H.C. Starck will mit 50 Millionen Euro Wolframrisiken mindern
Der deutsche Wolframverarbeiter H.C. Starck will seinen Standort im niedersächsischen Goslar weitgehend unabhängig von neu gefördertem Rohstoff machen. Dafür investiert das Unternehmen rund 50 Mio. Euro in eine größere Recyclinganlage. Die Bauarbeiten sollen im November beginnen und bis Mitte 2028 abgeschlossen sein.
Chinas Exportpolitik verteuert die Beschaffung
Ein wesentlicher Grund für die Investition ist die angespannte Versorgungslage. Auf China entfallen laut dem Rohstoff-Preisdatendienst Fastmarkets etwa 80 % der weltweiten Wolframförderung. Bei der Raffination von Ammoniumparawolframat (APT), einem wichtigen Zwischenprodukt der Wolframverarbeitung, kontrolliert das Land sogar mehr als 85 % der Kapazitäten. Seit dem 4. Februar 2025 benötigen Ausführer in China für bestimmte Wolframprodukte eine behördliche Genehmigung. Die Regelung betrifft unter anderem APT, Wolframoxid und Wolframcarbid, sieht jedoch kein pauschales Exportverbot vor.
Seit Einführung der chinesischen Exportkontrollen haben sich die internationalen APT-Preise vervielfacht. Laut Fastmarkets lag die Preisspanne am 16. Oktober 2026 bei 2.500 bis 2.900 USD je zehn Kilogramm enthaltenem Wolframtrioxid. Der Mittelwert betrug damit 2.700 USD, verglichen mit 342,50 USD Ende Januar 2025.
Neben den Versorgungsrisiken erschweren nach Einschätzung von H.C.-Starck-Chef Hady Seyeda erhebliche Unterschiede zwischen chinesischen Inlandspreisen und internationalen Notierungen die Wettbewerbsbedingungen für europäische Wolframverarbeiter.
Goslar baut die Rückgewinnung von Wolfram aus
Mit der geplanten Erweiterung soll die jährliche Verarbeitungskapazität für Wolframschrott um rund 2.000 auf etwa 7.000 Tonnen steigen. Genehmigt wurde das Vorhaben am 30. Juli von der japanischen Muttergesellschaft Mitsubishi Materials JP3903000002 857634. Nach Darstellung von H.C. Starck entsteht durch den Ausbau Europas größte Anlage zur Rückgewinnung von Wolfram.
Die Erweiterung erfolgt auf einem bestehenden Industriegelände. Im Metallurgiepark Oker sollen Gebäude schrittweise ersetzt werden, während die Produktion weiterläuft. Die Modernisierung muss deshalb mit dem laufenden Betrieb abgestimmt werden.
Als Ausgangsmaterial verwendet das Unternehmen unter anderem gebrauchte Hartmetallbohrer, Schneidplatten und Schleifrückstände. Wolframhaltiger Schrott wird zugekauft, Material von Kunden zur Wiederaufbereitung übernommen und anfallender Produktionsschrott in den Kreislauf zurückgeführt. Daraus entstehen in Goslar unter anderem Wolframmetallpulver, Wolframcarbid sowie Chemikalien wie APT, Wolframoxid und Natriumwolframat. Mit der zusätzlichen Kapazität soll sich künftig nahezu der gesamte Wolframbedarf des Standorts durch Sekundärrohstoffe decken lassen. Nach Unternehmensangaben stammen bereits rund 70 bis 80 % der in Goslar eingesetzten Wolframrohstoffe aus Recyclingmaterial.
Der Ausbau gehört zu einer umfassenderen Strategie der japanischen Muttergesellschaft. Mitsubishi Materials will den Anteil recycelter Rohstoffe an seinen Wolframproduktionsstandorten außerhalb Chinas bis zum Geschäftsjahr mit Abschluss im März 2031 auf 100 Prozent erhöhen.
Recycling ermöglicht früher zusätzliche Kapazitäten
Weltweit ist die Wiederverwertung von Wolfram deutlich weniger verbreitet. Nach Einschätzung Seyedas stammt etwa ein Drittel des verarbeiteten Materials aus Recycling, während zwei Drittel durch die Primärförderung gedeckt werden. Für eine stärkere Nutzung vorhandener Sekundärrohstoffe besteht somit erhebliches Potenzial.
