Der große Crash am Goldmarkt hat auch viele andere Rohstoffe aus dem Metallsektor unter Druck gebracht. Bei einigen darf man durchaus den Verdacht haben, dass der Kursrutsch unangebracht ist. Die Metalle der Platingruppe gehören dazu: Der Future der Platinunze ist in diesem Monat von 1.539 Dollar am 7. Juni auf Freitag erreichte 1.332 Dollar eingebrochen, das Jahreshoch für das Edelmetall ist bei knapp 1.745 Dollar notiert und wurde Anfang Februar erreicht.

Deutlich kommt die Irrationalität des Kurssturzes aber beim „Schwestermetall“ Palladium durch. Dessen Future stand noch am 11. Juni mit 772 Dollar nicht weit entfernt vom Jahreshoch, das im März bei 788 Dollar notiert wurde. Auch das Top aus dem Vorjahr bei 862 Dollar war nicht allzu weit entfernt und wäre in einem typischen Kursschub nach einem Kaufsignal zu erreichen gewesen – eine insgesamt chancenreiche Ausgangslage also, die durch den Gold-Crash zunichte gemacht wurde. Am Freitag hat der Palladium-Future den Handel mit knapp 675 Dollar beendet, in den Stunden zuvor wurde das Verlaufstief des vorangegangenen Kurseinbruchs bei 655 Dollar markiert.

Die Kursbewegungen dürften Anleger nicht irritieren, denn es gibt einige Aspekte bei diesen beiden Metallen, die für deutlich höhere Kurse sprechen. Sicher, die schlechten Konjunkturdaten aus China haben das Bild getrübt. China ist weltweit der mit Abstand wichtigste Wachstumstreiber für den Automarkt. Große Teile der weltweiten Platin- und Palladiumproduktion fließen dorthin und kommen in Autoteilen zur Abgasreinigung zum Einsatz.

Doch die langfristigen Wachstumsaussichten der Autoindustrie sind ungebrochen gut. Viele Autokonzerne investieren Milliardensummen in den Aufbau der Produktionskapazitäten in Asien und der Markt dort wird seinen Wachstumspfad gehen – ob mit einem Jahr Verspätung oder nicht ist langfristig nicht entscheidend, damit auch nicht für die Nachfrage nach Platin und Palladium. Hinzu kommen wichtige zukünftige Anwendungsgebiete wie zum Beispiel Brennstoffzellen.

Doch es sind weitere Faktoren, die für die beiden Metalle ein positives Marktumfeld bringen können – auch kurzfristig. Ein wichtiger Impuls aus dem Marktumfeld steht Anfang 2014 an. Dann treten in China und Europa neue Abgasnormen in Kraft. Marktexperte Chen Lin erwartet, dass die Hersteller ab dem zweiten Halbjahr 2013 Lagerbestände in den Metallen der Platingruppe aufbauen müssen, um der Nachfrage gerecht zu werden. Da könnte der aktuelle Preisrutsch der Branche gerade recht kommen und zu früheren Käufen animieren, um das gesunkene Niveau auszunutzen.

Hinzu kommen besondere Situationen in Südafrika und Russland, die die Weltmarktführer bei der Produktion von Platin und Palladium sind. Platin-Spitzenproduzent Südafrika macht nach den harten Auseinandersetzungen um Arbeitsbedingungen, bei denen es eine Reihe von Todesopfern zu beklagen gab, eine tief greifende Umbruchphase im Bergbausektor durch. Vor allem Platinkonzerne haben zu kämpfen und müssen Kosten sowie Kapazitäten reduzieren. HSBC geht davon aus, dass eine ganze Reihe südafrikanischer Bergwerke beim aktuellen Platinpreis Verluste einfährt. Von Russland erwartet der Markt auslaufende oder zumindest deutlich sinkende Verkäufe von Palladium-Lagerbeständen. Beides könnte bei den Metallen zu einem deutlich sinkenden Angebot führen – eine Verknappung, die zu Kurssteigerungen bei den beiden Rohstoffen führen sollte.

Vor diesem Hintergrund könnte der aktuelle Kursrutsch sich mit Blick auf das kommende Jahr sogar als unverhoffte Chance für Investoren entpuppen. Das gilt insbesondere wenn auch die europäischen Automärkte wieder Tritt fassen. Solange Gold und Silber aber gewaltig wackeln, bleibt die Lage kurzfristig risikoreich. Immerhin scheinen aber auch Großanleger auf den Trend Platin zu setzen: Marktdaten zeigen, dass sich die Bestände in den Platin-ETFs, stets eine Spielwiese der Institutionellen, zuletzt erhöht haben.