Auf Crash folgt Boom: Lithiumsektor holt Luft für nächste Rallye
Der kanadische Lithiumexplorer Q2 Metals CA74739G1072 A3D4CR sammelt Geld ein: Ende April wurde mit einem Konsortium eine mindestens 60 Mio. CAD schwere Privatplatzierung vereinbart, deren Volumen durch die Ausübung von Optionen noch auf 70 Mio. CAD steigen kann.
Die Mittel werden zur Weiterentwicklung des Cisco-Lithiumprojekts in der kanadischen Provinz Quebec benötigt. Dort hatte der Explorer kürzlich eine erste abgeleitete Mineralressourcenschätzung (MRE) angefertigt, nachdem in den Monaten zuvor aufsehenerregende Bohrergebnisse veröffentlicht worden waren. Diese untermauerten den Ruf von Cisco als eines der größten Lithium-Hartgesteinsprojekte der Welt.
Lithiumpreise erholen sich
Die Lithiumpreise haben sich nach ihrem Absturz ab 2022 seit der zweiten Jahreshälfte 2025 wieder spürbar erholt. In Shanghai werden aktuell 191.500 CNY pro Tonne Lithiumcarbonat bezahlt: Rund siebenmal so viel wie noch im vergangenen Sommer.
Die Branche hofft auf einen neuen und diesmal nachhaltigen Aufschwung. Für diesen gibt es über die Erholung des Rohstoffpreises hinaus gute Gründe. Die Nachfrage dürfte sich Prognosen zufolge bis 2030 mindestens verdoppeln. EVs, Batteriespeicher, Rechenzentren, Robotik: Verschiedene Sektoren verzeichnen einen wachsenden Bedarf an dem Batteriemetall.
Die globale Lithiumnachfrage erreichte 2025 1,6 Millionen Tonnen Lithiumcarbonat-Äquivalent (LCE), ein Anstieg von 30 % gegenüber dem Vorjahr. Für 2026 prognostiziert der weltweit größte Produzent Albemarle US0126531013 890167 eine Nachfrage zwischen 1,8 und 2,2 Millionen Tonnen und bis 2030 eine jährliche Nachfrage von 3,7 Millionen Tonnen. Die Prognosen des zweitgrößten Produzenten SQM US8336351056 895007 bewegen sich auf einem ähnlichen Niveau.
Zudem sind die spekulativen Kräfte aus dem Markt gewichen. Waren im Boom 2021/2022 viele Privatanleger in dem Segment unterwegs, hat das Batteriemetall seine Anziehungskraft auf diesen Teil der Investoren offenbar eingebüßt.
Lithium nach 2022-Crash weiterhin unbeliebt
"Wir glauben, dass Lithium aufgrund der Erfahrungen von 2022, als die Carbonatpreise um 80 % einbrachen, weiterhin unbeliebt ist", schrieb ETF Shares CIO David Tuckwell Anfang Mai in einem Beitrag für Morningstar. Er glaubt jedoch, dass "die Situation diesmal wirklich anders ist."
Das über lange Zeit niedrige Preisniveau hat sich auf das Angebot und seine Pipeline ausgewirkt. Fast zwei Jahre lang lagen die Preise unter den Abbaukosten. Im Jahr 2025 wurden weniger als zehn Machbarkeitsstudien durchgeführt, seit 2024 keine neuen Projekte mehr begonnen, rechnet Tuckwell vor.
Zudem gab es eine Reihe von Produktionskürzungen. Albemarle trat bei der Lithiumhydroxidanlage im australischen Kemerton auf die Bremse. CATLs Jianxiawo Mine wurde nach dem Auslaufen der Minenerlaubnis suspendiert. China legte diverse Abbaugenehmigungen auf Eis, wodurch bis zu 17 % des globalen Angebots betroffen waren. In Zimbabwe wurden ausländische Bergbauunternehmen zur Investition in Infrastruktur zur Weiterverarbeitung verpflichtet.
Ein wesentlicher Unterschied zu früher: Das Angebot baut sich nicht so rasant aus wie im Jahr 2022. "Die Bergbauunternehmen, die den Abschwung überstanden haben, zögern, den Markt mit Angeboten zu überschwemmen. Sie verfolgen eine Strategie, die den Wert über die Menge stellt", sagt Tuckwell und zieht einen Vergleich mit Kazatomprom US63253R2013 A2N9D5 im Uransektor.
