Zugegeben, es dürfte den meisten Marktteilnehmern sehr schwer fallen, in der aktuellen Situation des Goldpreises eine positive Perspektive für das Edelmetall zu sehen. So ist das, wenn der Kurs zusammen bricht und das Börsen-Bonmot von den donnernden Kanonen im Markt aktuell zu sehen ist. Doch bei aller depressiven Stimmung für den Goldpreis darf eines nicht vergessen werden: Die Medaille hat zwei Seiten.

Zum einen ist da der Kursrutsch, der mittlerweile den Kursrutsch nährt. Am Markt nennt man das auch Trendfolge – das hört sich besser an, als wenn die „Großen“ zugeben müssten, genau das zu machen, was eigentlich so verpönt ist: Der Herde hinterher zu laufen. Die Herde rennt derzeit auf der Gold-Short-Seite und der Aktien-Long-Seite herum, vor allem der Terminmarkt drückt auf den Goldpreis. Die Feinunze, die im September 2011 noch für 1.921 Dollar zu haben war, kostet am Freitagmorgen im Tief bis zu 1.180 Dollar. Im gleichen Zeitraum haben wichtige Aktienindizes große Gewinne verzeichnet.

Den jüngsten Absturz des Goldpreises hat der Markt den Äußerungen von Fed-Chef Ben Bernanke zu verdanken. Die Marktexperten der Commerzbank weisen auf einen deutlichen Anstieg der Realzinsen hin, die das bevorstehende Ende von „QE3“ verursacht hat, bzw. die Ankündigung Bernankes, dass die Maßnahmen bei einer wie erwartet ausfallenden Erholung der Wirtschaft nach und nach auslaufen werden. Steigende Zinsen allerdings sind einer der wichtigen Gegenspieler des Goldes, sodass Kursrückgänge nicht überraschend kommen. Wohl aber die Schärfe des Kurssturzes – und hier sind wir wieder bei den erwähnten Herdentieren namens „Trendfolgern“.

Das führt am Goldmarkt mittlerweile zu einer schwierigen Situation: Das Edelmetall gilt als Rohstoff, der ohnehin nicht einfach und nur kostenintensiv zu fördern ist. Und die Kosten steigen, wie die Erfahrung der vergangenen Jahre zeigt. Auf dem aktuellen Preisniveau lohnt sich für die Goldförderer aber in vielen Bergwerken der Abbau des Erzes nicht mehr, weil dieser nicht kostendeckend erfolgen kann. Je weiter der Goldpreis rutscht und je länger das Preisniveau niedrig bleibt, desto stärker wird der Druck auf die Branche, unrentable Kapazitäten stillzulegen oder die Explorationsarbeiten einzustellen – vorübergehend oder dauerhaft.

Die Goldexperten der Commerzbank bringen hier einige interessante Zahlen ins Spiel. Allein die durchschnittlichen weltweiten operativen Förderkosten je Feinunze Gold liegen bei etwa 750 Dollar. Darin sind allerdings keine Ausgaben für Investitionen und Explorationsarbeiten erhalten. Diese machen aber einen großen Kostenblock bei den Unternehmen der Branche aus. Und so ist es eine Tatsache, dass bei Kursen unter 1.300 Dollar der Druck auf die Goldförderer zu wachsen beginnt. Um 1.500 Dollar je Unze sollen die Gesamtkosten liegen, um eine Unze zu ersetzen. Das bedeutet, dass es bei den aktuellen Preisen kaum Sinn macht, geförderte Unzen durch neu entdeckte Vorkommen zu ersetzen. Es rechnet sich schlicht und einfach nicht, aber das hat die Börse derzeit nicht im Blick.

Genau darin liegt mittel- bis langfristig Sprengstoff für den Goldpreis. Bereits zu wesentlich höheren Feinunzenpreisen stand die Branche in der Kritik, nicht genug für die Neuentdeckung von Goldvorkommen zu tun. Gefördertes Gold, das einmal in Tresoren verschwunden ist, taucht so schnell nicht wieder auf. Das gefährde zukünftige Angebotszahlen, heißt es schon seit längerem. Mit dem Kursrutsch und den schwierigen Finanzierungsbedingungen für Investitionen wird dies nicht gerade besser. Vielleicht nicht kurzfristig, aber mittel- und langfristig schaufeln sich die Goldbären, die derzeit eine riesige Party feiern, vielleicht gerade ihr eigenes Grab. Zumindest ein Kater ist ihnen sicher, wenn die Bärenparty vorüber ist.