In der Tradition des japanischen Nō-Theaters führen die politischen Protagonisten in Tokio derzeit ein Stück aus dem klassischen Themenbereich, das 'Drama vom Wahnsinn', auf. Es geht um das öffentliche Eingeständnis, dass die japanische Wirtschafts- und Geldpolitik der letzten zwei Jahrzehnte gescheitert ist. Die Weltrekordverschuldung des Staates in Höhe von fast 250% des Bruttoinlandsproduktes (BIP), in den letzten 20 Jahren durch wahnwitzige Ausgabenprogramme entstanden, konnte das Verharren in der wirtschaftlichen Stagnation nicht verhindern. Doch statt Sparprogramme zum Schuldenabbau wie in Europa werden nun in Japan noch größere Stimulusprogramme aufgelegt. Nach dem Motto: Mehr hilft mehr.

Dabei ist diese Annahme bereits empirisch widerlegt. Die Aufblähung der Geldmenge der letzten zwanzig Jahre half nicht gegen Stagnation und Deflation in Japan. Die billigen Yens überschwemmten stattdessen via Carry-Trade die internationalen Finanz- und Rohstoffmärkte sowie den australischen Kontinent. Auch die Trillionen schweren Infrastrukturprogramme halfen jeweils nur temporär und hinterließen neben Betonwüsten riesige Haushaltslöcher.

Auch jetzt ist das Geld für Konjunkturstimuli schlicht nicht im Staatssäckel vorhanden. Daher wird im April gleich noch der Notenbankchef ausgetauscht, damit die Finanzierung via Notenpresse gesichert ist. Der Schuldenstand spielt ab sofort keine Rolle mehr. Japan braucht Wachstum – koste es was es wolle.

Das „Land des Lächelns“ lässt damit als erste bedeutende Volkswirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg die Maske der Seriosität endgültig fallen und offenbart eine desillusionierte Fratze, die zum Erschrecken Aller Tabus sichtbar werden lässt: Sparen ist Illusion, Wachstum gibt es nur noch aus der Notenpresse und eine stabile Währung ist im Interesse der internationalen Wettbewerbsfähigkeit unerwünscht.

Bisher war das Aussprechen derartiger Wahrheiten im Politikbetrieb der Industriestaaten absolut verpönt. Im Übrigen: Wir reden hier nicht über einen Drittweltstaat, sondern über die nach den USA und China drittgrößte Volkswirtschaft der Welt.

Quelle: Thomson Reuters | Grafik: VSP AG (Daten bis 13. Februar 2013)

Mittlerweile ist die Ausrichtung der japanischen Währungspolitik hin zu einer noch aggressiven Geldpolitik einhergehend mit bewusster Yen-Abwertung Gegenstand heftiger Diskussionen zwischen Politikern und Zentralbankern weltweit. Weder die Amerikaner noch die Europäer können ein Yen-Dumping gebrauchen, bei dem sich Japan zu Lasten der anderen Währungsräume Wettbewerbsvorteile verschafft.

Niemand hat momentan Wachstum zu verschenken, schon gar nicht die immer tiefer in die Rezession abgleitende Eurozone. Doch ausgerechnet gegenüber dem Euro fiel die Yen-Abwertung besonders stark aus – ca. 30% innerhalb von nur 7 Monaten.

Quelle: Thomson Reuters | Grafik: VSP AG (Daten bis 13. Februar 2013)

Die Aufwertung des Euro verschlechtert die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Produkte auf dem Weltmarkt und auch auf dem europäischen Binnenmarkt. So werden z.B. japanische PKW oder Baumaschinen in der Eurozone nun auf einen Schlag deutlich billiger, zum Schaden der angeschlagenen Volkswirtschaften Europas.

Daher war es wenig verwunderlich, dass auf Drängen des französischen Staatspräsidenten François Hollande das Thema sogar auf dem kürzlich in Moskau stattgefundenen G20-Gipfel intensiv diskutiert wurde. Außer schwammigen Absichtserklärungen kam allerdings nichts Greifbares dabei heraus. Man konnte sich nicht auf einen gemeinsamen Standpunkt einigen. Zu gegenläufig sind die Interessen der Währungsblöcke, weshalb einige Marktbeobachter bereits vor einem sich anbahnenden Währungskrieg bzw. Abwertungswettlauf warnen.

Dass die Japaner sich umstimmen lassen und von ihrer Strategie des Währungsdumpings ablassen, ist eher unwahrscheinlich, wie ein Kommentar des dem japanischen Premierministers Shinzō Abe sehr nahe stehenden Politikers Kozo Yamamote nach dem G20-Meeting offenbart. Demnach ist die konservative Regierung in Tokio sogar der Meinung, dass ein weltweiter Währungsabwertungswettlauf das globale Wachstum ankurbeln würde. Damit ist eine Überflutung der Weltwirtschaft mit frischem Geld gemeint, der bekanntlich auch die US-Amerikaner nicht gänzlich abgeneigt gegenüberstehen.

In den USA, die in Bezug auf die Gesamtverschuldung ebenfalls längst bankrott sind, vernebelt man die lebenserhaltenden 'Geldspritzen aus der Notenpresse' momentan noch verharmlosend mit dem technisch klingenden Begriff „Quantitative Easing Programs“. Dabei tut man in Washington genau das, wofür Shinzō Abe als Währungskrieger („Currency Samurai“) tituliert wird: Man bezahlt die viel zu hohen Rechnungen mit der digitalen Notenpresse.

