Banken profitieren von Turbulenzen am Edelmetallmarkt
Bei den großen Banken zeichnet sich 2026 ein außergewöhnlich ertragreiches Jahr im Edelmetallhandel ab. Weltweit könnten die Institute rund fünf Milliarden USD erwirtschaften, schätzt der Finanzanalyseanbieter Crisil Coalition Greenwich. Damit würden sie den bereits 2025 erreichten Ertragsrekord übertreffen. Ausschlaggebend sind die starke Nachfrage nach Gold und Silber, heftige Preisschwankungen und Geschäfte zwischen unterschiedlichen Handelsplätzen.
Rekordumsätze trotz fallender Edelmetallpreise
Im ersten Halbjahr erreichte das tägliche Handelsvolumen am weltweiten Goldmarkt durchschnittlich 488 Mrd. USD. Der World Gold Council, eine von Goldproduzenten getragene Branchenorganisation, errechnete damit das höchste Halbjahresvolumen seiner Datenreihe. Hinter den Umsätzen stehen Anleger, die ihre Bestände absichern, auf kurzfristige Kursgewinne setzen oder ihre Positionen rasch verändern.
Anfang 2026 ließen spekulative Käufe die Preise von Gold und Silber auf Rekordstände steigen. Besonders einträglich war für die Handelsabteilungen der Januar. In der letzten Januarwoche erreichte das durchschnittliche tägliche Goldhandelsvolumen inmitten einer Kurskorrektur sogar 965 Mrd. USD. Inzwischen haben die Preise nachgegeben, liegen aber weiterhin bei mehr als dem Doppelten ihres Niveaus von Anfang 2024.
Für die Preiswende spielte der Krieg im Nahen Osten eine Rolle. Stark gestiegene Energiepreise weckten erneut Erwartungen an eine straffere Geldpolitik. Höhere Zinsen können unverzinsliches Gold für Anleger weniger attraktiv machen, während ein stärkerer USD die Nachfrage dämpft. Im September verlor Gold nach Angaben des World Gold Council 8,5 %, obwohl Anleger weltweit rund zehn Milliarden USD in goldgedeckte Börsenfonds investierten. Gleichzeitig reduzierten Vermögensverwalter ihre Netto-Kaufpositionen an der New Yorker Terminbörse um 84 Tonnen Goldäquivalent.
Asiatische Anleger prägen physische Goldnachfrage
Bei Goldbarren und -münzen legten die Käufe deutlich zu. Im ersten Quartal erwarben Anleger weltweit rund 477 Tonnen, etwa 45 % mehr als ein Jahr zuvor. Allein auf China entfielen rund 207 Tonnen. Wichtige Nachfrageimpulse kamen damit aus Asien, während kurzfristig orientierte Finanzinvestoren die Preisschwankungen an den Terminmärkten verstärkten.
Auch Zentralbanken stockten ihre Goldbestände weiter auf, allerdings in ungleichmäßigem Tempo. Im zweiten Quartal beliefen sich ihre Nettokäufe auf 289 Tonnen. Für das gesamte erste Halbjahr summierten sie sich auf 345 Tonnen, weniger als in jedem ersten Halbjahr seit 2022.
Für die großen Handelsabteilungen eröffnet diese Marktlage mehrere Verdienstmöglichkeiten. Optionen mit kurzer Laufzeit und börsengehandelte Fonds, die Kursbewegungen verstärken, werden genutzt, um von Preisschwankungen zu profitieren. Als sogenannte Market Maker stellen Banken laufend An- und Verkaufspreise bereit und ermöglichen damit den Handel. Sie übernehmen dabei Gegenpositionen und sichern die entstehenden Risiken ab. Geopolitische Konflikte und Handelsstreitigkeiten können die Kursausschläge zusätzlich vergrößern. Entsprechend spielen Energie und Metalle für die Handelsabteilungen großer US-Banken eine zunehmend wichtige Rolle.
Daneben lassen sich Preisunterschiede beim physischen Goldhandel nutzen. Händler können dafür Barren zwischen Handelsplätzen verlagern oder entsprechende Geschäfte gegeneinander absichern. Voraussetzung ist, dass Transport, Versicherung und Finanzierung weniger kosten als der erzielbare Preisvorteil. Solche Geschäfte können erhebliche Erträge bringen, sind allerdings auch mit operativen Risiken verbunden.
