G7 beschließen radikalen Umbau der Rohstofffversorgung

G7 beschließen radikalen Umbau der Rohstofffversorgung picture alliance / SvenSimon-ThePresidentialOfficeU / Presidential Office of Ukraine

Die G7 wollen ihre Abhängigkeit von China bei Seltenen Erden und Permanentmagneten deutlich senken. In der offiziellen Erklärung von Évian legen die Staats- und Regierungschefs fest, dass die Allianz den Importanteil eines einzelnen Drittstaates bis 2030 auf unter 60 Prozent deckelt. Anschließend streben die Partner eine weitere Reduzierung auf 50 Prozent an. Diese Formulierung ist politisch bemerkenswert, weil sie erstmals eine klar bezifferte Zielmarke für einen sensiblen Teil der Wertschöpfungskette setzt. Der Gipfelbeschluss reicht weit über eine symbolische Obergrenze für Importe hinaus. Das gemeinsame Umbauprogramm verzahnt Versorgungssicherheit, Handelsinstrumente, Recycling und Lagerhaltung.

Strategische Allianzen für die globale Verarbeitungskette

Die G7 wollen gemeinsam mit Partnerländern die Produktion, Verarbeitung und das Recycling entlang der gesamten Wertschöpfungskette voranbringen. Dazu bündeln die Regierungen Projekte, legen die Nachfrage zusammen und mobilisieren öffentliches sowie privates Kapital. Seit Jahresbeginn 2026 verzeichnet die Allianz 195 neu angekündigte Projekte mit einem Investitionsvolumen von 64 Milliarden Euro sowie strategische Abnahmeverträge.

Das ist ordnungspolitisch bedeutsam, da die wirtschaftliche Dominanz weniger im Bergbau als in der Weiterverarbeitung liegt. In diesem Segment kontrolliert China laut Internationaler Energieagentur bei 19 von 20 untersuchten strategischen Mineralien die zentralen Schritte. Die Volksrepublik hält dort im Schnitt rund 70 Prozent Marktanteil, was Preisvolatilität und Konzentrationsrisiken massiv erhöht.

Die Situation bei den Permanentmagneten präsentiert sich noch kritischer. Die Europäische Kommission verweist in ihrer Darstellung des europäischen Rohstoffgesetzes darauf, dass China die weltweit in Dauermagneten genutzten Seltenen Erden zu 100 Prozent raffiniert. Das erklärt, warum die G7 in ihrer Erklärung nicht allgemein über Rohstoffe sprechen, sondern Seltene Erden und Permanentmagnete ausdrücklich hervorheben.

Rohstoffversorgung wird zur nationalen Sicherheitsfrage

Die offizielle G7-Erklärung formuliert die geopolitischen Ziele ungewöhnlich offen. Die Staaten äußern darin Besorgnis über wirtschaftlichen Zwang, willkürliche Exportbeschränkungen und Vergeltungsmaßnahmen bei kritischen Mineralien sowie Dual-Use-Gütern. Sie wollen verhindern, dass Lieferländer wirtschaftliche Abhängigkeiten als politisches Druckmittel nutzen. Diese Passage zielt zwar nicht namentlich auf China, der Adressat ist aber offensichtlich.

Hinzu kommt, dass die G7 ausdrücklich über marktgestaltende Eingriffe sprechen. Die Staatschefs erwägen Diversifizierungsvorgaben, gemeinsame Beschaffung, Stabilisierungsmechanismen für Erlöse, Quoten und Preisuntergrenzen. Diese Instrumente stehen bereits als ernsthaft geprüfte Optionen im offiziellen Dokument.

Dass Rohstoffe und Sicherheitspolitik enger zusammenrücken, zeigt auch die deutsche Linie. Die Bundesregierung hatte vor dem Gipfel selbst hervorgehoben, dass in Évian neben globalem Wachstum und Geopolitik ausdrücklich auch kritische Rohstoffe auf der Agenda stehen. Schon im März hatte der Rat der Europäischen Union betont, dass kritische Rohstoffe für alle Industrien einschließlich der Verteidigung eine fundamentale Bedeutung besitzen.

