Nicht die Industrie treibt die Silber-Rallye – sondern der Hype

Nicht die Industrie treibt die Silber-Rallye – sondern der Hype picture alliance / Zoonar / Alexander Limbach

Der Silbermarkt steht Kopf: Kurse von 99 USD pro Feinunze markieren einen Rekord. Was ist los auf dem Silbermarkt? In den Medien wird regelmäßig von einem Defizit des Marktes berichtet. Dies trifft zu: Seit 2021 übersteigt die Nachfrage aus Industrie, physischem Investment und anderen Bereichen das Angebot aus Minen und Recycling. Das Silver Institute schätzt das Defizit für 2025 auf 117,6 Mio. Unzen.

Das Silberdefizit ist nicht neu

Das Defizit allein vermag die Rallye kaum zu rechtfertigen. So lag das Defizit in den Vorjahren deutlich höher (bis zu ca. 250 Mio. Unzen im Jahr 2022), ohne dass es zu rasanten Kursanstiegen gekommen wäre. Fundamental wird häufig mit der steigenden Nachfrage nach Silber im Bereich Photovoltaik argumentiert: Einer der wichtigsten Trends des Marktes.

Doch dieser Trend hat seinen Höhepunkt überschritten. Laut Silver Institute lag die photovoltaikbedingte Silbernachfrage 2025 bei 195,7 Mio. Unzen und damit 1,9 Mio. Unzen niedriger als im Vorjahr. Der Rückgang fand statt, obwohl das neu installierte Volumen an Photovoltaikkapazitäten gegenüber dem Vorjahr anstieg. Möglich wurde dies durch Substitution. In diesem Jahr dürfte sich der Trend zur Substitution beschleunigen. Gleichzeitig wird mit einem Rückgang der neu zugebauten Solarkapazität gerechnet.

Die gesamte industrielle Silbernachfrage ging 2025 dem Silver Institute zufolge leicht von 680,5 Mio. Unzen auf 677,4 Mio. Unzen zurück. Der Anstieg im gesamten Segment Elektrotechnik und Elektronik lag (inklusive des Rückgangs bei Photovoltaik) bei lediglich rund 1 % bzw. 5,1 Mio. Unzen.

Industrienachfrage nach Silber verläuft eher flach

Der Anstieg der Industrienachfrage nach Silber ist also bereits 2025 weitgehend zum Erliegen gekommen. Da ein wesentlicher Teil der Nachfrage preissensitiv sein dürfte, ist aufgrund des starken Preisanstiegs der letzten Zeit sogar mit einem Rückgang zu rechnen. Dies gilt auch für andere Bereiche der Nachfrage wie Schmuck und Silberware.

Ein weiterer häufig zu lesender Grund für den Silberpreisanstieg sind die gesunkenen Lagerbestände. Dieses Phänomen betrifft aktuell vor allem den asiatischen Raum. In Shanghai werden derzeit hohe Prämien auf den Weltmarktpreis gezahlt.

Dieser Weltmarktpreis wird in London festgelegt. Dort hatte es gemessen an LBMA-Daten zu den Tresorbeständen (Loco London) Anfang 2025 tatsächlich einen deutlichen Rückgang der Bestände gegeben. Ursächlich dafür waren Verschiffungen des Materials in die USA, mit denen Marktteilnehmer der möglichen Einführung von Zöllen zuvorkommen wollten. Doch die Situation in den Londoner Tresoren hat sich zwischenzeitlich wieder entspannt: Laut LBMA lagerten Ende Dezember 2025 27.818 Tonnen Silber (ein Anstieg von 2,30 % gegenüber dem Vormonat) im Wert von 64,4 Mrd. USD.

Auf der anderen Seite des Atlantiks sinken die Bestände nach deutlichen Zuflüssen im vergangenen Jahr seit einigen Monaten wieder. Gleichwohl lagern auch dort noch rund 422 Mio. Unzen.

Keine Silber Backwardation an der CME

Die physische Knappheit, die für den US-Markt zuletzt oft zitiert wird, lässt sich an den Preisen der CME Futures nicht ablesen. Dann müsste eine Backwardation zu sehen sein: Eine ansteigende Terminpreiskurve.  Der CME Silber Future mit Fälligkeit im Januar notierte am frühen Donnerstagabend bei 95,8 USD, der März-Kontrakt bei 96,46 USD und der Mai-Kontrakt bei 97,170 USD – unspektakuläres Contango also.

An den Preisen der Futures an der CME  jedenfalls lässt sich nicht ablesen, was in sozialen Netzwerken derzeit oft angeführt wird: Dass der "Papiermarkt" für Silber ein Problem habe, weil die zur physischen Abwicklung fälliger Futures zur Verfügung stehenden Silberbestände nicht ausreichten. Manche dieser Argumentationsketten übersehen, dass ein Großteil der Marktteilnehmer keine physische Lieferung wünscht und rechtzeitig vor Fälligkeit in einen späteren Kontrakt rolliert.