Der wichtigste Anwendungsbereich für Wolfram sind Hartmetalle, aus denen besonders verschleißfeste Werkzeuge hergestellt werden. Solche Werkzeuge kommen beispielsweise in der Metallbearbeitung, im Bergbau und in der Bauindustrie zum Einsatz. Nach ihrer Verwendung können wolframhaltige Reststoffe wieder als Recyclingrohstoff dienen.
Gegenüber der Erschließung neuer Lagerstätten bietet Recycling vor allem zeitliche Vorteile. Bis zusätzliche Bergwerke ihre Produktion aufnehmen, vergehen laut Fastmarkets häufig fünf bis zehn Jahre. Bestehende Recyclinganlagen lassen sich dagegen schneller erweitern und können auf Materialien zurückgreifen, die bereits als Altprodukte oder industrielle Reststoffe verfügbar sind. Für die kommenden Jahre erwartet Seyeda zudem einen steigenden Wolframbedarf. Als wesentliche Nachfragebereiche nennt er die Verteidigungsindustrie, Infrastrukturprojekte und die Elektronikbranche. Auch Anwendungen im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz dürften nach seiner Einschätzung zusätzliche Nachfrage erzeugen.
Langfristig bleibt die Primärförderung trotz des zeitlichen Vorsprungs beim Recycling ein wichtiger Bestandteil der Rohstoffversorgung. Seyeda verweist auf entsprechende Wolframprojekte in den USA, Brasilien, Australien, Spanien, England und Kanada.
Europas Rohstoffpolitik gerät unter Druck
Die Europäische Union hat bereits gemeinsame, rechtlich unverbindliche Zielmarken für strategische Rohstoffe beschlossen, zu denen auch Wolfram gehört. Bis 2030 sollen europäische Recyclingkapazitäten insgesamt mindestens 25 % des jährlichen Verbrauchs strategischer Rohstoffe abdecken können. Gleichzeitig soll bei jedem dieser Rohstoffe auf jeder relevanten Verarbeitungsstufe höchstens 65 % des EU-Verbrauchs aus einem einzelnen Drittland stammen.
Ob zusätzliche Förderprojekte außerhalb Chinas wirtschaftlich bestehen können, hängt nach Einschätzung Seyedas wesentlich von den politischen Rahmenbedingungen ab. Angesichts der internationalen Preisunterschiede fordert er vergleichbare Wettbewerbsbedingungen für Unternehmen verschiedener Regionen. Insbesondere Europa müsse schneller handeln. Die USA verfolgten ihre Rohstoffpolitik bereits entschlossener, während Japan schon länger an der Absicherung seiner Lieferketten arbeite. Bei den europäischen Bemühungen sieht Seyeda dagegen weiterhin Nachholbedarf.
Die japanische Konzernmutter setzt ebenfalls auf den Ausbau ihrer Recyclingkapazitäten. Im September kündigte Mitsubishi Materials weitere Anlagen beim japanischen Wolframverarbeiter Japan New Metals am Standort Akita an. Dort soll die APT-Kapazität aus Recyclingmaterial bis April 2029 auf jährlich 2.400 Tonnen Wolframtrioxid-Äquivalent steigen. Das japanische Wirtschaftsministerium erkannte die Investition als Maßnahme zur Versorgungssicherung an.
Eine vollständige wirtschaftliche Trennung von China hält Seyeda allerdings nicht für erforderlich. Stattdessen sollten Unternehmen über genügend alternative Bezugsquellen verfügen, um bei Handelsbeschränkungen ausweichen zu können. Damit ließe sich zugleich das Risiko verringern, dass die Konzentration von Förder- und Verarbeitungskapazitäten als politisches Druckmittel eingesetzt wird.
Mit der Erweiterung in Goslar kann H.C. Starck den Bedarf des Standorts an Primärwolfram künftig deutlich reduzieren. Der Einfluss eines einzelnen Recyclingprojekts auf die weltweiten Marktverhältnisse bleibt allerdings begrenzt. Für eine breitere Absicherung der europäischen Versorgung sind weiterhin zusätzliche Fördermöglichkeiten, industrielle Verarbeitungskapazitäten und geeignete politische Rahmenbedingungen erforderlich.

