweise ist dann ein 24/7-Betrieb geplant.
Die Versorgungsrisiken des Marktes sind angesichts der chinesischen Dominanz groß. Die Nachfrage nach Graphit wächst durch den Bedarf in Batterien. International Graphite befindet sich in Schlagdistanz zur Produktion. Werden auch die letzten Meter erfolgreich absolviert, sollte auch der Aktienkurs davon rasch profitieren. Die Aktie notiert seit Ende 2024 trotz der spannenden Erfolgsaussichten noch nahe ihrer Allzeittiefs seitwärts, und die Bewertung von knapp 11 Mio. AUD spiegelt bei Weitem noch nicht die Aussicht auf Erträge wider.