Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser,

auf den ersten Blick scheint die Entwicklung des Goldpreises am Futuremarkt höchst unspektakulär zu sein. Erneut wurde die US$1.200-Marke unterschritten, obwohl Gold angesichts der geopolitischen Spannungen und dem angeblich drohenden Grexit eigentlich als sicherer Hafen gesucht sein sollte. Es könnte sogar sein, dass sich aus charttechnischer Sicht eine breite Schulter-Kopf-Schulter-Formation (SKS) vollendet. Ein signifikanter Einbruch könnte die Folge sein.

Gold 16.05.2015

Die Zinswende ist schon im vollen Gang

Ich bleibe bei meiner Einschätzung: Die wichtigsten preisbildenden Faktoren am Futuremarkt für Gold sind nicht die physische Nachfrage oder die Produktionsraten der Minen, sondern die Kombination aus Zinsentwicklung, Dollarkurs und Absicherungen gegen Marktturbulenzen. Aus dieser Perspektive erscheint mir der Goldpreis als überraschend stabil. Der US-Dollarindex ist zwar aus technischer Sicht angeschlagen, aber immer noch auf hohem Niveau. Besonders interessant ist aber die Zinsentwicklung. Während sich die Finanzwelt fragt, wann das Fed die Zinswende einleiten wird, scheint diese bereits eingesetzt zu haben.

UST10Y

Die Renditen der 10jährigen US-Staatsanleihen steigen seit Anfang des Jahres und haben mittlerweile ihren Abwärtstrend verlassen. Wer kauft schon Anleihen, die nur Mini-Zinsen abwerfen, wenn das Fed demnächst die Zinsen anhebt? Also werden die Anleihen verkauft, ihre Kurse sinken und die Zinsen steigen. Dieser Ausverkauf geht umso schneller vor sich, je mehr Anleger in ähnlicher Weise agieren. Jahrelang wurden die Anleger durch die Geldpolitik des Fed in eine Richtung gedrängt. Nun könnte der Schwarm schlagartig die Richtung ändern. Auf diesem Hintergrund ist es besonders brisant, dass PIMCO, einer der größten Anleihehändler der Welt, im Mai massenhaft US-Staatsanleihen verkauft hat. Bill Gross, nun Bondhändler bei Janus Capital, erklärte vor vier Tagen, er erkenne bei den Renditen der 10-jährigen US-Anleihen eine inverse SKS-Formation, die auf weiter steigende Zinsen und fallende Kurse hindeute.

PIMCO und Janus Capital setzen offensichtlich auf eine Zinswende des Fed, obwohl die sich abschwächende US-Konjunktur diese eigentlich nicht zulässt. Die beiden sehen vermutlich folgende Indizien: Das Fed selbst hat in seinen Statements in diesem Jahr immer wieder betont, die konjunkturelle Abschwächung sei überwiegend von temporären Sonderfaktoren verursacht. Als die Zweifel am konjunkturellen Aufschwung dennoch zunahmen, präsentierte das Fed San Francisco eine neue Berechnungsmethode für das BIP, durch die aus der Schrumpfung sogar ein deutliches Wachstum hervorging. Und schließlich sind die letzten US-Arbeitsmarktdaten wie zur Bestätigung des neuen San Francisco-Modells sehr viel stärker als erwartet ausgefallen. Es ist für die Anleger unerheblich, wie stark die US-Wirtschaft tatsächlich ist. Wesentlich ist, ob das Fed den Leitzins anhebt. Es mag noch immer Anleger geben, die nicht an eine baldige Zinswende glauben. Aber es ist denkbar, dass sich die Herde von den Alpha-Tieren PIMCO und Bill Gross dennoch zum Verkauf von Anleihen verleiten lässt und so einen Zinsschock auslöst, noch bevor das Fed die Zinswende einleitet.

US 10YR Yields

Inverse SKS-Formation bei den Renditen für 10jährige US-Staatsanleihen – Quelle: MarketWatch.

Zinsschock könnte Goldrallye auslösen

Ausgerechnet dieses Szenario, das eigentlich gegen den Kauf von Gold spricht, könnte die Fortsetzung der Goldrallye auslösen. Werden massenhaft Anleihen verkauft und steigen die Zinsen abrupt an, hätte das einen negativen Einfluss auf eine andere große Assetklasse: Aktien. Viele Spekulanten haben über billige und kurzfristige Kredite massiv gehebelt auf steigende Aktienkurse gesetzt. Ein Zinsschock kann diese Zocker dazu veranlassen, ihre Aktienpositionen schlagartig aufzulösen. Bricht der Aktienmarkt ein und werden dabei die StopLoss-Limits eher konservativer Anleger ausgelöst, kann Panik am Aktienmarkt ausbrechen. Und genau davon könnte Gold als sicherer Hafen, trotz steigendem Dollar und steigender Zinsen, profitieren.

Und jetzt wird es sehr spannend: Was passiert, wenn Anleihen und Aktien gleichzeitig massenhaft verkauft werden? Wenn die Zinsen steigen und damit sowohl Kredite in der Realwirtschaft platzen als auch Staatsschulden nicht mehr gegenfinanziert werden können? Richtig: Das Fed wird gegensteuern. Eine Zinssenkung von 0,50 wieder zurück auf 0,25-0 Prozent wird dann kaum ausreichen. Vermutlich wird die Notenbank ein gewaltiges QE5 auflegen.

In diesem Fall könnte der Goldpreis durch die Decke gehen: Die Zinsen fallen wieder und der US-Dollarindex bricht ein, weil deutlich wird, dass das Fed seine Geldpolitik nicht mehr normalisieren kann. Genau diese Überlegungen könnten es sein, die den Goldpreis im Moment noch stabilisieren.

Warten wir ab, was Janet Yellen am Mittwoch ab 20:00 Uhr zu erzählen hat. Meine Prognose: Sie wird eine baldige Zinswende plausibilisieren. In diesem Fall dürfen wir sehr gespannt sein, wie die Bondmärkte und damit auch der Goldprei reagieren werden!