LNG-Lücke treibt Europas Gaspreis so stark wie seit 2023 nicht mehr
Der europäische Gasmarkt erlebt aktuell den stärksten Preisanstieg seit dem Energiekrisenjahr 2023. Innerhalb einer Woche legte der Benchmarkpreis am niederländischen TTF (Title Transfer Facility) um rund 50 % zu – von 32 auf über 50 EUR pro Megawattstunde (MWh). Grund dafür ist die Eskalation des Nahostkonflikts, der nicht nur militärisch, sondern auch wirtschaftlich weitreichende Folgen hat.
LNG-Kollaps aus Katar löst Preissprung aus
Der unmittelbare Auslöser ist ein massiver Angebotsausfall: Katar hat die Verflüssigung von Erdgas in Ras Laffan, der weltweit größten LNG-Anlage, eingestellt. Das Emirat beruft sich auf höhere Gewalt ("force majeure") und informierte seine Abnehmer über die sofortige Lieferunterbrechung. Ras Laffan steht für einen erheblichen Teil des globalen LNG-Angebots. Die gleichzeitige Schließung der Straße von Hormus, durch die etwa 20 % des weltweiten Flüssigerdgases transportiert werden, verschärft die Lage.
Nach Angaben von Oilprice.com gehen rund 85 % der LNG-Lieferungen Katars nach Asien. Europa importiert lediglich etwa 12 % der katarischen Exporte – doch selbst dieser indirekte Anteil reicht aus, um den Markt zu verunsichern. Der Grund: Asien bietet aktuell deutlich höhere Preise für Spotlieferungen, was Händler dazu veranlasst, verfügbare Fracht in Richtung Ostasien umzuleiten.
Europa verliert erneut im globalen Bieterkampf
Diese Entwicklung bringt Europa in eine prekäre Lage. Auch wenn die Heizperiode offiziell am 31. März endet, müssen die Speicher über Frühling und Sommer wieder aufgefüllt werden. Dabei verschärft sich die Konkurrenz mit Asien: Die sogenannten Arbitragepreise – also der Anreiz, LNG dort zu verkaufen, wo die Margen am höchsten sind – sind laut Bloomberg auf dem höchsten Stand seit Ende 2022. Händler folgen dem Geld – und das fließt derzeit gen Asien.
Die Preisspirale ist auch Ausdruck wachsender Nervosität: Die implizite Volatilität der TTF-Futures, also ein Maß für die erwarteten Preisschwankungen, hat sich seit Jahresbeginn vervierfacht und erreicht laut Bloomberg den höchsten Wert seit drei Jahren.
Wiederholt sich das Energiekrisenjahr 2023?
Ob sich die Situation ähnlich dramatisch zuspitzt wie 2023, als Europas Energiepreise explodierten und Industrieproduktion einbrach, ist derzeit offen. Doch die geopolitische Konstellation erinnert in vielem an jene Zeit: ein Krieg im Nahen Osten, unterbrochene Lieferketten, zunehmende Konkurrenz aus Asien. Anders als damals ist Europa heute weniger abhängig von russischem Gas – aber gleichzeitig stärker auf teure Spotmärkte angewiesen.
Ein Händler sagte gegenüber Oilprice.com: "Wenn sich die Situation in der Straße von Hormus nicht rasch entschärft, droht uns ein strukturelles Angebotsproblem im LNG-Bereich." Die nächsten Wochen könnten zeigen, wie krisenfest Europas neue Gasstrategie wirklich ist.

