Obwohl sich in China, dem weltweit mit Abstand wichtigsten Konsumenten und Produzenten von Stahl, eine Wirtschaftserholung abzeichnet, bleiben viele Analysten für die Eisenerzpreise auf längere Sicht pessimistisch gestimmt. Auf den ersten Blick mag dies ein Widerspruch sein. Eisenerz als einer der Ausgangsstoffe für die Stahlproduktion ist ein üblicherweise sehr zyklischer Rohstoff, dessen Preis wesentlich vom Konjunkturverlauf abhängen müsste. Doch ganz so einfach ist es nicht.

Die Eisenerzpreise werden immer wieder von Faktoren außerhalb Chinas negativ beeinflusst. Einer der Negativfaktoren ist der schwache Automobilmarkt in Europa. Zwar rechnet der Daimler-Konzern im laufenden Jahr mit einem Wachstum des PKW-Marktes von 2 bis 4 Prozent, doch dahinter soll vor allem China stecken, was dem Eisenerzpreis daher wenig hilft. Von Europa erwartet der Autobauer keine Impulse, Japan könnte gar eine Belastung für den Weltmarkt werden.

Und auch in China muss man einen Blick hinter die vordergründigen Kulissen von Angebot und Nachfrage werfen, um die längerfristig pessimistischen Ausblicke für den Eisenerzpreis zu verstehen. Statistischen Daten zufolge waren die chinesischen Eisenerz-Lagerbestände zuletzt so niedrig wie seit 2010 nicht mehr. Zudem wurde die heimische chinesische Eisenerzförderung durch einen kalten Winter gedrosselt. Wenn die Asiaten ihre Lagerbestände aufstocken wollen, müssen sie daher verstärkt auf Material aus Übersee zurückgreifen – vor allem Australien und Brasilien als wichtigste Lieferanten sind die Profiteure hiervon.

Vor dem Hintergrund der Bestandsaufstockungen erwarten Experten zunächst einen Preisanstieg für das Eisenerz. Westpac Banking nennt für die kommenden Wochen 170 Dollar für die metrische Tonne als mögliches Preisziel, das wären noch einmal rund 10 Prozent mehr als zuletzt. Preistreibend hatten sich bislang chinesische Importe, aber auch knappe Kapazitäten für den Transport des Rohstoffes ausgewirkt. Doch spätestens in der zweiten Jahreshälfte soll der Preis dann deutlich abkippen. Ende 2013 solle die Tonne Eisenerz nur noch 110 Dollar kosten, glaubt Westpac-Experte Justin Smirk, womit die negativen Preisprognosen zum Tragen kämen.

Hinter dem erwarteten Preiseinbruch stehen vor allem drei Faktoren. Zum einen wird die Nachfrage nach Eisenerz sich wieder beruhigen, wenn die chinesischen Händler und Stahlproduzenten ihre Vorräte erst einmal wieder aufgefüllt haben. Das kann eine Zeit dauern, wird aber anschließend vor allem das Volumen der Eisenerzimporte nach China belasten. Chinesische Eisenerzkonsumenten dürften angesichts des Preisanstiegs verstärkt auf günstigeres Material aus dem eigenen Land zurückgreifen. Zudem dürften angesichts der steigenden Eisenerzpreise auch die heimischen Produzenten in dem asiatischen Land ihren Ausstoß erhöhen. Da der Winter selbst in China einmal zu Ende geht, fällt eine starke Behinderung der Eisenerzförderung in den kommenden Monaten nach und nach weg. Das erhöht die Angebotsmengen und bringt zugleich schlechtere Aussichten für den Eisenerzpreis. Ob und wie weit dieser im Jahresverlauf 2013 tatsächlich fällt, bleibt abzuwarten.