Für die sich abzeichnende große Koalition aus CDU, CSU und SPD wird die Energiepolitik eines der wichtigsten politischen Themen der kommenden Jahre sein. Dauernd steigende Strompreise setzen private Verbraucher und Industrie unter Druck, es regt sich Widerstand. Die EU-Kommission in Brüssel macht Druck gegen die Förderung regenerativer Energien, die zurückgefahren werden soll.

Zugleich ist man auf der anderen Seite des Atlantiks glücklich mit niedrigen Gaspreisen. Das Fracking hat die Preise für den Rohstoff purzeln lassen. Die Produktionsmethode ist allerdings hoch umstritten. Beim Fracking wird unter anderem mittels verschiedenster Chemikalien Gestein „aufgespalten“, was eingeschlossene Gasvorräte förderbar macht. Kritiker der Produktionsmethode verweisen vor allem auf Risiken für Mensch und Umwelt. Befürworter sind unter anderem EU-Kommissar Günther Oettinger oder auch BASF-Chef Kurt Bock, der – nicht uneigennützig natürlich – einen Test des Frackings in Deutschland fordert.

Industrie droht mit Abwanderung

Die Geschütze, die die Industrie nicht nur in Deutschland auffährt, werden schwerer. Man sieht einen Wettbewerbsnachteil gegenüber den USA durch die hohen Energiepreise in Europa. „In Europa gehen Arbeitsplätze verloren. Während in den USA die Investments mit hohem Energieverbrauch wachsen, stehen sie in Europa auf Halten“, zitiert das „Handelsblatt“ den Präsidenten der österreichischen Industriellenvereinigung, Georg Kapsch, zugleich Vorstandschef des Telekommunikations- und Verkehrstelematikkonzern Kapsch AG (ISIN AT000KAPSCH9). Auch von Seiten des deutschen EU-Kommissars Oettinger wird auf eine Aufnahme des Frackings gedrängt, auch als politisches Signal an den wichtigen Gaslieferanten Russland. Zugleich warnt die Internationale Energieagentur Europa davor, dass man Wettbewerbsfähigkeit und Marktanteile bei stromintensiven Gütern wie zum Beispiel im Montanbereich verlieren wird.

Fracking bringt nur wenige Jahre einen Boom

Dabei ist zweifelhaft, ob der Fracking-Boom auch langfristig Vorteile hat. Kurzfristig fallende Energiepreise wie in den USA würden womöglich durch langfristig enorme Preisnachteile erkauft. Davor warnt jedenfalls Fatih Birol, Chefökonom der Internationalen Energieagentur. Das Problem: Der Fracking-Boom wird laut Birol kaum länger als bis in das Jahr 2020 anhalten. Anschließend werde wieder die OPEC ihre Rolle als wichtigster Lieferant von Öl und Gas für die Welt zurück gewinnen – diese Rolle nehmen durch den Frackingboom mehr und mehr die USA ein.

In der Zwischenzeit, so befürchtet Birol, könnten in den OPEC-Ländern wichtige Investitionen ausbleiben, mit deren Hilfe der zukünftige Öl- und Gasbedarf befriedigt werden kann. Ein solcher Effekt würde die Preise in die Höhe treiben. Die Internationale Energieagentur hat gerade erst ihre langfristige Preisprognose für das Barrel Öl erhöht. Erwartete man für 2035 inflationsbereinigt bisher einen Preisanstieg auf 125 Dollar je Barrel Öl, so werden nun 128 Dollar genannt. Während der Fracking-Boom kurzfristig also Vorteile bei den Preisen bringen kann, bestehen für die langfristige Perspektive enorme Risiken für die Energiekosten – von möglichen Umweltproblemen einmal ganz abgesehen. Da Energiepolitik stets in Jahrzehnten denken muss, werden in den kommenden Jahren die Weichen bereits gestellt.