Lange Zeit funktionierte das internationale System im Kalimarkt mehr oder weniger hervorragend. Zwar musste die Branche in den letzten Jahren Preisrückgänge hinnehmen, doch in den Jahren zuvor machte man blendende Geschäfte. Die gegenseitige Konkurrenz war überschaubar, der Preiswettbewerb nicht so stark wie anderswo. Zuletzt gab es allerdings erste Probleme durch die gefallenen Preise. Projekte wurden gekürzt, verschoben oder eingestellt. Auch der wichtigste deutsche Vertreter der Branche, K+S, war mit seinem Legacy-Projekt in Kanada von Verzögerungen betroffen.

Doch seit Dienstag ist alles anders. Eine Nachricht aus Russland hat das bisherige, sorgfältig gepflegte Marktgefüge in der Kalibranche gesprengt. Uralkali, einer der wichtigsten Konzerne in der Sparte, schert aus einer Vertriebsallianz mit weißrussischen Partnern aus. Zum Schock für den Markt wird dies aber erst, als Uralkali-Chef Vladislav Baumgernter mit markigen Worten nachlegt. Er rechne mit einem Preisrutsch um rund ein Viertel auf Preise von weniger als 300 Dollar für die Tonne Kali, so der Manager – und löst damit ein Erdbeben aus. Nachbeben kommen, als Baumgertner auch noch kommentiert, dass die neuen Marktverhältnisse und der erwartete Preissturz Anbieter vom Markt fegen könnten.

Nur wenige Sätze haben die Russen gebraucht, um den Kalimarkt komplett aufzumischen. Es droht ein Preiskampf, von der stillen Kooperation der Konzerne scheint es keine Spur mehr zu geben. Vielleicht geschieht dies auch auf Druck der Kartellbehörden, in den USA wird ermittelt. Vielleicht will Baumgertner auch schlicht die Zahl der Konkurrenten verkleinern, um später ein größeres Stück vom Kuchen zu bekommen: Kali ist ein wichtiger Rohstoff für Dünger, hat einen großen Einfluss auf Stoffwechselprozesse bei Pflanzen. Düngemittel gelten angesichts einer wachsenden Weltbevölkerung und gleichzeitig erodierender Flächen für die Landwirtschaft als wachstumsstarke Zukunftsprodukte.

Die Russen haben es dabei vergleichsweise einfach: Sie produzieren extrem günstig und haben genügend Reserven, um die Produktion zu steigern. Mangelnde Margen pro Tonne Kali kann man dort durch Masse ausgleichen, sodass die Gewinne nicht so stark unter Druck kommen. Baumgertner hat bereits eine deutliche Fördererhöhung angekündigt. Andere Konkurrenten der Russen können dies nicht – und dies ist den Konzernlenkern von Uralkali sehr bewusst.

K+S ist einer der Branchenvertreter, deren Situation nicht so komfortabel ist wie die der Russen. Das genaue Gegenteil ist eher zutreffend. Das Unternehmen gilt unter den Kaliförderern als Hochpreisproduzent ohne große Möglichkeiten, die Produktion auszuweiten. Das kanadische Legacy-Projekt sollte hier Abhilfe schaffen, geht aber erst 2016 an den Start – dann sollen die Kosten fallen, die Produktion steigen. Doch werden die Preisprognosen von Uralkali Realität, wäre das gesamte Projekt gefährdet, so wie es derzeit scheint. Auch dies ist ein Grund, warum K+S-Chef Norbert Steiner die Märkte schon am Dienstag mit einem Statement beruhigen wollte, ohne Erfolg. Ein erster Analyst hat den Wert von Legacy bereits auf null Euro gesetzt.

Dass die K+S-Aktie in den vergangenen Tagen stark unter Druck geraten ist, muss vor dem Hintergrund der besonderen Lage des Konzerns gesehen werden. Ein Preisrutsch würde den Gewinn des Unternehmens aufgrund der hohen Produktionskosten enorm belasten, zugleich können die Kasseler dies nicht über die Menge auffangen. Eine Zwickmühle, aus der es für K+S kein leichtes Entkommen geben dürfte. Dass der Aktie nach dem Kurssturz jetzt noch ein Ausscheiden aus dem DAX droht, dürfte für die Konzernspitze in der nächsten Zeit eines der kleineren Probleme sein.