Wann kommt aus Venezuela mehr Öl?
Mehr als 300 Mrd. Barrel: Die Erdölreserven Venezuelas übersteigen sogar die Saudi-Arabiens. Wer Zugriff auf diese Ressourcen hat, kann den Ölmarkt für Jahrzehnte im eigenen Sinne beeinflussen. Doch der Zugriff auf die Ressourcen erfordert mehr als die politische Macht, darauf zuzugreifen: Es braucht eine funktionierende Ölproduktion.
Venezuela förderte einst 3,5 Mio. Barrel Öl am Tag
In den 1970er Jahren förderte Venezuela bis zu 3,5 Mio. Barrel Öl am Tag – manche Quellen nennen auch 4 Mio. Barrel. Aktuell erreicht die Förderung kaum noch ein Drittel dieses Niveaus. Lediglich 100.000 Barrel am Tag sind kurzfristig zusätzlich möglich, glauben Analysten. Die Ölindustrie des Landes ist heruntergekommen: Bis die Produktion wieder deutlich hochgefahren werden kann, sind erhebliche Investitionen notwendig.
Der Niedergang begann kurz nach der Jahrtausendwende unter Hugo Chávez, der private Ölunternehmen enteignen ließ. Das staatliche Unternehmen Petróleos de Venezuela (PDVSA) musste Einnahmen im Sinne der Regierung verwenden und z. B. Sozialprogramme finanzieren. Dadurch fehlte es an Geld für notwendige Investitionen. Verschärft wurde die Situation 2017 durch US-Sanktionen, die PDVSA von ausländischem Kapital abschnitten und den Konzern in Zahlungsverzug brachten.
In den vergangenen Tagen haben mehrere Medien mit einer Art Schadensbilanz zur venezolanischen Ölindustrie begonnen. Die FT etwa zitiert aus einem PDVSA-Dokument aus dem Jahr 2021, dass die Pipelines seit mehr als 50 Jahren nicht modernisiert worden seien und die Kosten zur Wiederherstellung der Spitzenproduktionsniveaus der Systeme des Landes auf 58 Mrd. USD geschätzt würden.
Von Pipelines bis zu Tankern: Die gesamte Infrastruktur ist marode
Die Liste der Probleme ist lang: Tanker sitzen vor der Küste fest, die Beladung verläuft zu langsam. So dauert das vollständige Beladen von Supertankern, die Rohöl nach China liefern, laut Bloomberg bis zu fünf Tage statt einen Tag. Mehr als die Hälfte der 22 Tanker des Landes sind einem Reuters-Bericht aus 2023 zufolge so heruntergekommen, dass sie repariert oder außer Betrieb genommen werden mussten.
Die Pipelines produzieren Leckagen und Brände, mehrere Gebiete sind von chronischer Ölverschmutzung betroffen. Die Infrastruktur wird durch die verarmte Bevölkerung zur Gewinnung von Altmetall geplündert. Landesweite Stromausfälle, undichte Wasserleitungen und katastrophale Straßen dürften den Wiederaufbau ebenfalls erschweren.
Francisco Monaldi, Direktor für lateinamerikanische Energiepolitik am Baker Institute for Public Policy der Rice University, hat eine erste Preisschuld für die Renaissance der Ölproduktion in Venezuela skizziert. Ihm zufolge müssen Unternehmen in den nächsten zehn Jahren 10 Mrd. USD pro Jahr investieren, um die Fördermengen der 1970er Jahre zu erreichen.
Investitionen in dieser Größenordnung wären für ein Konsortium aus US-Ölunternehmen nicht unrealistisch. Es braucht allerdings die richtigen Rahmenbedingungen. Der frühere PDVSA-Manager Lino Carillo sagte gegenüber Bloomberg: "Damit Ölkonzerne ernsthaft über Investitionen in Venezuela nachdenken, bräuchte es einen neuen Kongress oder eine neue Nationalversammlung. Das ist derzeit definitiv nicht der Fall."
Chevron fördert 25 % des Öls in Venezuela
Nahe liegt eine Ausweitung der Rolle von Chevron US1667641005 852552, das derzeit mit einer US-Sondergenehmigung im Land aktiv ist und etwa 25 % der nationalen Ölförderung abdeckt. Exxon Mobil US30231G1022 852549 und ConocoPhillips US20825C1045 575302 wären ebenfalls Kandidaten – allerdings wurden die Assets dieser Unternehmen durch Chávez beschlagnahmt. Exxon hatte erklärt, Investitionen in Venezuela zu prüfen, jedoch nur unter den richtigen Bedingungen. Ob damit auch die Begleichung ausstehender Kredite und Entschädigungen gemeint ist, bleibt offen.
Dennoch sind viele Analysten davon überzeugt, dass es zum Einstieg von US-Unternehmen in den Markt kommen wird. Kevin Book von ClearView Energy Partners etwa sagt: "Unternehmen, die in der Lage sind, in Venezuela profitabel Rohstoffe zu fördern, werden das enorme Potenzial der Reserven kaum ignorieren, wenn sie Anzeichen relativer Stabilität erkennen und sich günstige Vertragsbedingungen sichern können."
Jairo Rincón, ein ehemaliger PDVSA-Ingenieur, zeigt sich im Gespräch mit der FT ebenfalls optimistisch – unter einer Bedingung. "Wir müssen die Fachkräfte zurückholen." Gelinge dies, könne sich die Branche vollständig erholen – und das werde keine Jahrzehnte, sondern Jahre dauern."