Das Henne-Ei-Problem

Heerscharen von Philosophen haben sich über eine sehr lange Zeit hinweg mit der weltbewegenden Frage beschäftigt: „Was war zuerst da – die Henne oder das Ei?“ Eine zufriedenstellende Antwort haben sie sowohl auf diese wie auch auf Millionen von anderen wichtigen Fragen bisher nicht gefunden? So ähnlich geht es mir seit dem Jahr 2011 auch im Zusammenspiel von Rohstoffpreisen und Weltkonjunktur. Für mich ist seit dem Jahr 2014 indes klar, dass die schwachen Rohstoffpreise Vorboten einer anstehenden Rezession oder Depression sind.

Gestern: Peak-Oil – Heute: Öl-Überfluss

WTI Januar 2016

WTI-Rohölpreis auf steiler Talfahrt – Quelle: Barchart

Analysten von Banken haben sich seinerzeit vehement gegen meine Prognose gestellt. Auf der einen Seite sei, so die Vorhersage der Banker, keine Rezession am Horizont erkennbar und auf der anderen Seite könne, so hieß es seinerzeit, bald wieder mit steigenden Rohstoffpreisen gerechnet werden. Aber: Die Welt ist nicht nur auf dem Weg in eine Rezession / Depression, sie befindet sich bereits mittendrin. Das verworrene und turbulente geopolitische Bild verstärkt depressive und darüber hinaus deflationäre Tendenzen. Zurück zum Thema Ei und Henne im Zusammenhang mit Rohstoffen und der Konjunktur: Der GSCI-Rohstoff-Index ist vom historischen Rekordhoch von 893,85 im Juli 2008 bis auf zuletzt 272,34 eingebrochen – das ist ein Minus von 69,5%. Damit liegen die Commodity-Notierungen im Übrigen auf dem niedrigsten Niveau seit dem Jahr 2003.

OPEC Wien 2016

Das Opec-Gebäude in Wien – hier versteht man die Welt nicht mehr. – Foto: Udo Rettberg

Die Verbraucher freuen sich

Nun mag man das aus Sicht der Konsumenten in den Industrieländern zwar als einen Segen betrachten. Vor allem die Auto- und Flugzeugbranche freut sich. Für die wenig stabilen Rohstoffproduzentenländer in Schwellenländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas sowie für die arabischen Staaten und auch für die Großmacht Russland erweist sich all das als ein stabilitätsgefährdendes Dilemma. Doch nicht nur das: Ein Blick auf den Rohölpreis zeigt das wahre Chaos. Die US-Rohöl-Richtmarke WTI (West Texas Intermediate) ist in nur knapp 7 Jahren von 150 $ je Barrel bis auf zuletzt 27 $ abgesackt – also um mehr als 80 % .

Mich erinnert all das an das Jahr 2011, als ich nach einem Besuch von Ölfeldern in den USA, deren Vorkommen durch das Frackingverfahren ausgebeutet werden, bei einem WTI-Preis von 120 $ meine Prognose eines Rohölpreis-Verfalls auf zunächst 80 $ je Barrel vorlegte. Daraufhin wurde ich von Vertretern deutscher Energieverbände als „Dummkopf“ bezeichnet. Es kam so wie erwartet; der Ölpreis wurde vorübergehend wieder von den Faktoren Angebot und Nachfrage bestimmt. In der Folge wurde darüber hinaus das gepolitische Drama – sprich der Krieg an vielen Fronten auf dem Globus – zum „Öl-Preismacher“.

Jeder gegen jeden – der sinnlose Kampf

Nachdem im Mittleren und Nahen Osten irgendwann Jeder gegen Jeden kämpfte und die Welt im Zusammenhang mit der Ukraine-Krise Sanktionen gegen Russland einführte, zeigte sich in der Folge dann auch, dass sich die Macht des Opec-Kartells in Luft auflöste. Der Markt wurde aus allen möglichen Quellen mit Rohöl überschwemmt. Hinzu kommt: Die jüngst nach der Sanktions-Aufhebung gegen den Iran dort aufgestiegene Friedenstaube sorgte dafür, dass Öl jetzt nur noch 27 $ kostet. Man könnte meinen, dass all dies Grund zum Jubel sei.

Doch weit gefehlt – jetzt fangen die wahren Probleme nämlich erst an. Und zwar nicht nur für die Energiewirtschaft, sondern vor allem auch für die globale Finanzbranche, allen voran für die im Ölkredit-Geschäft aktiven Banken. Es gehören keine großartigen Fähigkeiten dazu, eine Pleitewelle unter den Energiegesellschaften in der Welt vorherzusagen. Zahlreiche Energie-Projekte sind (das ist bekannt) fremdfinanziert – nicht nur in den USA, aber vor allem dort. Und hier kommt meine über die vergangenen Jahre stets wiederholte Kritik zum Tragen. Die Weltwirtschaft basiert viel zu stark auf dem Faktor Fremdkapital.

Ölbranche setzt auf Fremdkapital

Gerade auch im Energiesektor wurde in den vergangenen Jahren zu wenig auf den Faktor Eigenkapital (also auf die Aktie als Fiannzierungsinstrument) gesetzt. Saudi-Arabien will das mit dem geplanten IPO der weltgrößten Ölgesellschaft Aramco allerdings ändern. Schätzungen zufolge sind 4 % der Gesamtkredite von US-Banken an die dortige Energiebranche herausgelegt. Bleibt der Ölpreis unter 30 $ je Barrel braut sich für Banken – und damit für die Gesamtwirtschaft – neues Unheil zusammen.

Möglicherweise werden dann auch wieder Regierungen eingreifen und versuchen, eine Pleitewelle von Ölfirmen zu verhindern. So ist vorstellbar, dass Regierungen für diese in der Vergangenheit stark beachtete Branche Rettunganker auswerfen werden – so wie sie es im Zuge der Finanzkrise für die „Too-big-to-fail-Banken“ getan haben.

„Ölindustrie-Bailout“

Unwort des Jahres 2016. Und wer bezahlt das alles? Na klar, die Gemeinschaft. Ob die Bürger dieses Mal allerdings wortlos bereit dazu sein werden, muss sehr stark bezweifelt werden. Erst haben Regierungen den auf Seiten der Bürger nicht gerade „geliebten“ Banken Rettungsschirme zugeworfen und jetzt soll das Gleiche mit der Ölbranche geschehen??? Ich habe da so meine Bedenken. Jahrzehntelang sind Autofahrer von der Ölbranche abgezockt worden – und jetzt sollen sie die Branche retten. Wenn das nicht mal nach Ärger riecht

Anlagepolitisches Fazit

„Kaufe, wenn a) Chaoten mit ihrer Hysterie und Angst und b) Politiker mit ihrer „Weisheit“ den Markt prägen und c) die Preise zuvor um mehr als 80 % gefallen sind“, lautet eine alte Börsenweisheit. Da all diese drei Faktoren zusammengenommen zutreffen, ist das Preisrisiko am Ölmarkt überschaubar.