Warum Gold selbst bei 4900 USD noch längst nicht am Ziel ist
Gold hat am Mittwoch seine Rekordjagd fortgesetzt und dabei erstmals die Marke von 4800 USD je Unze durchbrochen. Der Spotpreis kletterte zeitweise um zwei Prozent auf ein Allzeithoch von 4887,19 USD, bevor er leicht zurückfiel. Erst einen Tag zuvor hatte das Edelmetall die Schwelle von 4700 USD übersprungen. Die Rally beschleunigt sich: Binnen zwölf Monaten hat sich der Goldpreis um 75 Prozent verteuert und damit das beste Jahresergebnis seit 1979 eingefahren. Allein im Jahr 2025 markierte das Metall an mehr als 50 Handelstagen neue Höchststände.
Analysten sehen den Anstieg noch nicht am Ende. GlobalData hat seine Prognosen für Gold und Silber nach oben korrigiert, nachdem beide Metalle die bisherigen Ziele schneller als erwartet erreicht hatten. Die Intelligence-Plattform rechnet nun mit einem weiteren Anstieg von 30 bis 45 Prozent auf 6100 bis 6700 USD je Unze bis zum Jahresende. In einem Szenario mit verschärften Risikoaversionen hält GlobalData sogar Kurse um 7000 USD für möglich.
Greenland-Streit und Japan-Krise befeuern Nachfrage nach sicheren Häfen
Die jüngste Beschleunigung der Goldpreise hat mehrere Auslöser. US-Präsident Donald Trump drohte am Samstag acht europäischen Staaten mit Strafzöllen, nachdem diese seinen Plan abgelehnt hatten, Grönland zu übernehmen. Die angekündigten Abgaben sollen am 1. Februar mit zehn Prozent beginnen und bis zum 1. Juni auf 25 Prozent steigen, falls keine Einigung erzielt wird. Solche Eskalationen schwächen laut GlobalData die Risikobereitschaft und erhöhen die Nachfrage nach Vermögenswerten wie Gold.
Parallel dazu hat eine Krise am japanischen Staatsanleihenmarkt die Nervosität an den globalen Finanzmärkten verschärft. Anfang der Woche brachen die Kurse langlaufender Staatsanleihen weltweit ein, während der Dollar unter Druck geriet, wie Medienberichte schildern. Beobachter befürchten, dass steigende Renditen in Japan Kapital aus anderen Regionen abziehen könnten. Zugleich nähren die Turbulenzen die Sorge um die Haushaltslage großer Volkswirtschaften und treiben Anleger in den sogenannten Debasement-Trade. Dabei meiden Investoren Währungen und Staatsanleihen aus Angst vor einer schleichenden Geldentwertung.
Zentralbanken kaufen weiter und Silber verdoppelt sich möglicherweise
Daniel Ghali von TD Securities sieht in der Rally einen Vertrauensverlust. "Die Goldrally dreht sich um Vertrauen. Bislang ist es gebogen, aber nicht gebrochen. Falls es bricht, wird die Dynamik noch länger anhalten", schrieb der Rohstoffstratege in einer Einschätzung. Goldman Sachs bleibt ebenfalls zuversichtlich. Daan Struyven, Co-Leiter der Rohstoffforschung, erklärte bei einer Medienpräsentation am Mittwoch, dass Gold weiterhin die größte Überzeugung bei der Bank genieße. Er verwies auf anhaltende Käufe durch Zentralbanken und bekräftigte das Basisszenario von 4900 USD je Unze mit Aufwärtsrisiken.
Die Nationalbank Polens, laut Medienberichten der weltweit größte gemeldete Goldkäufer, hat Pläne zum Erwerb weiterer 150 Tonnen gebilligt. Auch die Zentralbank Boliviens hat im Dezember 2025 unter neuen Regelungen ihre Käufe für die Währungsreserven wieder aufgenommen. Laut GlobalData dürfte Gold durch die Rolle als Portfolioabsicherung und anhaltende Safe-Haven-Zuflüsse gestützt bleiben, während sich Anleger durch ein komplexes geopolitisches Umfeld bewegen.
Silber profitiert ebenfalls von der Goldrally und übertraf diese im vergangenen Jahr sogar deutlich. Das weiße Metall verzeichnete 2025 einen Zuwachs von 140 Prozent und erreichte am Dienstag ein Allzeithoch von 95,89 USD je Unze. Am Mittwoch gab Silber allerdings um über ein Prozent nach. GlobalData erwartet für Silber einen Sprung um 87 bis 135 Prozent auf 175 bis 220 USD je Unze bis Jahresende. Ramnivas Mundada, Direktor für Wirtschaftsforschung bei GlobalData, verwies auf die Doppelrolle von Silber als Geld- und Industriemetall. Die Nachfrage aus der Energiewende, insbesondere für Solaranlagen, bleibe ein Hauptpfeiler der strukturellen Angebotsdefizite, während das Angebotswachstum hinter der Nachfrage zurückbleibe.
Volatilität wird hoch bleiben aber Aufwärtstrend gilt als intakt
Analysten rechnen trotz der optimistischen Prognosen mit holprigen Kursbewegungen. Soni Kumari, Rohstoffstrategin bei ANZ, sagte am Mittwoch, ein dreistelliger Silberpreis erscheine angesichts der Dynamik durchaus möglich, doch der Weg dorthin werde nicht geradlinig verlaufen. Korrekturen und erhöhte Volatilität seien wahrscheinlich. Mundada von GlobalData ergänzte, dass Gold zwar weiterhin die erste Absicherung gegen geopolitische Schocks bleibe, Silber aber zunehmend von Safe-Haven-Übertragungen und industrieller Knappheit profitiere. Diese Kombination könne erhebliche Aufwärtsbewegungen ermöglichen, auch wenn der Pfad weniger linear als bei Gold ausfallen dürfte.
Die Richtung der US-Zinsen, der Realrenditen und des Dollars bleibt laut GlobalData entscheidend für die kurzfristige Preisentwicklung. Jede Verschiebung hin zu lockereren Finanzbedingungen oder erneuter Marktstress könnte die Aufwärtsdynamik bei Edelmetallen beschleunigen. In Indien spiegeln sich die höheren Preise bereits wider: Gold liegt dort bei rund 150.000 Indische Rupien je zehn Gramm, Silber über 315.000 Rupien je Kilogramm.