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Brüssel schafft bereits regulatorische Fakten

Der G7-Beschluss fällt nicht in ein politisches Vakuum. Die EU hat mit dem Critical Raw Materials Act schon 2024 ein Fundament gelegt, das die Abhängigkeit von einzelnen Lieferländern mindern soll. Die Zielmarken für 2030 fordern 10 Prozent des jährlichen Bedarfs aus heimischem Abbau, 40 Prozent aus Verarbeitung in der EU und 25 Prozent aus Recycling. Außerdem soll die Union bei strategischen Rohstoffen in keinem relevanten Verarbeitungsstadium mehr als 65 Prozent ihres Jahresbedarfs aus einem einzigen Nicht-EU-Land beziehen.

Diese EU-Ziele und die neue G7-Linie greifen sichtbar ineinander. Der Rat der EU hat im März 2026 zudem seine Position zur Verschärfung des Gesetzes beschlossen. Dabei geht es unter anderem um Lieferkettenrisiken von Großkonzernen, strengere Importgrenzen und digitale Produktpässe für Dauermagnete. Auch das zeigt, dass die Frage, woher Magnete und verarbeitete Rohstoffe kommen, von der Industrieplanung zunehmend in die konkrete Regulierung wandert.

Die G7 legen nun noch eine internationale Ebene darüber. Sie wollen ein neues Bündnis schaffen: die G7 Critical Minerals Resilience and Production Alliance. Eine neue Plattform für Kooperation und Datenaustausch unterstützt dieses Bündnis. Dabei binden die Staaten die IEA und die OECD direkt ein. Vorgesehen sind auch Pilotprogramme für Transparenz und Rückverfolgbarkeit, zunächst bei Lithium und Nickel, später bei weiteren Rohstoffen mit besonderem Blick auf Seltene Erden.

Die Umsetzung bleibt das industrielle Nadelöhr

An dieser Stelle zeigen sich jedoch strukturelle Hürden. Der Europäische Rechnungshof warnt in einem Sonderbericht von 2026 vor Verzögerungen. Viele strategische Projekte sichern die europäische Versorgung wohl nicht vor 2030. Als Bremsen nennt der Bericht unter anderem Genehmigungen, Finanzierung und die begrenzte Geschwindigkeit, mit der neue Kapazitäten tatsächlich aufgebaut werden können.

Auch beim Recycling, das in fast allen Strategiepapieren als zentraler Baustein erscheint, bleibt der Abstand zwischen Anspruch und Realität erheblich. Viele kritische Rohstoffe stecken nur in Kleinstmengen in komplexen Produkten. Eine wirtschaftliche Rückgewinnung scheitert daher meist am Aufwand. Besonders für Seltene Erden in Elektromotoren oder eingebetteter Elektronik seien Sammlung, Trennung und Aufbereitung noch unzureichend.

Die G7 kennen diese Schwächen. Ihre Erklärung widmet daher eigene Abschnitte der Finanzierung, der Lagerhaltung und dem Recycling. Die Regierungen mobilisieren öffentliches sowie privates Kapital und bauen strategische Vorräte aus. Zudem schafft die Allianz mit der IEA ein Frühwarnsystem für Versorgungsengpässe. Parallel soll das Recycling deutlich zulegen. Bis Ende des Jahres wollen die Staaten für ausgewählte kritische Rohstoffe oder ihre Derivate konkrete Recyclingziele festlegen.

Die G7 formulieren diesmal einen konkreten Umbauplan mit Zielwerten und festen Instrumenten statt reiner diplomatischer Besorgnis. Der Erfolg hängt nun an realen Minenprojekten, Raffinerien und Recyclinganlagen. Zudem müssen die Staaten bereit sein, teure Übergangsphasen tatsächlich zu finanzieren. Die strategische Richtung ist gesetzt – die industrielle Bewährungsprobe beginnt.