Quelle: Thomson Reuters | Grafik: VSP AG (Daten bis 13. Februar 2013)

In der Geschichte des modernen Währungssystems seit 1973 waren die Vertreter der großen Währungsräume offiziell immer an einem stabilen Außenwert interessiert, selbst die US-Amerikaner.

Mit Japan schert nun ein großer Währungsraum öffentlich aus diesem Konsens aus. Rekordverschuldung und Rezession halten Japan seit Beginn der 90iger Jahre im Würgegriff. Alle bisherigen Maßnahmen gegen die Folgen der geplatzten Immobilienblase und des bankrotten Bankensystems fruchteten nicht. Es bleiben nur zwei Auswege: Staatsbankrott oder Inflationierung. Also besinnt man sich nun auf die politisch zu präferierende Maßnahme, die Japan bereits in den 30iger Jahren des letzten Jahrhunderts vorübergehend aus der Depression befreite.

Damals, 1932, beschloss die Regierung ein Notprogramm zur Wirtschaftsankurbelung und erhöhte die Staatsausgaben auf einen Schlag um 34%. Auch die Rüstungsindustrie kam in den Genuss erhöhter Ausgaben, was sich für die Regierung jedoch noch mehrfach rächen sollte.

Finanziert wurde das Konjunkturprogramm auf Pump. Der damalige Finanzminister Korekiyo Takahashi zwang die japanische Zentralbank (Bank of Japan), die finanziellen Mittel durch den Aufkauf von 89,6% aller 1933 ausgegebenen japanischen Staatsanleihen bereitzustellen. Die Zentralbank hatte damals wie heute gegen den politischen Druck keine Chance und druckte das Geld.

Die Operation gelang zunächst – die japanische Wirtschaft erholte sich und überwand die Deflation. Für den Finanzminister Korekiyo Takahashi ging das Vabanque-Spiel mit der Notenpresse aber tödlich aus. Er machte sich Feinde beim Militär, als er den berühmten „Exit“ aus der lockeren Geldpolitik versuchte und das Staatsbudget wieder drosseln wollte. Takahashi fiel 1936 einem Mordanschlag zum Opfer.

Erst der Zweite Weltkrieg, mit seinen für Japan bekannten schrecklichen Folgen, beendete das monetäre und politische Abenteuer. Die damalige Stimulusaktion, die vergleichbar übrigens auch im Deutschland der 30iger Jahre ablief, findet einen großen Bewunderer in dem heutigen Chef der US-Notenbank Ben Bernanke. Am 31. Mai 2003 sagte er bei einer Rede vor der Society of Monetary Economics in Tokio wörtlich: „Korekiyo Takahashi brilliantly rescued Japan from the Great Depression through reflationary policies.” (“Korekiyo Takahashi hat Japan auf brillante Art und Weise durch eine Politik der Reflationierung vor der großen Depression gerettet.”) Mit ihrem monatlichen Anleihekaufprogramm in Höhe von 85 Mrd. US-Dollar geht die US-Notenbank bekanntlich einen ähnlichen Weg wie die Japaner in Sachen Konjunkturstimulus, wenn auch noch ohne offenes Währungsdumping. Verdeckt findet dieses aber bereits über negative Realzinsen und weitere massive staatliche Aufschuldung statt.

Damit zeigt sich auch die Krux der japanischen Strategie. Heute sind die Probleme Japans in allen entwickelten Volkswirtschaften gleichzeitig existent: Überschuldung, Wachstumsschwäche, hohe Arbeitslosigkeit und Alterung der Bevölkerung. Gewinnen kann bei einem Abwertungsablauf also immer nur der Schnellste und das auch nur temporär, bis die anderen Währungsblöcke mit dem verstärkten Einsatz ihrer Notenpressen nachziehen. Dauerhaften Abwertungsspielraum zwischen den sogenannten Hauptwährungen (US-Dollar, Euro, Yen, Pfund, Yuan) gibt es daher kaum.

Als Nebeneffekt der nun begonnenen gegenseitigen Abwertungsbemühungen wird die Kaufkraft aller Papierwährungen durch Aufblähung der globalen Geldmenge gegenüber der globalen Gütermenge geschwächt. Gewinner sind hingegen die Halter von Realkapital und Edelmetallwährungen.

Quelle: Thomson Reuters | Grafik: VSP AG (Daten bis 13. Februar 2013)

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die anderen Währungsblöcke, allen voran Europa, Abwehrmaßnahmen ergreifen, also ihrerseits durch Zinssenkungen, Offenmarktgeschäfte und Verbalinterventionen versuchen, die eigene Währung zu schwächen.

Noch leisten vor allem die deutschen Mitglieder im EZB-Rat dagegen Widerstand. Doch sobald das Wohl und Wehe der Eurozone mal wieder zur Disposition steht, wird auch der Außenwert der Gemeinschaftswährung auf dem Altar der Eurogläubigen geopfert werden. Europa wird gerettet – koste es was es wolle.

Als Schutz vor dieser Politik des Wahnsinns eignet sich alles, was real und knapp ist. Das kann von einer guten Flasche Rotwein über einen schicken Oldtimer bis hin zur soliden Unternehmensbeteiligung alles sein – Hauptsache: kein Eurobargeld oder Staatsanleihen.

Im Währungsbereich drängt sich eine Alternative förmlich auf: Die Weltleitwährung der Zukunft – Gold.