Marktführer JPMorgan bekommt mehr Konkurrenz
Die US-Großbank JPMorgan Chase erwirtschaftete nach Bloomberg-Informationen im ersten Halbjahr rund 700 Mio. USD im Edelmetallgeschäft. Die Summe umfasst den Handel sowie Dienstleistungen rund um Gold, Silber und weitere Edelmetalle. Das bisherige Rekordjahr war 2020 mit Einnahmen von etwas mehr als einer Milliarde USD. Hält die gegenwärtige Geschäftsentwicklung an, ist eine neue Bestmarke möglich.
Auch die Deutsche Bank hat ihr Edelmetallgeschäft wieder ausgebaut. Nach Informationen von Bloomberg erzielte sie damit 2026 bislang mehr als 200 Mio. USD. Seit dem 20. März führt der Londoner Branchenverband LBMA die Bank wieder als Market Maker für Kassageschäfte, Termingeschäfte und Optionen. Dadurch hat sie ihre Stellung im professionellen Edelmetallhandel gestärkt.
Mehrere andere Großbanken sollen ebenfalls Erträge in dreistelliger Millionenhöhe erzielt haben. Auch bei Dienstleistungen jenseits des eigentlichen Handels konkurrieren sie inzwischen mit dem langjährigen Marktführer JPMorgan.
Londoner Goldabwicklung weckt Interesse der Banken
London bleibt das wichtigste Handelszentrum für physisches Gold. Wer dort Edelmetalle verwahrt und Transaktionen abwickelt, übernimmt eine wichtige Rolle im Markt. Die meisten Geschäfte laufen über Konten, auf denen Kunden Anspruch auf eine bestimmte Goldmenge haben, jedoch keine konkreten Barren besitzen. Die beteiligten Banken gleichen ihre Forderungen elektronisch aus, sodass das Metall nicht bei jedem Geschäft physisch bewegt werden muss.
Im August wurden laut Londoner Abwicklungsdaten täglich netto durchschnittlich 18,6 Mio. Feinunzen Gold übertragen. Ihr Wert belief sich auf 81,8 Mrd. USD. Diese Nettotransfers unterscheiden sich vom gesamten Handelsumsatz. Für die beteiligten Banken ist die Abwicklung dennoch attraktiv, weil sie dauerhafte Kundenbeziehungen und zusätzliche Dienstleistungen ermöglicht.
Der US-amerikanische Finanzkonzern Citigroup wurde 2026 als erster neuer Abwicklungsteilnehmer seit rund einem Jahrzehnt aufgenommen. Die Mitgliedschaft besteht seit dem 6. Juli und umfasst Gold, Silber, Platin sowie Palladium. Citi ist damit weiteres Clearingmitglied neben den vier Banken, denen das Londoner Abwicklungssystem gehört. Dazu gehören JPMorgan, der Schweizer Bankenkonzern UBS, die britische Großbank HSBC sowie ICBC Standard Bank, eine britische Edelmetallbank mit chinesisch-südafrikanischen Eigentümern. Nach Informationen von Bloomberg streben auch Deutsche Bank und die US-Investmentbank Morgan Stanley einen Zugang an.
Hohe Handelserträge mit riskanter Kehrseite
So einträglich das Geschäft derzeit ist, so schnell können sich seine Bedingungen ändern. Beruhigt sich die Nachfrage oder gleichen sich die Preise zwischen Handelsplätzen an, schrumpfen die Verdienstmöglichkeiten. Bei abrupten Marktbewegungen drohen zudem Verluste aus ungünstigen Handelspositionen, die zuvor erzielte Erträge rasch aufzehren können.
Auf der Konferenz des Branchenverbands London Bullion Market Association in Italien überwog zuletzt dennoch die Zuversicht. Greg Frith, Edelmetallhändler beim internationalen Handelshaus Centalion, berichtete von einem Rekordjahr für sein Unternehmen und zahlreiche Wettbewerber. Zugleich warnte er davor, angesichts der hohen Einnahmen nachlässig zu werden. Auf einem Markt mit derart großen Umsätzen und heftigen Preisschwankungen entscheidet auch das Risikomanagement darüber, wie viel von den Handelsgewinnen bleibt.
