Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser,

die US-Jobdaten vom letzten Freitag haben nicht nur den amerikanischen Aktienmärkten zugesetzt, sondern vor allem auch dem Goldpreis. Als die Nachricht über die Ticker ging, die Arbeitslosenquote sei von 5,7 auf 5,5 Prozent gefallen und es seien 295.000 neue Jobs außerhalb der Landwirtschaft entstanden, 55.000 mehr als von den Experten erwartet, fiel der S&P 500 um ca. 1,5 Prozent, während der Goldpreis sogar in einem Rutsch um 2,5 Prozent nachgab und auch heute wieder unter Druck steht. Gleichzeitig schossen sowohl der US-Dollar-Index als auch die Renditen für US-Staatsanleihen in die Höhe. Genau diese Bewegung war es, die am Futuremarkt für Gold für schlechte Stimmung sorgen.

USD 10.03.2015

Damit wurde in den Köpfen der Anleger eine planmäßige Zinswende zur Mitte des Jahres wieder plausibler. Die US-Wirtschaft läuft eben doch rund und alle Kritiker dieses Aufschwungs liegen falsch. Das jedenfalls ist die Fantasie am Markt. Aber stimmt diese Vorstellung mit der Realität überein? Man muss hinter den Arbeitsmarktbericht ein dickes Fragezeichen machen. Allein im Energiesektor sind nach Angaben von Challenger, Gray & Christmas in den ersten beiden Monaten ca. 40.000 Jobs weggefallen. Die staatliche Statistik geht aber von nur 2.900 verlorenen Jobs aus.

Werfen wir einen Blick auf den ISM-Manufacturing Index. Sein Sub-Index für die Beschäftigung ist im Februar auf 51,4 Zähler gefallen, 2,7 Punkte unter den Wert vom Januar und damit auf den niedrigsten Wert seit Juni 2013.

FRED 10.03.2015

Und weiter: Der US-Dollar steigt und die Exportwirtschaft leidet. Seit Oktober 2014 sind die Exporte von US$198,7 Mrd. auf US$189,4 Mrd. im Februar gesunken. Gleichzeitig sind aber auch die Importraten gesunken.

International Trade 10.03.2015

Richten wir den Blick auf den Immobiliensektor, einen der größten Arbeitsplatzbeschaffer. Die Neubaubeginne sinken ebenso wie die Bauausgaben.

Construction Spending 10.03.2015

Beim Einzelhandel sieht es ebenfalls nicht besser aus. Die Umsätze sind um Januar um 0,9 Prozent gefallen, im Februar um 0,8 Prozent. Wer schafft in einem solchen Umfeld neue Jobs? Die Antwort: Im Februar wurden fast 60.000 Kellner- und Barjobs geschaffen, so viel wie seit 18 Monaten nicht. Großartig, oder? Der folgende Chart ist sehr interessant. Immer dann, wenn der S&P 500 ein neues 52-Monatshoch erklommen hat und die Arbeitslosenquote gleichzeitig auf ein Sechsjahrestief fiel, die Anleger sich also im Optimismus badeten, weil die Konjunktur so prächtig lief, folgte wenig später der „überraschende“ Einbruch. Das war 1969 so, das war Ende der 1980er so, Ende der 1990 und 2007. Exakt diese Konstellation haben wir im Moment wieder erreicht.

USA 01 10.03.2015

Quelle: Zerohedge

Alan Greenspan zeichnet ein ernüchterndes Bild vom Zustand der US-Wirtschaft. Gegenüber CNBC behauptete er am 27.02. sogar, die Konjunktur laufe „außergewöhnlich schwach“, ihr Zustand erinnere ihn an die Endphase der Großen Depression. Er glaube zwar nicht, dass die gegenwärtige Situation so schlimm sei wie damals. Aber sie sei die Schlimmste seither. Der ehemals mächtigste Notenbanker der Welt beklagt vor allem die nachlassende Produktivität der US-Industrie, die durch die mangelnde Investitionsbereitschaft der Unternehmen verursacht werde. Wenn die Unternehmen lieber die Aktien ihrer Unternehmen zurückkaufen als in die Zukunft zu investieren, wie sollen sie dann neue Arbeitsplätze schaffen? Warum sollten die Löhne steigen? Und woher soll die Kaufkraft kommen, um den Konsum, der ca. 70 Prozent des US-BIPs ausmacht, anzuschieben? Nimmt man dieses Gesamtbild in den Blick, erscheint die baldige Zinswende des Fed als völlig utopisch.

AG 10.03.2015

Die Märkte sind sich absolut sicher: Der S&P 500 wird noch lange Zeit steigen. Darauf deutet der VIX hin, das Angstbarometer des Leitindex. Es ist außerdem völlig eindeutig, dass der US-Dollar weiter steigen wird, denn hier ist alle Welt long. Und selbstverständlich ist in einem Umfeld, in dem die „Normalisierung“ der Geldpolitik bevorsteht, Gold vollkommen uninteressant. Wir sehen es am Futurepreis. Nein, ich denke, Alan Greenspan hat recht: Die Zinswende des Fed wird „signifikante Auswirkungen“ auf die Märkte haben. Die Ruhe an den Märkten ist geradezu bizarr. Man steigt nicht einfach so aus dem größten geldpolitischen Experiment aller Zeiten aus und alles läuft einfach so weiter, nur weil die Notenbanker früh genug gewarnt haben. Ich glaube, es wird beim US-Dollar und bei den Aktien mit großer Wahrscheinlichkeit bis zum Juni oder Juli eine böse Überraschung geben. Und umgekehrt wird es wahrscheinlich bei Gold eine sehr positive Überraschung geben.

Gold 10.03.2015

Ihr Thomas Rausch

Offenlegung gemäß §34b WpHG wegen möglicher Interessenkonflikte: Der Autor ist in den besprochenen Wertpapieren bzw. Basiswerten zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Analyse nicht investiert.

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