Der Goldmarkt stellt Investoren bei der Analyse vor große Herausforderungen. Zum Beispiel ist die enorme Differenz in der Nachfrage nach physischem Gold aus Asien schwer zu erklären, während zugleich eine Flucht vieler institutioneller Anleger aus ETFs und gleichzeitig massive Short-Attacke gegen das Edelmetall am Terminmarkt stattfanden. Der deutliche Kursverlust der Feinunze seit dem Hoch aus dem Jahr 2011 sollte zudem, so glaubten viele, zu einer sinkenden Goldproduktion bei den Bergwerksbetreibern führen – doch weit gefehlt.

Einerseits ist diese Einschätzung aus einer typisch wissenschaftlichen Sicht zur Funktion eines Marktes logisch geschlussfolgert. Ein geringerer Preis sorgt demnach für eine Verknappung des Angebots und eine steigende Nachfrage. Während das mit der Nachfrage zumindest unter anderem in Asien bestens zutrifft, irrt die wissenschaftliche Theorie bei der Goldförderung gewaltig. Hier gibt es keine massive Angebotsverknappung seitens der Bergwerksunternehmen.

Man kann sich nun natürlich ausführlich darüber streiten, ob in dem Mechanismus von Preis, Angebot und Nachfrage etwas anders läuft als die Wissenschaft vermutet und propagiert wird. Tatsächlich aber muss man dabei beachten, dass das Bergwerksbusiness mit enorm langfristigen Zeithorizonten arbeitet. Gruben, die heute in Betrieb gehen, basieren auf Jahre zurückliegenden Studien und Investitionsentscheidungen. Diese „time laps“ gilt es zu beachten, wenn man die Auswirkung von Preisveränderungen auf das Angebot am Markt, in diesem Fall auf den Goldmarkt, analysiert.

Hinzu kommt seit einiger Zeit der Druck von Aktionären und Investoren auf die Bergwerksbetreiber, bessere Finanzkennzahlen abzuliefern – unter anderem beim Cashflow. Die sinkenden Marktpreise für das Edelmetall haben diesen Druck deutlich verschärft. In den Chefetagen der Konzerne greift man da gerne zu Tricks. So wird zum Beispiel höhergradiges Erzmaterial in den Bergwerken abgebaut. Auf diesem Weg lassen sich Umsatz und Ergebnis noch einigermaßen erträglich gestalten. Zudem sinken die Produktionskosten je Feinunze Gold beim Abbau höhergradiger Vererzungen, was sich positiv auf den Cashflow auswirkt. Das wiederum stützt die Aktienkurse ein wenig, ohne natürlich Verluste gänzlich zu verhindern. Die Kehrseite der Medaille ist dabei, dass diese Erze nur einmal abgebaut werden können, damit für zukünftige Produktionen entfallen. Entsprechend negative Auswirkungen kann dies auf zukünftige Umsatzzahlen oder auf die Lebensdauer des Minenprojektes haben.

Branchenexperten wie Lawrence Williams rechnen aufgrund dieser Besonderheiten kurzfristig nicht damit, dass sich das Goldangebot aus Bergwerken aufgrund des Preissturzes in absehbarer Zeit verknappt – und das, obwohl eine Vielzahl von Gruben derzeit die Kosten nicht oder nur gerade eben so wird decken können. Wer von dieser Seite zunehmende Unterstützung für den Goldpreis erwartet, der dürfte enttäuscht werden. Behält Williams Recht, so wäre letztlich erst bei einer mehrjährigen Phase schwacher Goldpreise mit einer deutlichen Angebotsverknappung von Seiten der Minenbetreiber zu rechnen. So weit ist der Goldmarkt aber noch lange nicht.

Ob es überhaupt zu einem so langen Abschwung kommt, ist mehr als fraglich. Gründe für steigende Goldpreise gibt es jedenfalls genug. Allen voran wäre dies ein erneuter Favoritenwechsel. 2011 wechselte man zuletzt vom Gold zu Aktien, nach der Aktienhausse und dem Goldpreisrutsch könnten die Rollen erneut wechseln.