Saxo Bank und ING sehen Goldrallye noch nicht am Ende

Ole Hansen von der Saxo Bank sieht auf der taktischen Ebene drei Argumente für Gold: Politische Unsicherheit, die Aussicht auf sinkende Zinsen und Goldnachfrage zur Absicherung institutioneller Risiken. Dies teilte er in einer am Dienstag veröffentlichten Notiz mit.
Auch strukturell spreche vieles für das gelbe Edelmetall – insbesondere die Nachfrage der Zentralbanken. Reservemanager hätten in den letzten Jahren ihre Allokationen aus Diversifizierungs- und Sanktionsgründen erhöht und dadurch größere Rückschläge bei ungünstigen Bewegungen von USD und Zinsen verhindert. Gold werde nicht nur als Schutz gegen Inflation, sondern auch zur institutionellen Absicherung gekauft. Diese Käufe reagierten "weniger empfindlich auf monatliche Daten" und seien "stärker an die Wahrnehmung des Regimes gebunden."
Die zuletzt erfolgte Stabilisierung des USD sieht Hansen nicht als Problem. Zwar bedeute ein festerer Dollar für Gold normalerweise Gegenwind. Es gebe jedoch zwei Gegenkräfte: "Erstens bedeutet ein starker Euro höhere Metallpreise in lokaler Währung im Euroraum, was die regionale Investitionsnachfrage stützt. Zweitens hält sich Gold oft besser, wenn die Dollarstärke eher durch Unsicherheit als durch höheres Wachstum getrieben ist, weil der eigentliche Grund für die Nachfrage – die Suche nach Sicherheit – das Metall ebenfalls stützt."
Silber mit höherem Beta
Auch für Silber ist Hansen optimistisch. Das Metall reagiere auf Dollar, Realrenditen und Zinssensitivität ähnlich wie Gold, verfüge aber zusätzlich über eine industrielle Komponente.
"Aktuellen Prognosen zufolge wird der Markt in diesem Jahr erneut ein deutliches Defizit aufweisen, auch wenn sich die Lücke gegenüber dem Vorjahr verringert. Dieses strukturelle Defizit hat wiederholt die Tiefe und Dauer von Rückgängen begrenzt, wenn der Dollar fester wurde oder Zinssenkungen nachließen", so Hansen.
Er verweist auf das höhere Beta des Metalls. An Tagen mit unterstützenden makroökonomischen Daten schneidet Silber besser ab; an risikoarmen Tagen gebe es dagegen stärker nach, finde aber tendenziell Käufer "in der Nähe von gut beobachteten Unterstützungszonen, insbesondere nach dem Durchbruch über eine vorherige Widerstandszone knapp unter 35 USD im Juni."
Silber notiert aktuell bei gut 38 USD. Die Marke von 40 USD gilt als psychologisch bedeutend. Ein nachhaltiges Überschreiten könnte weitere Dynamik entfachen, ein dauerhaftes Scheitern an der Marke aber auch zu einer Marktumkehr führen.
Bearishes Szenario für Gold und Silber derzeit nicht in Sicht
Ein bearishes Szenario sieht Hansen derzeit nur unter mehreren Bedingungen. So müssten Gerichte die Entlassung von Fed-Gouverneurin Lisa Cook zurückweisen und sich damit in einer entscheidenden Frage zum Einfluss des US-Präsidenten auf die Notenbank klar für die Unabhängigkeit der Fed positionieren.
Zudem seien Inflationsdaten, "die Zinssenkungsspekulationen stoppen und die Realrenditen deutlich erhöhen, ohne die Risikoanlagen zu beeinträchtigen" und eine "sichtbare Drosselung der Zentralbankkäufe" für ein Baisse-Szenario notwendig.
Auch andere Analysten äußerten sich in den letzten Tagen optimistisch. Warren Patterson und Ewa Manthey von ING etwa schrieben am Montag im Commodity Feed im Hinblick auf die vielbeachtete Rede von Fed-Chef Jerome Powell in der Vorwoche: "Da die Spekulationen um eine Zinssenkung in den USA nach Powells Rede zunahmen, könnte Gold ein neues Rekordhoch erreichen."
Technisch befindet sich der Goldpreis seit Monaten in einer Konsolidierungsphase, nachdem Mitte April das Rekordhoch von 3.500 USD erreicht worden war. Seitdem bewegt sich der Markt seitwärts in einer zunehmend enger werdenden Spanne. Ein Ausbruch aus der Konsolidierung nach oben würde aus technischer Sicht für eine Fortsetzung des im ersten Quartal 2024 eingeschlagenen Aufwärtstrends sprechen. Umgekehrt könnte ein Ausbruch nach unten eine Trendumkehr einleiten.