Die Folge: JP Morgan prognostiziert selbst bei konservativen Annahmen ein Lithium-Marktdefizit bis 2030. Morgan Stanley rechnet allein im Jahr 2026 mit einem Defizit von 80.000 Tonnen LCE. UBS schätzt immer noch einen Fehlbetrag von 22.000 Tonnen.
Die heutige Lithium-Rallye erinnert Tuckwell "in Aussehen und Atmosphäre an die Technologieaktien-Rallye Anfang der 2010er Jahre." In jenen Jahren verfügten Amazon, Google und Netflix über bewährte Geschäftsmodelle und waren allgemein bekannt. "Ihre Aktienkurse stiegen, doch angesichts des Dotcom-Crashs zehn Jahre zuvor vertraute ihnen niemand so recht."
Tragweite des Lithium-Aufschwungs könnte unterschätzt werden
Tatsächlich spricht manches dafür, dass der Lithiumsektor vor einem Aufschwung steht, dessen Tragweite noch unterschätzt wird. Ein Zahlenbeispiel: Analysten von Morgan Stanley taxieren die pro humanoidem Roboter benötigte Menge Lithium auf 2 Kilogramm und bezeichnen das Batteriemetall daher als Achillesferse des Ausbaus humanoider Robotik. Sollte es bis 2050 mehr als eine Milliarde solcher Roboter geben, läge das Defizit auf dem Lithiummarkt bereits 2040 bei 40 %.
Die Potenziale des Marktes werden durch professionelle Investoren erkannt, die Lithiumunternehmen in den vergangenen Monaten mehrfach millionenschwere Finanzierungen ermöglichten – und damit jene Akteure stärken, die die Konsolidierung überstanden haben.
Elevra Lithium AU0000421851 A41MGV etwa konnte Mitte Mai eine 275 Mio. AUD schwere institutionelle Platzierung abschließen. Neben bestehenden Anteilseignern beteiligte sich dem Unternehmen zufolge auch "eine hochkarätige Gruppe neuer institutioneller Investoren aus dem In- und Ausland" an der Finanzierungsrunde. Die Mittel werden für die Expansion des North American Lithium Projekts (NAL) verwendet.
Vulcan Energy Resources AU0000066086 A2PV3A, das im Rahmen des Projekts Lionheart im deutschen Oberrheingraben Lithium fördern will, konnte sich im ersten Quartal ein 2,2 Mrd. EUR schweres Finanzierungspaket sichern.
Lithium Americas CA53681J1030 A3ERHF, das mit Thacker Pass eines der größten Lithiumprojekte Nordamerikas betreibt, konnte im Januar eine 246,7 Mio. USD schwere Kapitalerhöhung abschließen. Im Rahmen eines im März gestarteten Programms wurden weitere Anteile platziert. Zudem floss im Februar die zweite Vorauszahlung auf das Darlehen des US-Energieministeriums in Höhe von 432 Mio. USD.
Q2 Metals sieht das Potenzial von Cisco noch lange nicht ausgeschöpft. Neil McCallum, Vizepräsident Exploration, kommentierte die Vorlage der ersten MRE im April: "Die Ressource ist in alle Richtungen offen, und mehrere bekannte Spodumen- Pegmatit-Aufschlüsse bei Cisco wurden noch nicht durch Bohrungen untersucht." Das Unternehmen konzentriere sich bereits jetzt auf die Ressourcenerweiterung und die Ergänzungsbohrungen mit dem Ziel, noch in diesem Jahr einen aktualisierten Ressourcenerkundungsbericht (MRE) vorzulegen.
Die bisherige MRE taxiert das Vorkommen auf knapp 10 Mio. Tonnen LCE und bestätigt damit die Einstufung als eines der größten westlichen Hartgesteinsprojekte. Die Q2-Aktie hat nach den starken Explorationserfolgen bereits angezogen. Steigen die Lithiumpreise weiter und gelingt eine signifikante Aufwertung der Ressource, wird die aktuelle Bewertung von gut 350 Mio. EUR allerdings noch lange nicht das Ende der Fahnenstange markieren.