Spätestens seit dem heftigen Absturz des Goldpreises Mitte April steht für einige Marktkommentatoren fest: Der Goldpreis ist manipuliert und einige mächtige Marktteilnehmer haben ein Interesse an niedrigen Goldpreisen. Begründet wird diese Behauptung meist wenig nachvollziehbar. Allerdings passt dies gut in die Verunsicherung am Markt, nachdem die Feinunze des Edelmetalls seit Oktober 2012 von 1.796 Dollar auf 1.269 Dollar abgestürzt ist, und trifft hier auf einige Anhänger.

Ob der Markt wirklich manipuliert wird, sei einmal dahin gestellt. Bewiesen ist diesbezüglich gar nichts. Dass solche Gerüchte überhaupt aufkommen, ist aber durchaus verständlich. Dazu tragen bekannt gewordene Manipulationsskandale bei wie jüngst beim LIBOR ihren Anteil bei, hier ist unter anderem die Deutsche Bank involviert. Auch am Rohstoffmarkt hat es immer wieder Manipulationsversuche gegeben. Einer der bekanntesten Versuche ist sicherlich die Spekulation der Gebrüder Hunt am US-Silbermarkt, die Anfang der 80er-Jahre zusammen brach.

Warum also nicht auch diesmal Manipulationstheorien entwerfen, zumal einige Hinweise doch so schön zusammen passen und die Idee einer koordinierten Aktion gebären lassen? Da ist der große Abfluss von Geldern institutioneller Anleger aus Gold-ETFs, während die Nachfrage nach physischem Gold extrem hoch bleibt. Am Terminmarkt wurde zugleich auf fallende Goldkurse gezockt. Dazu gehören zeitlich hierzu eng beieinander liegende Verkaufsempfehlungen von Analysten, unter anderem von Goldman Sachs, für das Gold. Auch andere starke Stimmen an den Märkten erzählten von fallenden Goldpreisen und als die Feinunze wirklich dramatisch ins Rutschen kam, wollten alle nur noch raus aus dem Markt. Die panikartigen Verkäufe taten dann ihren Beitrag, fertig waren der Goldpreiseinbruch und der Betrugsvorwurf.

Doch ist das eine Manipulation, oder nicht eher ein schulbuchhaftes Lehrstück darüber, wie sich ein Markt völlig von fundamentalen Daten loslösen kann und nur noch durch Angst und Gier gesteuert agiert? Einiges spricht für Letzteres. Am Terminmarkt, wo das große Geld beim Gold bewegt wird, bestimmen immer stärker computergesteuerte Handelsprogramme mit Trendfolgemodellen das Bild. Das macht den Markt anfälliger für Einbrüche. Es ist das alte Problem: Wenn alle zugleich aus dem Markt wollen, brechen die Kurse eben ein. Ein solches Risiko verstärken Trendfolgemodelle und der computergesteuerte Handel, der sich stur an technische Berechnungen hält.

Diesen Effekt gibt es übrigens auch auf der anderen Seite: Wenn starke Trends zum Einstieg in einen Markt locken, bilden sich Kursblasen. Interessanterweise sind die Stimmen, die dann schnell „Betrug!“ schreien und nach der Börsenaufsicht rufen, meist nicht zu vernehmen – dabei wirken hier dieselben Marktmechanismen, nur eben mit einem „Plus“ statt einem „Minus“ vor der Veränderung des Goldkurses.

Was bleibt, ist die Unsicherheit vieler Anleger. Dabei wäre gerade nach dem panikartigen Einbruch des Goldpreises nun ein Blick auf die beruhigenden Fundamentalwerte angebracht. Und da sprechen starke Faktoren für das Gold. Einige Beispiele: In China bemühen sich die offiziellen Stellen fieberhaft, eine Liquiditätskrise im Bankensektor klein zu halten. Bei den aktuellen Goldpreisen dürften viele Bergwerke weltweit keine Gewinne einfahren, damit drohen über kurz oder lang Kapazitätskürzungen bei der Förderung. Schon lange wird zudem kritisiert, dass die Goldbranche zu wenig in die Entwicklung neuer Vorkommen investiert. Und nicht zuletzt kaufen viele Anleger weiterhin in großen Mengen physisches Gold.

Die Liste der Faktoren, warum der Goldpreis wieder steigen könnte, lässt sich fortsetzen. Nur der Markt glaubt seit dem Top bei 1.921 Dollar im September 2011 nicht mehr ans Gold, er hat andere Favoriten. Dow Jones, DAX, Nasdaq & Co. haben seit September 2011 übrigens große Kursgewinne verzeichnet – merken sie etwas?

Doch wer an der Börse agiert, der weiß: Favoriten wechseln regelmäßig und viele Alternativen zu einem deutlich gefallenen Goldpreis gibt es nicht. Die Zinsen bleiben auch nach dem sich abzeichnenden Ende von „QE“ der US-Notenbank niedrig. Konjunktursorgen lassen derzeit die Aktienmärkte nach den starken Gewinnen seit September 2011 vor zu hohen Bewertungen zittern. Der nächste Favoritenwechsel ist eine reine Frage der Zeit.