Ein weiterer oft angeführter Grund bzw. Verstärker der Silberrallye sind die kürzlich eingeführten chinesischen Exportrestriktionen. China, so heißt es dann, wolle Silber auf dem Weltmarkt so verknappen, wie es auch bei Seltenen Erden und anderen Rohstoffen der Fall war (und weiter im Raum steht). Dabei wird oft übersehen, dass China Nettoimporteur von Silber ist, was den Einfluss der Maßnahmen zumindest langfristig begrenzen sollte.

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Wie relevant werden Chinas Exportrestriktionen?

Anders sieht es im Bereich des raffinierten Silbers aus: Hier verfügt die Volksrepublik aufgrund ihrer hohen Raffineriekapazitäten über erhebliche Marktmacht. 2025 wurden laut Phoenix Refining 4.600 Tonnen Silber exportiert. Es ist allerdings fraglich, wie groß die Auswirkungen des Exportlizenzsystems letztlich sein werden: Ein erheblicher Teil des Silbers dürfte über exportierte Solarzellen auf den Weltmarkt gelangen.

Insgesamt scheinen die Fundamentaldaten nachfrageseitig die Silberpreisrallye oder zumindest ihr Ausmaß nur sehr bedingt zu rechtfertigen, zumal eine Reaktion der Nachfrage auf die Preise derzeit kaum diskutiert wird (und aufgrund von Vorlaufzeiten bei der industriellen Beschaffung auch erst in einigen Monaten voll wirksam werden könnte).

Angebotsseitig sieht es auf den ersten Blick etwas anders aus: Das Minenangebot hat sehr lange Vorlaufzeiten und kann nicht kurzfristig auf steigende Silberpreise reagieren. Langfristig wird diese Reaktion angesichts der gewaltigen Gewinnmargen von derzeit etwa 80 USD pro Feinunze nicht ausbleiben – selbst, wenn die Preise des "Beifangs" wie Zink, Blei, Kupfer oder Gold nicht ebenfalls hoch wären.

Sekundärangebot könnte durch hohe Silberpreise steigen

Das Sekundärangebot könnte allerdings durchaus reagieren: 2025 gelangten so 193 Mio. Unzen auf den Markt. Es gibt Anzeichen dafür, dass es in diesem Jahr mehr werden könnte. Die FT etwa berichtet über eine Raffinerie in Texas, die 24/7 im Dreischichtbetrieb arbeitet, um Schmuck, Essgeschirr und sogar alte Zahnfüllungen einzuschmelzen – und dennoch an ihre Kapazitätsgrenzen stößt. "Wir arbeiten im Dreischichtbetrieb, sieben Tage die Woche", wird President Terry Hanlon zitiert. "Wir kommen nicht mehr hinterher."  Einen Silbermangel kann er aber nicht erkennen: "Das Problem ist, dass so viel Metall aus Quellen stammt, die kein reines Produkt darstellen."

Die Gretchenfrage lautet: Was treibt die Silberrallye, wenn es nicht die industrielle Nachfrage ist? Vieles deutet auf einen Hype unter Privatanlegern hin. Ein Indiz sind die überall ausverkauften Silbermünzen. Ein weiteres Beispiel sind die vielen euphorischen Kommentare in den sozialen Netzwerken.

Laut Daten von Vanda Research haben Privatanleger in den letzten 390 Tagen rekordverdächtige 921 Mio. USD in silbergebundene ETFs investiert. "Niemand sieht darin eine durch fundamentale Faktoren getriebene Rallye", zitiert die Financial Times einen Marktteilnehmer in London. "Es ist eher ein Hype von Privatanlegern."

Privatanleger kaufen physisches Silber und treiben damit den Kurs

Diese fragen vor allem physisches Silber nach. Dies könnte auch erklären, warum die Preise trotz der sich wieder füllenden Tresore in London gestiegen sind: Je höher das AUM silbergedeckter ETFs, desto weniger Silber steht auf dem Markt frei zur Verfügung.

Die Wirkung von privaten, physischen Silberkäufen ist nicht zu unterschätzen. Der Silbermarkt ist bei Weitem nicht so tief wie der Goldmarkt. Zudem dürfte ein Großteil der Industrienachfrage nicht über die zentralen Handelsplätze abgedeckt werden, sondern über OTC-Lieferungen.

"Silber ist aufgrund seiner Volatilität zu einer Art Krypto-Asset geworden", sagte Nicky Shiels, Analystin bei MKS Pamp. Sie warnt, dass der Preisanstieg "die industrielle Nachfrage und die Nachfrage nach Schmuck zum Erliegen bringen könnte". Erinnerungen an den durch Reddit ausgelösten Preisanstieg im Jahr 2021 – als Nutzer der Online-Plattform in GameStop und Silber investierten und der Silberpreis kurzzeitig von 5 USD auf 30 USD stieg – werden wach.

Diese Erzählung passt besser zum parabolischen Kursverlauf der letzten Zeit als der Hinweis auf das bereits seit einer halben Dekade bestehende Defizit oder das auf kurze Sicht unelastische Minenangebot. Das bedeutet, dass der Markt durchaus noch ein bis zwei Verdopplungen erleben könnte – oder einen schmerzhaften Absturz.