Seit Monaten geht ein Schreckgespenst auf den Finanzmärkten um, das Edelmetallbesitzer in Atem hält – immer, wenn sich der Offenmarktausschuss der US-Notenbank Fed zu seiner nächsten Sitzung trifft, war von einer Reduzierung der geldpolitischen Lockerungen die Rede. Bislang kaufte die Fed monatlich Anleihen im Wert von bis zu 85 Milliarden US-Dollar – und ein Rückgang dieser Summe wird als Vorbote für steigende Zinsen und damit auch ein Ende von Gold als „sicherem Hafen“ verstanden.

Am heutigen Abend ist es wieder soweit – und tatsächlich wird ein „tapering“, wie die Rücknahme der geldpolitischen Lockerungen im Fachjargon genannt wird, immer wahrscheinlicher. Doch wird Gold weiter abstürzen, wenn die Fed sich zu diesem Schritt entscheidet? Fast alle Marktbeobachter sind sich einig: Nein. „Die Fed muss nun das Tapering beginnen und für Klarheit sorgen. Denn nicht das Tapering ist das Schlimme, sondern die Unsicherheit, wann und wie es beginnt“, sagte beispielsweise der Marktstratege Robert Halver von der Baader Bank gegenüber der ARD. Er ist sich sicher, dass eine Zinswende auf lange Sicht nicht bevorsteht – immerhin setzen andere Notenbanken wie die Bank of Japan und die Europäische Zentralbank weiter auf Niedrigzinsen.

Auch Thomas Amend von der Investmentbank HSBC machte jüngst in einem Interview mit dem „Deutschen Anleger Fernsehen“ klar, dass die Wahrscheinlichkeit für ein Handeln der FED steigt – zwar gäbe es schwächere Konjunkturdaten aus den USA, zuletzt ist das Konsumentenvertrauen deutlich zurück gegangen. Dennoch geht Amend davon aus, dass eine leichte Rückführung auf 70 Milliarden US-Dollar pro Monat angekündigt wird. Er macht allerdings auch deutlich, dass dies kein Signal für den Beginn einer schnellen Zinswende sein kann und dass Fed-Präsident Bernanke den Märkten nicht signalisieren kann, dass ein Zinsanstieg bevorsteht. „Ein Zinsanstieg ist nicht gewünscht“, macht Amend klar. Wer eine mögliche FED-Entscheidung daher als große Wende auf den Finanzmärkten versteht, erliegt einem fatalen Irrtum – zumal die Favoritin für die Nachfolge von Ben Bernanke, die Vize-Gouverneurin Janet Yellen, in der Tradition des lockeren Geldes steht und hier keinen großen Richtungswechsel vollziehen dürfte.

Derzeit gehen die meisten Analysten davon aus, dass ein Rückgang der monatlichen Anleihekäufe von zurzeit 85 Milliarden US-Dollar auf 60 bis 65 Milliarden US-Dollar bevorsteht. In den USA ist inzwischen von einer deutlich geringeren Rücknahme die Rede, dort mehren sich die Stimmen, die von einer Fortsetzung der geldpolitischen Lockerungen im Umfang von 70 Milliarden US-Dollar ausgehen. Außerdem stimmen die meisten Händler überein, dass das „tapering“ die Edelmetalle nicht noch stärker in Schwierigkeiten bringen wird – immerhin wird der Schritt seit Monaten erwartet und war absehbar. Die Barclays-Bank hat in einer Befragung von fast 800 Investoren festgestellt, dass 64 Prozent der Befragten einen Beginn des „tapering“ in dieser Woche erwarten. „Mehr als 50 Prozent der Anleger erwarten keine oder nur eine geringe Reaktion auf den Märkten, was darauf hindeutet, dass es weitgehend eingepreist ist“, sagte Barclays.

Auch bei pro aurum wird erwartet, dass ein solcher Schritt den Goldpreis nicht weiter in die Knie zwingt: „Durch das Gerede der letzten Wochen ist das Tapering bereits eingepreist, solange nicht mehr als 15 Milliarden US-Dollar gekürzt werden. Jeder Betrag unter 15 Milliarden US-Dollar dürfte eher für Überraschungen beim Goldpreis auf der Oberseite sorgen“, erklärt Robert Hartmann, Geschäftsführer von pro aurum. Der langjährige Marktbeobachter und Edelmetallhändler erwartet einen heißen Herbst auf dem Goldmarkt. Robert Hartmann weist darauf hin, dass die Lagerbestände an der Comex seit Monaten immer mehr abnehmen. „Wir haben dort mehr als 50 Ansprüche auf jede Unze Gold, die dort eingelagert wird. Zudem ist Gold wieder in Backwardation, was auf eine extrem hohe Nachfrage schließen lässt“, macht Hartmann deutlich.